Wirtschaftskrise Überleben in der Eiszeit

Schon jetzt trifft die Weltrezession deutsche Vorzeigebranchen hart. Die Industrie, das Herz der deutschen Wirtschaft, steckt in massiven Problemen. Experten warnen: Das Schlimmste kommt noch.

Der Weg ins Herz der deutschen Wirtschaft führt über die B19. Nach den letzten Siedlungshäuschen von Igersheim, einem Dörfchen im weiten Grenzland zwischen Franken und Württemberg, durchschneidet die Bundesstraße zunächst einige Dutzend Meter freies Feld. Dann ein unvermittelter Abzweig mitten im Acker, eine kurze Stichstraße nach rechts, die bereits den Namen des Firmengründers trägt. Am Ende der Straße ein zweistöckiges Verwaltungsgebäude, dahinter die Produktionshallen. Anlieferung rechts, Besucher links. Vor dem verglasten Foyer steht ein Fahnenmast. Schwarz-Rot-Gold flattert über dem Porsche 911 des Firmeneigners.

Willkommen im Heartland der deutschen Wirtschaft, willkommen bei der Wittenstein AG! Einst gegründet von Walter Wittenstein (dem mit der Straße) als Fabrik für Damenhandschuh-Nähmaschinen, vom Strukturwandel hinabgestoßen in die Beinahepleite, errettet vom Sohn (der mit dem Porsche ), aufgestiegen zum Technologieführer für Spezialgetriebe und Elektromotoren. Heute steht die Wittenstein AG stellvertretend für jenes Netz von Mittelständlern, deren Heimatorte kaum jemand kennt, deren Produkte kaum jemand versteht und die doch in ihrer Summe Deutschland zum Exportweltmeister machen.

Von Katastrophen jeglicher Art wähnt man sich in Manfred Wittensteins Gegenwart weit entfernt. Der drahtige 66-Jährige, Kinnbart, Bürstenschnitt, wache Augen, Doktor-Ingenieur ehrenhalber, Träger der Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg und Herr über 1300 Beschäftigte, verströmt die Gelassenheit des Erfolgreichen: Sicher, die letzten Monate waren bitter für seine Firma, mit Auftragsrückgängen zwischen 20 und 30 Prozent. Minus 20 Prozent, das entspricht auch der Jahresprognose des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), dem Wittenstein als Präsident vorsteht.

Die Gegenwart mag trüb erscheinen, doch Wittenstein steckt voller Optimismus: Seit der Jahrtausendwende hätten die Mitgliedsunternehmen des VDMA ihre Produktionskosten gesenkt, ihre Eigenkapitaldecke gestärkt, das alles bei ungebrochener Innovationskraft. "Wir brauchen offene Märkte und qualifizierte Arbeitskräfte", sagt Wittenstein. "Wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Maschinen- und Anlagenbau weiterhin weltweit führen."

Wittensteins Haltung ist typisch für die deutsche Industrie: Nach der Krise wird es wieder wie vor der Krise. Die Globalisierung treibt das weltweite Wachstum, und wer Spitzenprodukte zum vertretbaren Preis liefert, der wird immer genug Kunden haben. So denken Exportweltmeister.

Doch vieles spricht dafür, dass nicht der derzeitige Auftragseinbruch die Ausnahmesituation darstellt, sondern der exportgetriebene Wachstumsschub in den Jahren zuvor. Der deutschen Industrie fehlt es derzeit nicht an Wettbewerbsfähigkeit, sondern an Nachfrage. Schon ist die deutsche Industrieproduktion auf den Stand des Jahres 2000 zurückgefallen. Und ein Ende des Rückgangs ist noch nicht in Sicht.

Arbeitslosigkeit könnte sich verdoppeln

Im Gegenteil. Das Schlimmste kommt noch - zu diesem Schluss gelangt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einer umfangreichen Analyse über die Zukunft der wichtigsten deutschen Industriebranchen exklusiv für manager magazin. "Im internationalen Vergleich sind die deutschen Führungskräfte besonders optimistisch", sagt Studieninitiator Daniel Stelter, weltweiter Leiter der Sparte Unternehmensentwicklung bei BCG. "Die Mehrheit rechnet unseren Befragungen zufolge mit einer Rückkehr des Wachstums spätestens im ersten Halbjahr 2010." Doch diese vergleichsweise optimistische Annahme, so Stelter, werde unwahrscheinlicher mit jedem Tag, den die Rezession andauert.

Zwei Alternativszenarien halten die BCG-Experten inzwischen für deutlich realistischer: Entweder eine globale Rezession, die bis weit ins Jahr 2010 anhält und ab 2011 in ein mäßiges weltweites Wirtschaftswachstum übergeht - rund einen Prozentpunkt weniger als im Schnitt der Jahre 2000 bis 2007.

Bereits in dieser Variante eines U-förmigen Konjunkturverlaufs käme es zu dramatischen Umbrüchen in der deutschen Industrie: dauerhafter Auftragsrückgang von bis zu 10 Prozent in den Branchen Auto, Maschinenbau, Chemie und Metall, begleitet von drastischem Arbeitsplatzabbau. Bis zu 740.000 Jobs könnten bis 2015 verloren gehen. Weil viele Servicejobs mittelbar an der Industrie hängen, könnten noch einmal doppelt so viele Stellen im Dienstleistungssektor vernichtet werden, schätzt Hilmar Schneider, Direktor beim Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Insgesamt rund zwei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland weniger - wohlgemerkt, dies ist das optimistischere der beiden Szenarien. Ob es eintritt, hängt daran, dass keine weiteren Banken zusammenbrechen, dass die weltweit angelaufenen Konjunkturpakete greifen und die Weltmärkte einigermaßen offen bleiben.

Wenn nicht, dann wird das zweite, das pessimistische Szenario zur neuen Realität: Der derzeitige Wirtschaftseinbruch mündet nicht in einen neuen Aufschwung, sondern zunächst in eine Phase der wirtschaftlichen Stagnation, wie sie die Welt seit den 30er Jahren nicht mehr erlebt hat. Erst 2013 begänne die Weltwirtschaft wieder nennenswert zu wachsen, allerdings nur mit rund einem Prozent pro Jahr. Pro Kopf der Weltbevölkerung gäbe es auf Jahre hinaus keine Wohlstandszuwächse. Ein Szenario, das auch der Internationale Währungsfonds in ähnlicher Form für möglich hält.

Die Auswirkungen eines solchen L-förmigen Konjunkturverlaufs auf die deutsche Industrie wären katastrophal. Mehr als ein Drittel der Industrieproduktion in den fünf Schlüsselbranchen könnte dauerhaft verloren gehen und zu nie dagewesenen Massenentlassungen führen. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland könnte sich gegenüber dem heutigen Stand auf bis zu acht Millionen verdoppeln.

Die Bundesrepublik hätte ihr Betriebssystem eingebüßt, die Krise würde ans Selbstverständnis der Nation rühren. Seit Kaisers Zeiten gehört die international erfolgreiche Industrie zu den kollektiven Mythen der Deutschen. Dank Kruppstahl und Volkswagen durften sich die Bundesbürger auch dann noch bedeutend fühlen, als alle Großmachtfantasien ausgeträumt waren.

Neue Spielregeln für deutsche Unternehmen

Und mit dieser Herrlichkeit aus Stahl und Öl soll es nun vorbei sein? Zumindest muss sich die deutsche Industrie, müssen sich Staat und Gesellschaft auf grundlegend neue Realitäten in der Weltwirtschaft einstellen, die auch der BCG-Analyse zugrunde liegen:

  • Der private Konsum fällt als Wachstumsmotor weitgehend aus. Mit dem Platzen der Immobilienblase wurde den Konsumenten in vielen Staaten ihre Vermögensillusion geraubt. Die Verbraucher werden künftig einen größeren Anteil ihres Einkommens sparen.
  • Das schwächelnde Wachstum der Weltwirtschaft trifft auf gewaltige Überkapazitäten, die während der vergangenen Boomjahre entstanden sind, etwa in der Auto- oder der Stahlindustrie. Eine gewaltige Pleitewelle erscheint daher unausweichlich. Opel und General Motors  bilden nur die Vorhut.
  • Der Staatseinfluss auf die Wirtschaft steigt dauerhaft, zum einen durch in der Not eingegangene Staatsbeteiligungen an Banken und Industrieunternehmen, zum anderen durch öffentliche Konjunkturprogramme. Die stabilisieren zwar kurzfristig das Wachstum, führen aber langfristig zu höheren Steuer- und Schuldenlasten.
  • Je schwieriger die Lage der Unternehmen, desto eher werden viele Nationen zu protektionistischen Maßnahmen greifen. Den USA, die sich in der Vergangenheit vor allem auf ihren Finanzsektor verlassen haben, bleibt kaum eine andere Alternative: Sie müssen um jeden Preis versuchen, ihre daniederliegende Industrie wieder aufzupäppeln, indem sie sie mit neuen Handelshemmnissen vor ausländischer Konkurrenz schützen. Das sehen auch die von BCG befragten Führungskräfte den USA so.

Schlecht für die deutsche Industrie, die sich bislang vor allem auf ihre Wettbewerbsfähigkeit verlassen hat. Für hiesige Unternehmen gibt es keine Alternative: Sie müssen nach den neuen Regeln spielen, müssen in einer Welt zurechtkommen, in der das Wachstum auf Jahre hinaus schwächelt, in der protektionistische Hürden das Exportgeschäft erschweren und die Beziehungen zu Politikern in Zukunft ebenso wichtig sein werden wie die Beziehungen zu Kunden - oder in der Politiker gleich selbst die Kunden sind.

So wie in der deutschen IT-Industrie. Wer in diesen Tagen auf Ulrich Dietz trifft, Gründer des Softwarehauses GFT, der erlebt den normalerweise zurückhaltenden Schwaben mitten in der Krise bei bester Laune. Dietz stellt gerade 150 neue Mitarbeiter ein, hat Großaufträge öffentlicher Banken ergattert. Viele Kreditinstitute lagern derzeit Teile ihrer Programmierarbeit aus, auch um in der Finanzkrise ihre Kapitalbindung zu reduzieren.

Wie GFT, so setzt auch der IT-Branchenverband Bitkom insgesamt auf Aufträge aus dem öffentlichen Bereich. Digitaler Polizeifunk, elektronische Gesundheitskarte, Bürgerportale und E-Government: "In solche Projekte legen wir große Hoffnungen", sagt Bitkom-Vorstandsmitglied Dietz. Bislang habe der öffentlichen Hand oft das Geld gefehlt, aber das ändere sich gerade, "auch dank des Konjunkturprogramms". Dass die Aufträge ins Ausland gehen könnten, an Softwarefirmen aus Indien oder Osteuropa, fürchtet Dietz nicht: "Gerade bei öffentlichen Aufträgen spielen die deutsche Sprache und die Verlässlichkeit der Auftragnehmer eine große Rolle."

Pleitewelle im Sommer erwartet

Lobbyismus wird für immer mehr Unternehmen zum Kerngeschäft. Politische Verbindungen lassen sich künftig nicht nur nutzen, um Aufträge zu erlangen - sie können auch helfen, Wettbewerber aus dem Heimatmarkt auszusperren.

Die Protektionismus-Spirale hat bereits begonnen, sich zu drehen. Eine Übersicht der Weltbank zeigt: Unter den G20-Staaten, den 20 wichtigsten Wirtschaftsmächten der Welt, haben nur drei trotz Krise der Versuchung zu neuen Handelsbeschränkungen widerstanden. In den übrigen 17 Staaten wurden seit dem vergangenen Herbst insgesamt 47 handelsverzerrende Maßnahmen beschlossen: von neuen Exportbeihilfen für Milchprodukte in der Europäischen Union über höhere Einfuhrzölle für Gebrauchtwagen in Russland bis hin zur Buy-American-Klausel in Barack Obamas Konjunkturpaket.

Die Welthandelsorganisation schätzt, dass der internationale Handel 2009 um 9 Prozent einbrechen wird - weit stärker als die Weltwirtschaft insgesamt. Das mächtige Rad der Globalisierung wird durch die Krise nicht nur angehalten, sondern sogar ein Stück zurückgedreht. Ein Handelskrieg wie in den 30er Jahren ist gar nicht nötig, um die weltweite Wirtschaftsintegration zu stören. Schon leicht erhöhte Zölle und bürokratische Hürden führen dazu, dass über Jahre geknüpfte globale Wertschöpfungsketten unrentabel werden.

Für viele Unternehmer lohnt es sich wieder, Kunden und Zulieferer in ihrer Heimat zu suchen. Und wer künftig noch Kunden in aller Welt bedienen will, wird häufiger als bisher eigene Montageanlagen im Zielgebiet errichten müssen, um Handelsschranken zu umgehen. Dabei gilt: Je homogener die Produkte, desto größer die Protektionismusneigung. Autos und Stahl lassen sich leichter aussperren als hoch spezialisierte Maschinen oder Elektronikkomponenten.

Vor allem für die deutsche Autoindustrie bedeutet die Kombination aus globaler Nachfrageschwäche und Protektionismusgefahr einen Schock. Jahrelang hatten VW , Audi , BMW  und Daimler  vor allem den Weltmarkt im Visier. Entsprechend heftig wird die Autoindustrie laut BCG-Analyse von der Krise getroffen: Fast die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland könnte schlimmstenfalls in den kommenden Jahren wegfallen.

Doch zunächst geht es für die meisten deutschen Unternehmen darum, überhaupt lebendig durch die Krise zu kommen. Gerade für viele Mittelständler könnte die Kombination aus Kreditklemme, nach wie vor dünner Eigenkapitaldecke und anhaltendem Absatzrückgang tödlich wirken.

In der Bundesregierung rechnet man insgeheim längst mit einer Pleitewelle in den Sommermonaten, pünktlich zur heißen Phase des Bundestagswahlkampfes. Bei den prominenten Fällen Opel und Arcandor wurde der Streit um die Frage, ob sich der Staat an notleidenden Industrieunternehmen beteiligen soll, bereits auf breiter Front und in aller Öffentlichkeit ausgetragen.

Baden-Württemberg als Testfall

Günther Oettinger vertritt in dieser Frage klare Ansichten. Zurückgelehnt im Fond seiner Limousine, sagt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg: "Die Krise führt zu einem beschleunigten Strukturwandel. Aber dieser Strukturwandel führt uns nicht raus aus der Industrie, sondern hinein in neue Produkte und neue Branchen."

Keine Region steht so sehr für das alte Geschäftsmodell der Bundesrepublik wie Baden-Württemberg. Nirgendwo ballen sich die Exportweltmeister so stark wie hier. Nicht nur Wittenstein ist in Baden-Württemberg zu Hause, sondern auch Daimler, wo den Angestellten gerade die Gehälter gekürzt wurden, und die Heidelberger Druckmaschinen AG , die trotz 850 Millionen Euro Staatshilfe ein Viertel ihrer Belegschaft entlassen will. So gesehen, bildet das Land den Testfall dafür, ob es der Bundesrepublik gelingt, sich den neuen Spielregeln der Weltwirtschaft anzupassen.

Oettinger hofft, dass das Innovationstempo mit dem Strukturwandel Schritt hält: dass so schnell Neues entsteht wie Altes abstirbt - dass eine erneuerte Industrie gestärkt aus der Krise hervorgeht. Aber das ist angesichts der Schwere und Dauer der Krise keineswegs sicher. In Deutschland, sagt Ulrich Witt, Direktor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena, funktioniere ein "radikaler Strukturwandel" nun mal nicht. Er passe nicht zu einer Industriestruktur, die auf langfristige Loyalitäten zwischen Firmen und Beschäftigten baue. "Es gibt Pfadabhängigkeiten in der wirtschaftlichen Entwicklung: Vom deutschen Modell kann man nicht ohne Weiteres aufs amerikanische umschwenken."

Gerade in mittelständischen Familienbetrieben wie Wittenstein beruht die Innovationskraft auf langfristig ans Unternehmen gebundenen Mitarbeitern, ebenso wie auf jenem spezifisch deutschen Netzwerk von Familienunternehmern, die im steten Austausch miteinander Neues hervorbringen. Zu den wichtigsten Kunden der Wittenstein AG zählt beispielsweise die Trumpf AG von Berthold Leibinger mit ihren lasergestützten Werkzeugmaschinen.

Wenn Wittenstein und Trumpf in gemeinsamer Entwicklungsarbeit die nächste Generation von Werkzeugmaschinen noch ein bisschen besser machen als die vorherige, dann bedeutet das weit mehr als nur einen Austausch von Ware gegen Geld. Es geht auch um gemeinsame Ingenieursehre, um Leidenschaft fürs Tüfteln, die von den jeweiligen Firmenpatronen vorgelebt und von den Angestellten geteilt wird. "Mit Hire and Fire können sie keinen global wettbewerbsfähigen Maschinenbau betreiben", ist sich Wittenstein sicher.

Derzeit bummeln seine Angestellten die Überschüsse ab, die sich in den vergangenen Jahren der Hochkonjunktur auf den Arbeitszeitkonten angesammelt haben. Erst wenn sich die Lage bis Ende 2009 nicht gebessert habe, müsse man über Kurzarbeit nachdenken, aber selbst dann: "Ich gehe fest davon aus, dass wir ohne betriebsbedingte Kündigungen durch die Krise kommen."

Alles andere wäre fatal, nicht nur für die betroffenen Arbeitnehmer. Wenn Firmen wie die Wittenstein AG anfangen müssten, Mitarbeiter zu entlassen, oder wenn durch eine Pleite irgendwo in der Lieferkette das Netzwerk zwischen der Wittenstein AG und ihren Kunden, Partnern und Zulieferern abreißt, dann ginge auf Jahre hinaus das Wissen verloren, das in solchen informellen Netzwerken gespeichert liegt - und damit die Fähigkeit, Neues hervorzubringen. Schon vor 25 Jahren waren es allein die Fähigkeiten der Mitarbeiter, die es Wittenstein erlaubten, von Nähmaschinen auf Spezialgetriebe umzuschwenken.

"Ein gigantischer Markt"

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wiederum bilden noch mehr und noch bessere Innovationen die einzige tragfähige Strategie, mit der Deutschland auch unter den neuen Spielregeln der Weltwirtschaft erfolgreich sein kann. "In einer Welt mit mehr Protektionismus werden am ehesten solche Produkte Handelsschranken überwinden, die niemand anders herstellen kann", hofft Oettinger. Wirtschaftspolitik in der Krise müsste demnach bedeuten, die fragilen Wissensnetzwerke in der deutschen Industrie zu erhalten. Dazu können Bürgschaften dienen, auch eine nochmalige Verlängerung des Kurzarbeitergelds, mit der selbst Finanzminister Peer Steinbrück inzwischen liebäugelt. Eine Staatsbeteiligung an Opel zählt eher nicht dazu. Stattdessen müsste die Politik entschlossener die Forschung in jenen Feldern unterstützen, in denen sich für die deutsche Industrie Wachstumschancen ergeben.

"Die besten Aussichten haben Technologien, die sich an traditionell starke deutsche Branchen anlehnen", sagt BCG-Experte Daniel Stelter, "zum Beispiel die Nanotechnologie, die nah dran ist am Maschinenbau. Oder die elektrische Antriebstechnik beim Auto, von der die Fahrzeugbauer profitieren. Oder aber die weiße Biotechnologie, die der Chemieindustrie neue Impulse gibt."

An Ansätzen fehlt es nicht: Längst hat sich Manfred Wittenstein eine Tochtergesellschaft zugelegt, die sich mit Nanotechnologie beschäftigt, mit der Miniaturisierung von Motoren. Die deutsche Autoindustrie ist endlich aufgewacht und versucht gegenüber Technologieführer Toyota ihren Rückstand bei Elektroantrieben aufzuholen. Und auch die "weiße Biotechnologie", die von Mikroorganismen erzeugte Substanzen für die chemische Industrie nutzbar macht, hat in Deutschland ihren Herold gefunden: Holger Zinke, Gründer und Chef der Brain AG. Im strengen dunklen Dreiteiler, der so gar nicht zu seinem jungenhaften Grinsen passen will, zieht der 46-jährige Mikrobiologe seinen Rollkoffer den Berliner Schiffbauerdamm entlang. Gestern parlamentarischer Abend des Verbands der Chemieindustrie (VCI), heute Gespräche im Forschungsministerium.

Zinkes Brain AG arbeitet zum Beispiel für Henkel  an Waschmittelenzymen, die dafür sorgen, dass die Wäsche bei stromsparenden 30 Grad so sauber wird wie früher nur bei 60 Grad. Große Durchbrüche kommen manchmal alltäglich daher. "Schon 2015 werden 10 Prozent der chemischen Industrie auf biotechnologischen Verfahren basieren", sagt Zinke. "Ein gigantischer Markt, und keine Industrienation ist so sehr dazu bestimmt, ihn zu dominieren, wie Deutschland mit seiner starken Chemiebranche."

Wenn es nach Zinke ginge, müsste alles viel schneller laufen. Gerade jetzt in der Krise müsse man doch in die Offensive: "Warum verkünden die großen Branchenverbände nicht als Strategie: ,Wir wollen Weltmarktführer sein in der Biologisierung der Chemie.'" Stattdessen sei die einzige Vision, die eine große Industrievereinigung durchgefochten habe, die Abwrackprämie. Der VCI diskutierte beim parlamentarischen Abend lieber über die Belastungen durch die EU-Chemikalienrichtlinie.

Zinke beschreibt genau den Spagat, vor dem die Politik in der Weltwirtschaftskrise steht: In den nächsten Wochen muss sie Arbeitsplätze retten und Wahlen gewinnen. In den nächsten Monaten muss sie dazu beitragen, dass die Welt nicht vollends in eine Protektionismusspirale abgleitet. Und in den nächsten Jahren muss sie jene Technologien fördern, mit denen deutsche Unternehmen auch in einer wachstumsschwachen und von neuen Schlagbäumen durchzogenen Weltwirtschaft bestehen können. Nur so lässt es sich verhindern, dass das pessimistischere der beiden BCG-Szenarien zur Realität wird. Der Kampf ums neue Betriebssystem der Bundesrepublik hat längst begonnen.

Industrieproduktion: Die fünf Schlüsselbranchen Industriestandort Deutschland: Mit Visionen gegen die Krise Welt nach der Krise: Neue Realitäten

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