Good Company Ranking Das Gute im Kapitalismus

Wie ernst nehmen Europas größte Konzerne ihre gesellschaftliche Verantwortung? Die diesjährige manager-magazin-Rangliste zeigt ein überraschendes Ergebnis: Deutsche Unternehmen zeigen sich im Vergleich besonders verantwortungsbewusst. Und ein hiesiger Konzern hat sich sogar an die Spitze der Rangliste gesetzt.

Die Botschaften sind an Eindeutigkeit kaum zu überbieten. "Fahrt zur Hölle!", forderten Demonstranten in Manhattan vor einigen Wochen dort arbeitende Investmentbanker auf.

"Fresst die Reichen!", sprühten Kapitalismusgegner vor dem G20-Gipfel Anfang April in London an die Wände von Bankgebäuden. In Frankreich nahmen Mitarbeiter von Caterpillar , 3M und Sony  sogar einzelne Manager kurzzeitig als Geiseln. Ein handgreiflicher Protest gegen geplante Entlassungen.

Der Ton wird harscher, die Aktionen werden härter - in der Weltwirtschaftskrise gerät das kapitalistische System weltweit massiv unter Druck. Demoskopen diagnostizierten einen gravierenden Vertrauensverlust: Viele Bürger bezweifeln inzwischen, dass Banking, Big Business und Shareholder-Value tatsächlich die Gesellschaft voranbringen.

Schon zeichnete Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), radikalen politischen Denkens unverdächtig, Szenarien von massenhaft brennenden Autos für Nobelviertel. Kann das Topmanagement in dieser sich zuspitzenden Lage für Entspannung sorgen? Lassen sich durch Prinzipien guter Unternehmensführung gar gesellschaftliche Widersprüche überbrücken?

Eigentlich gebe es diese Widersprüche doch gar nicht, sagt Alwin Fitting, Personalvorstand und Hauptverantwortlicher für Corporate Responsibility (CR) und Umweltschutz beim Energiemulti RWE . Eigentlich hätten doch auch die Kapitaleigner - sprich: Aktionäre - längst eingesehen, "dass sich die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens und die Interessen seiner Aktionäre nach hoher Rendite ergänzen". In seiner Branche der Energieversorger, aber auch in immer mehr anderen Wirtschaftszweigen, sagt Fitting in weichem rheinhessischem Zungenschlag, sei das eine Bedingung für das andere: Wer seine gesellschaftliche Akzeptanz verliere, dem drohe letztlich der Verlust seiner Geschäftsgrundlage - der verliere das Vertrauen der Kunden und die Unterstützung durch die Politik.

Alarmsignale für deutsche Wirtschaft

Corporate Social Responsibility - mal mit dem Zusatz "Social" (CSR) verwendet, mal ohne - war für die europäischen Großunternehmen wohl noch nie so wichtig wie heute. Was vor wenigen Jahren ein Spielfeld für soziale Experimente und prestigeträchtige Projekte war, gehört inzwischen zu den täglichen Aufgaben des Topmanagements. CSR soll das Vertrauen in einzelne Unternehmen stabilisieren. Auf diese Weise präsentieren die Konzerne das Gute im Kapitalismus.

Das aktuelle, nunmehr dritte Good Company Ranking von manager magazin dokumentiert die Bedeutung von CSR. Die Rangliste, initiiert und organisiert von der Hamburger Kirchhoff Consult, bewertet die größten europäischen Aktiengesellschaften nach ihrem sozialen Engagement und ihrem geschäftlichen Erfolg.

An der Spitze beträgt der Abstand zwischen den Plätzen oft nur wenige Hundertstel Prozentpunkte - Beleg dafür, dass sich inzwischen ein konzernübergreifender Konsens über Ziele und Methoden der CSR herausgebildet hat. Die Top Ten sind bunt gemischt durch alle Branchen und Länder. Gleichwohl stellen deutsche Unternehmen den Spitzenreiter (BASF ) und mit vier von zehn Topplatzierten die größte Fraktion.

Auffällig ist auch, wie weit abgeschlagen die Finanzdienstleister rangieren. Der bestplatzierte (die italienische Intesa San Paolo) taucht erst auf Rang 21 auf; das Schlusslicht der Liste bildet die deutsche Skandalbank Hypo Real Estate mit katastrophalen 23,6 von 100 möglichen Punkten.

In der aktuellen Wirtschaftskrise gehört ein konsequentes CSR-Management zu den wirksamsten Überlebensstrategien der Konzerne. So lautet die Schlussfolgerung aus dem jüngsten Edelman Trust Barometer. Dieses globale Meinungsbild, basierend auf Tiefeninterviews mit weltweit rund 4500 Meinungsführern, zeigt das Vertrauen in die Unternehmen "im freien Fall". Besonders dramatisch sind die deutschen Ergebnisse: 73 Prozent der hierzulande Befragten gaben an, sie trauten der Wirtschaft noch weniger als im Vorjahr. Den Banken bringen sogar nur 23 Prozent der Interviewten Vertrauen entgegen. Im Vorjahr waren es immerhin noch 42 Prozent.

Für die Autoren der Studie sind das Alarmsignale. Die Unternehmen müssten unbedingt offensiv darauf reagieren.

"Eine Investition in unsere Reputation"

Günter Verheugen sieht das ähnlich. Der EU-Industriekommissar, der von sich sagt, das Thema CSR sei ihm "ein Herzensanliegen", glaubt, dass Manager und Unternehmer klar sehen, dass sie eine gesellschaftliche Verantwortung haben und sich deshalb nicht mal verbiegen müssen, um den gestiegenen Erwartungen nachzukommen. Denn letztlich könnten nur sozial verantwortlich geführte Unternehmen dauerhaft ökonomisch erfolgreich sein: CSR, systematisch integriert in alle Geschäftsaktivitäten und kontinuierlich gemanagt, "erhöht die Wettbewerbsfähigkeit, führt zu besseren Bewertungen bei Analysten und stärkt den Zusammenhalt im Unternehmen", sagt Verheugen.

Wegen der positiven Effekte auf den Kunden- wie auf den Kapitalmärkten will Bayer-Vorstand Wolfgang Plischke unbedingt an den rund 300 CSR-Programmen festhalten, die sein Unternehmen weltweit betreibt. Allen krisenbedingten Sparmaßnahmen zum Trotz will der Chemie- und Pharmamulti Bayer  weiter investieren in die ökologischen Konzepte für Firmengebäude und in das internationale Volunteering-Programm "Making Science Make Sense", das Grundschülern den Zugang zu Naturwissenschaften und Technik erleichtert.

Rund 50 Millionen Euro lässt sich der Konzern seine CSR-Aktivitäten jährlich kosten. "Eine Investition in unsere Reputation - und damit in unsere Zukunft", sagt Plischke. Das Geschäftsmodell - die Bayer-Produkte sollen nach Leverkusener Selbstverständnis Lösungen bieten für die großen Probleme wie die Alterung der Gesellschaft (Pharma), den Welthunger (Agrar) oder den Klimawandel (Kunststoffe) - könne nur funktionieren, wenn der Konzern insgesamt als Problemlöser anerkannt sei.

Das RWE-Management denkt in dieselbe Richtung. "Wie", fragt Vorstand Alwin Fitting, "sollten wir gesellschaftliche Akzeptanz schaffen für Zukunftsprojekte, etwa für neue Hochspannungsleitungen oder künftig für die unterirdische Lagerung von CO2, das wir zum Schutz des Klimas aus dem Rauchgas unserer thermischen Kraftwerke abtrennen wollen, wenn wir nicht allgemein gesellschaftlich akzeptiert sind?"

Die Bemühungen der Multis dienen inzwischen kleineren Firmen als Vorbild. Der rheinische Laborausrüster Qiagen , notiert im TecDax , will zum Beispiel in den nächsten fünf Jahren Testsets für eine bessere Krebsdiagnostik mit einem Marktwert von 30 Millionen Dollar an internationale Gesundheitsorganisationen und an Behörden in Entwicklungsländern spenden.

Ob die CSR-Aktivitäten tatsächlich die krisenbedingten Sparzwänge überleben, ob Europas Konzerne sich als Konfliktlöser in der Krise des Kapitalismus bewähren - mm wird die Entwicklungen aufmerksam verfolgen: Das nächste Good Company Ranking erscheint im Jahr 2011.

Die Rangliste: Europas große Aktiengesellschaften im Test EU-Kommissar Verheugen: "Ich warne vor zu viel Staat" Good Company Ranking: Mehr als Geld und gute Worte

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