Kolumne Unser Leben mit weniger Rendite

Weil es darum ging, auch das letzte Zehntel Prozent Rendite aus einer Investition herauszuholen, haben wir jeden Sicherheitspuffer aufgezehrt. Wir müssen lernen, mit niedrigen Renditen zu leben: Denn langfristige Gesundheit ist wichtiger als kurzfristiger Profit.
Von Jürgen Kluge

Aussitzen, abwarten und hoffen, dass die Krise möglichst schnell vorbeigeht - das kann für niemanden eine echte Option sein. Stattdessen ist jetzt Mut gefordert, die Folgen der Krise einzudämmen und Unternehmen und Volkswirtschaften krisenresistenter zu machen. Die internationale Staatengemeinschaft, die Unternehmen, wir alle müssen eine neue Perspektive einnehmen.

Ein kleines Gedankenspiel, zugegeben unwissenschaftlich: Die Prognosen für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gehen für 2009 von etwa minus 5 bis 6 Prozent aus. Die Folge: Eine Volkswirtschaft liegt auf der Intensivstation mit milliardenschweren Infusionen. Stellen wir uns die deutsche Volkswirtschaft einmal als Großkonzern mit vielen Geschäftsfeldern vor und einem Break-even-Point (Gewinnschwelle) von 95 Prozent. Verrückt und inakzeptabel, sagen Sie als erfahrener Manager. Da mangelt es wohl an Flexibilität bei allen Inputfaktoren: bei Kapital (der Finanzierung), Material (zum Beispiel den Lieferketten) und vor allem beim Personal, das dann und dort arbeiten sollte, wo es gebraucht wird. Recht haben Sie!

Jahrelang ging man davon aus, dass Unternehmen und Volkswirtschaften für externe Schocks weniger anfällig geworden sind. Es bestand Konsens: Regionale Diversifizierung und besseres Risikomanagement haben die Krisenresistenz erhöht und die wirtschaftliche Entwicklung stabilisiert.

Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall. Die enge globale Verflechtung hat zu einem Gleichlauf der Konjunkturen geführt, der eine Risikostreuung nach Regionen fast unmöglich macht. Die Varianz der weltweiten Wachstumsraten des BIP pro Kopf hat sich im laufenden Jahrzehnt gegenüber den 90er Jahren halbiert.

Weltwirtschaft und viele Unternehmen fuhren buchstäblich am Limit mit Vollgas in den flachen Teil einer Sättigungskurve. Weil es darum ging, auch das letzte Zehntel Prozent Rendite aus einer Investition herauszuholen, wurde jeder Sicherheitspuffer aufgezehrt.

Viele Unternehmen haben dadurch jegliche Flexibilität verloren und kämpfen um das Überleben. Dünne Kapitaldecken bei Banken, zu geringe Liquiditätsreserven, extreme Abhängigkeiten durch falsches Outsourcing, um nur einige Beispiele zu nennen, stellen sich heute als existenzbedrohend heraus. Die kurzfristige Leistung wurde oft nur auf Kosten der langfristigen Gesundheit erreicht.

Risikolose "Überrenditen" kann es dauerhaft nicht geben

Die Ausrichtung auf langfristigen Erfolg ist leider zu oft ein Lippenbekenntnis geblieben. Die allermeisten Unternehmen entwickeln zwar langfristige Strategien, fokussieren ihr Handeln aber zu stark auf das Tagesgeschäft.

Der Druck auf Unternehmen, kurzfristige Erfolge zu erzielen, darf nicht davon ablenken, die Pipeline für den Erfolg von morgen zu füllen. Kurzfristiger und dauerhafter Erfolg schließen sich nicht gegenseitig aus. Schneller Erfolg ist jedoch keine Gewähr dafür, auch künftig erfolgreich zu sein.

Selbstverständlich zeichnen sich gut aufgestellte Unternehmen durch operative Exzellenz und funktionierende Organisationsstrukturen aus. Dazu kommen aber auch zwei Aspekte, die in der jüngeren Vergangenheit zu sehr in den Hintergrund getreten sind: Widerstandsfähigkeit und Flexibilität sowie stetige Erneuerung und Innovation. Widerstandsfähig und flexibel zu sein bedeutet das systematische Erfassen aller möglichen - auch unwahrscheinlichen - Risiken.

Ein Plan B und Sicherheiten wie Liquiditätsreserven, redundant ausgelegte IT-Systeme oder dezentrale Logistiknetzwerke existieren für den Fall, dass Ereignisse eintreten, die zwar sehr unwahrscheinlich sind, aber extrem negative Auswirkungen haben. Stetige Erneuerung und Innovation können auf zwei Wegen erreicht werden: Für das Unternehmen werden einerseits immer wieder aussichtsreiche Geschäftsfelder neu erschlossen und weniger attraktive Geschäfte aufgegeben. Andererseits werden durch eigene Innovationen neue Geschäftsfelder erschlossen.

Welche Perspektive benötigt der Staat in der Krise? Staatliches Handeln muss sich derzeit darauf konzentrieren, die Funktionsfähigkeit des Finanzmarktes wiederherzustellen. Darüber hinaus müssen wir uns alle klarmachen, dass auch wir bereits vor der Finanzkrise über unsere Verhältnisse gelebt haben. Selbst in den Jahren mit moderatem hohem Wirtschaftswachstum war der öffentliche Haushalt fast nie ausgeglichen.

Die finanziellen Belastungen durch die aktuellen Konjunkturpakete müssen aber mittelfristig kompensiert werden. Da Einnahmenverbesserungen bei schwacher wirtschaftlicher Dynamik jedoch kaum möglich sein werden, bleibt nur die Sanierung über Ausgabenkürzungen bei konsumtiven Staatsausgaben. Eine smarte Regulierung muss dabei verhindern, dass unvernünftig und gemeinschaftsschädlich agierende Marktteilnehmer aus ihren Handlungen einen Vorteil ziehen können. Sonst bleibt auch hier der Anständige der Dumme.

Eines hat die Krise deutlich gemacht: Risikolose "Überrenditen" kann es dauerhaft nicht geben. Wenn wir weniger Risiken wollen, werden wir uns mit weniger Rendite abfinden müssen oder uns zumindest gegen die Risiken durch bessere Regulierung absichern müssen. Die Krise fordert von uns allen einen Perspektivwechsel in Richtung Flexibilität und wirkliche Neuerungen.

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