Jeep Cherokee Starker Auftritt

Für Molkereitransporte ist der Jeep Cherokee, immerhin Geländewagen des Jahres, wohl nicht die richtige Fahrzeugwahl, findet mm-Tester Wolfgang Brunner. Dafür sehe der Offroader aber sehr gut aus, so der Bankenprofessor.

Wolfgang Brunner hat nach eigenen Angaben "Benzin im Blut". Der Professor für Bankbetriebslehre an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft hat sich deshalb vorgenommen, "nur positive Aspekte zur Sprache" zu bringen über den Testwagen, der knallrot und wuchtig auf dem Chefparkplatz des Campus wartet.

"Kein Wort", kündigt Brunner an, werde er verlieren zu den Debatten über tonnenschwere Spritschlucker, "keine Silbe" zur Frage, wer denn solche allradgetriebenen Kolosse kaufen und über deutsche Straßen kutschieren soll. "Solange es eine Nachfrage für dieses Angebot gibt", meint der in diesen Tagen viel gefragte Spezialist für Finanzdienstleister, "muss man es nicht bekritteln."

Außerdem, findet Wolfgang Brunner, sehe der Jeep Cherokee mit seinem markanten Gesicht und den üppigen Chromextras um die Scheinwerfer und am großen Kühlergrill sehr gut aus. "Eine kantige Formensprache", urteilt der Professor, die Charakter zeige und "insgesamt einen selbstbewussten Auftritt".

Die Testfahrt führt zunächst durch die Villenstraßen von Berlin-Karlshorst, ehemals Wohnviertel der russischen Besatzungsoffiziere. Auf den zum Teil abenteuerlichen Buckelpisten aus Kopfsteinpflaster und Asphaltflicken schwächelt die Dämpfung des Cherokee: Jede der vielen Querrillen bringt das klobige Gefährt zum Schlingern und Schwanken. Zudem gibt die harte Federung jedes der vielen Schlaglöcher an die Insassen weiter und lässt sie nach den Haltegriffen schnappen.

Für Molkereitransporte, bemerkt mm-Tester Brunner ironisch-trocken, tauge dieses Jeep-Modell somit nur sehr bedingt: Mitgeführte Sahne werde automatisch zu Butter gestampft.

Immerhin: Nichts klappert oder quietscht, die Verarbeitung der US-Karosse zeigt sich unter dieser Belastung als tadellos. Die Lenkung bleibt ruhig und dennoch leichtgängig; die Getriebeautomatik erweist sich als ebenso robust wie komfortabel.

Ungeahnte Cruiser-Qualitäten

Bei Überholmanövern auf den brandenburgischen Landstraßen südlich von Berlin entwickelt der Vierzylinder-Diesel des Cherokee jedoch wenig Temperament. Wolfgang Brunner nimmt's gelassen und lobt stattdessen das funktionale Interieur: Die Rundinstrumente sind exzellent ablesbar, das Radio lässt sich einfach bedienen über Tasten im Lenkrad.

Auf der Autobahn Richtung Dresden überrascht der große Jeep mit ungeahnten Cruiser-Qualitäten. Sein schwerblütiger Turbodiesel schnurrt hier brav unterhalb von 3000 Touren, der lange Radstand und die breiten Reifen sorgen für müheloses Dahingleiten. Wind- und Abrollgeräusche bleiben draußen.

Dennoch würde Wolfgang Brunner den Jeep Cherokee nicht kaufen. In den Kofferraum hinter einer hohen Ladekante und unter der Abdeckplane passen zwar einige Golftaschen. Die muss der 57-Jährige unterbringen, wenn er mit seinen drei halbwüchsigen Töchtern zu einer Platzrunde loszieht. Die Zeltausrüstung für einen Wochenendausflug bekommt er dort jedoch nicht unter.

Zudem ist der Platz auf der Rückbank begrenzt: Die gesamte Familie Brunner ließe sich nur unbequem befördern.

Schließlich steht in dem Professorenhaushalt kein Fahrzeugwechsel an. Wolfgang Brunner fährt im Alltag S- und U-Bahn. Am Wochenende steigt er in sein elegantes Youngtimer-Coupé, einen Mercedes 500 SEC, Baujahr 1982. Auf den Achtzylinder, der ziemlich unzeitgemäß mit fossilen Ressourcen umgeht, will Wolfgang Brunner partout nicht verzichten. Was auch erklärt, warum der Ökonom keine Debatte über Spritschlucker führen möchte.


mm-Kritik: Der Fußraum des Fahrers ist winzig, der Einstieg hinten zu schmal, die Rückbank ist hart und gibt kaum Seitenhalt. Das Bremspedal ist wie Pudding unterm Fuß, die Verzögerung lässt sich schlecht dosieren. Die Maschine stammt hör- und spürbar aus dem vergangenen Jahrhundert. Im Vergleich zu den schicken SUVs von BMW oder Mercedes hat der robuste Jeep somit keine Chance. Allerdings kostet er auch sehr viel weniger.

Technik: Vierzylinder-Turbodiesel mit 177 PS/130 kW; Spitze: 179 km/h.

Preis: ab 31.990 Euro.

Showroom: Jeep Cherokee

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