Finanzierung Jeder Cent zählt

Woher nur das Geld nehmen? Die Kapitalausstattung entscheidet über die Existenz von Unternehmen; die Banken brauchen mehr davon, der Staat ohnehin. Eine Reportage über die verzweifelte Suche nach dem derzeit knappsten Rohstoff der Welt: Eigenkapital.
Von Ulric Papendick und Dietmar Student

London, 2. April 2009. Krisengipfelstimmung in der Finanzmetropole. Protestler ziehen durch die Straßen, skandieren bissige Parolen und hängen als Banker verkleidete Stoffpuppen an Laternenpfähle. Die Regierungschefs der G20-Staaten beschließen, bis Ende nächsten Jahres fünf Billionen Dollar in ihre angeschlagenen Volkswirtschaften zu stecken. "Das größte Konjunkturprogramm, das die Welt je gesehen hat", sagt Großbritanniens Premier Gordon Brown (58). Stolz klingt er nicht.

Berlin, einen Tag später. Der Bundesrat stimmt dem sogenannten Enteignungsgesetz zu. Auslöser der umstrittenen Rechtsverordnung sind die taumelnde Münchener Bank Hypo Real Estate (HRE) und ihr Großaktionär Christopher Flowers (51). Der Investor aus New York soll gezwungen werden, seine HRE-Anteile abzugeben, damit der deutsche Staat die Bank komplett übernehmen und mit neuem Kapital ausstatten kann.

Kiel, wenige Tage zuvor. Werner Marnette (63), als Wirtschaftsminister Schleswig-Holsteins erst acht Monate im Amt, wirft hin. Dass sein kleines Bundesland die angeschlagene HSH Nordbank mit milliardenschweren Kapitalspritzen am Leben erhalten will, hält der frühere Topmanager für skandalös; das Krisenmanagement der Kieler Regierung für eine "absolute Katastrophe".

Eine Woche im Zeichen des derzeit knappsten Rohstoffs der Welt - Eigenkapital. Sein Fehlen ist überall spürbar: in jeder Bank, in jedem Industriekonzern, in jeder Staatskasse. Sein Mangel schürt soziale Spannungen, löst Regierungskrisen aus, treibt Unternehmen an den Rand des Ruins.

Wenige Monate haben ausgereicht, um die Regeln des Kapitalismus umzuschreiben. Bis zum Ausbruch der Finanzkrise, die längst in einen Niedergang der Weltwirtschaft gemündet ist, schien Kapital jeglicher Prägung im Überfluss vorhanden. Die Börsen standen vor neuen Allzeithochs, die Banken boten billigen Kredit en gros. Private-Equity-Investoren und Hedgefonds übernahmen eine Firma nach der anderen, das Geld besorgten sie sich auf Pump.

Angestachelt von dieser neuen Investorenclique, machten sich immer mehr Konzernlenker daran, ihre Bilanzen zu "optimieren". Eigenkapital, von den Anteilseignern zwar unbefristet und ohne feste Verzinsung zur Verfügung gestellt, dafür aber mit dem Anspruch auf Teile des Firmengewinns, galt diesen Vordenkern des "financial engineering" als viel zu teuer. Sie ersetzten es durch vermeintlich billigeres Fremdkapital.

Dessen Kosten, neben Zins und Tilgung in aller Regel auch die Gewährung umfangreicher Sicherheiten, schienen angesichts glänzender Konjunkturaussichten leicht zu schultern. Wer sich der Schuldenorgie verweigerte, wurde von Analysten und internationalen Großinvestoren als nicht mehr zeitgemäß geschmäht und entsprechend gemieden.

Aus, vorbei. Wer heute nicht genug Eigenkapital vorweisen kann, wird am Kapitalmarkt und von den Banken abgestraft. Kredite werden, wenn überhaupt, nur noch zu Wucherkonditionen verlängert. Die Risikoaufschläge für Firmenanleihen sind um ein Vielfaches gestiegen. Neues Eigenkapital in Form von Aktien oder privaten Beteiligungen erhalten nur noch Unternehmen, die als extrem solide gelten. Für den Rest bleibt der Antrag auf Staatshilfe - oder der Weg zum Insolvenzrichter.

Eigenkapital - wer hat es noch? Wie können bedrängte Firmen es sich beschaffen? Wer kann es vermitteln? Eine Spurensuche nach dem Stoff, der in der Krise mehr denn je zum Lebenselixier des Kapitalismus geworden ist.

Das Golf-Spiel

Die Geber: Das Golf-Spiel

Die Angelegenheit, die später als genialer Deal die Weltöffentlichkeit elektrisieren wird, beginnt schleppend, gewinnt allmählich an Fahrt und ist alsbald nicht mehr zu stoppen: Das liegt an einem Araber, einem deutschen Autobauer - und an einem Anwalt, der beide zusammenführt.

Man läuft sich eher zufällig über den Weg an diesem 5. November. Eigentlich ist Georg Thoma (64), Managing Partner der US-Kanzlei Shearman & Sterling und einer der renommiertesten deutschen Wirtschaftsadvokaten, erst um 13 Uhr im Wiener Hotel "Sacher" zum Mittagessen verabredet, mit Chadim al-Kubaisi (37), dem Chefmanager des Investmentvehikels Ipic aus Abu Dhabi. Als Thoma, der im "Grand Hotel" eingebucht ist, gegen neun Uhr den Frühstücksraum betritt, sieht er Kubaisi bei Tee und Brötchen. Ja, welch ein Zufall. Darf ich mich dazusetzen? Kein Problem. Und irgendwann ist man über den Smalltalk dann doch beim Geschäftlichen angelangt: Wo Ipic demnächst in Europa investieren könnte zum Beispiel. In die deutsche Autoindustrie? Interessant. Daimler? Warum eigentlich nicht.

Thoma, der seit Jahren über glänzende Kontakte zu Daimler  verfügt, schlägt vor, in Stuttgart mal jemanden anzurufen, die Lage zu sondieren. Er versucht, den damaligen Strategievorstand und designierten Bahn-Chef Rüdiger Grube (57) zu erreichen. Der ruft zurück, als Thoma und Kubaisi im "Sacher" speisen. Ob Grube sich unter Umständen vorstellen könne, dass Abu Dhabi vielleicht einen kleinen Anteil an Daimler übernimmt: Ja, könne er.

Kubaisi schickt eine SMS an Scheich Mansur Al Nahjan (39), Mitglied der Herrscherfamilie Abu Dhabis und Ipic-Chairman. Ein mächtiger und verschlossener Mann, der sich Falken, Pferde und den englischen Fußballklub Manchester City leistet. Nach zehn Minuten sendet Mansur eine Message retour - das Essen wird kalt, der Deal läuft heiß.

Viereinhalb Monate und eine Due Diligence später steigt Abu Dhabi mit 9,1 Prozent bei Daimler ein und erlöst Chef Dieter Zetsche (55) gleich von zwei Problemen: Der Kaufpreis (zwei Milliarden Euro) verschafft ihm via Kapitalerhöhung dringend benötigte Liquidität; und die Transaktion liefert ihm einen Ankeraktionär, der langfristig engagiert bleiben will (Kubaisi: "Wahrscheinlich solange es Abu Dhabi gibt").

Fast ein kleines Wunder in diesen Zeiten der Kapitalnot. Abu Dhabi, einer der reichsten Ölstaaten der Welt, kann sich vor ähnlichen Anfragen (und Gerüchten) kaum retten. Das hat mit einer beachtlichen Performance zu tun: So hat etwa die Ipic bis dato in strategische Bündnisse mit einem Wert von insgesamt 15 Milliarden US-Dollar Geld gesteckt, die Daimler-Milliarden, die über eine zwischengeschaltete Gesellschaft namens Aabar investiert wurden, nicht eingerechnet. 490 Millionen Euro zahlte Ipic für 70 Prozent an MAN Ferrostaal, auch bei diesem Geschäft assistierte der Anwalt Thoma. Beteiligungen am österreichischen Energiemulti OMV und zahlreichen Petrofirmen runden das Portfolio ab.

Als Investor für Schaeffler waren die Scheichs im Gespräch, einen Einstieg bei VW haben sie einmal geprüft; der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (57) legte den Golf-Herrschern einst zu Matjesfilet nach Hausfrauenart eine lange Liste mit hilfesuchenden NRW-Unternehmen vor - Opel inklusive.

Money for nothing?

Der Run auf die Abu-Dhabi-Dollars erklärt sich auch aus der Tatsache, dass andere Investoren als potente Kapitalgeber Schwächen zeigen. Bei Hedgefonds und Private-Equity-Firmen herrscht Mittelnotstand. Versicherer wie die Allianz leiden unter ihren rigiden Anlagevorschriften. Selbst wenn sie wollten: In Unternehmen ohne Investment-Grade, und davon gibt es derzeit Heerscharen, dürfen sie oft nicht investieren. Auch den Fondsgesellschaften fehlt Kapital, weil Privatanleger Fondsgelder auf Tages- oder Festgeldkonten schaufeln.

Einzig private Family-Offices scheinen noch gut bei Kasse. Günter Herz, Mitglied des Tchibo-Clans, hat wohl noch die eine oder andere Milliarde; die Strüngmann-Brüder sind nach dem Hexal-Verkauf ebenfalls liquide. Und Skion, die Investmentgesellschaft von Susanne Klatten, hat kürzlich ein Aktienpaket von SGL Carbon erworben. Nun hat die Quandt-Erbin aus dem Teilverkauf von Altana, der ihr 2,4 Milliarden Euro einbrachte, immer noch rund eine Milliarde im Portemonnaie.

Die Nutzer: Money for nothing?

Die Lage erscheint so desperat, dass die Laune nicht gut sein kann. Das gilt selbst für einen, der durch so manches ökonomische Tal geschritten ist. Wie Robert J. Koehler, Chef von SGL Carbon.

Schon mal so etwas erlebt, Herr Koehler? "Nein, die Welt ist ja auch noch nicht von bestimmten Investmentbanken verzockt worden", knarzt er zurück. "Und die Politik hat zugeschaut", setzt er gleich hinzu, mit kräftigem bayerischem Timbre.

Der 60-Jährige hat Lebenserfahrung, als Mensch und als Manager. Er führt den Wiesbadener Grafithersteller nun schon seit 17 Jahren und zehrt momentan von der Gnade der frühen Krise. 2002/2003 stand das Unternehmen kurz vor dem Exitus: Der Einbruch in Asien, eine hohe Kartellstrafe, Kurssturz auf Junkbond-Niveau. Frisches Kapital bekam er von den Banken nur zu Bedingungen, für die der Begriff Unverschämtheit einmal erfunden wurde: "Damals sind wir geknebelt worden."

Anfang 2007 nutzte Koehler die Phase billigen Geldes und stellte die Finanzierung um: auf langfristige Unternehmensanleihen und einen 200-Millionen-Euro-Kredit als Reserve. Den hat er mit nur fünf Kernbanken verhandelt ("Sonst muss man sich lang abstimmen") und - bislang - noch nicht angetastet.

Gleichzeitig suchte er sich stabile Aktionäre. Hedgefonds und Investmentboutiquen (Koehler: "Händler mit zittrigen Händen") hatten die SGL-Aktie zum Objekt der Zocker werden lassen. Koehler gewann die LBBW, die Voith-Gruppe und jetzt eben Susanne Klatten als Anteilseigner, die zusammen ein gutes Viertel an SGL halten. Etliche Family-Offices hatte er zuvor abgeklappert, bis er schließlich mit der Quandt-Erbin einig wurde: "Es war ein offenes, konstruktives Gespräch." Jetzt will und muss er mit ihr über Aufsichtsratssitze reden.

Hamstermentalität in Führungsetagen

Woanders ist die Lage bedrohlicher. Viele Unternehmen haben sich in der Illusion gewogen, jederzeit an günstiges Geld zu kommen. In großem Stil kauften die Konzerne eigene Aktien zurück und zogen sie ein. Um vermeintlich überflüssiges Eigenkapital loszuwerden, die Rendite aufzuhellen (der gleiche Gewinn entfällt fortan auf weniger Aktien) und so den Kurs zu stützen. Ein Irrweg: Jetzt sind viele Unternehmensbilanzen derart luftig, dass die Manager dringend nach frischem Eigenkapital suchen.

So hat Daimler für seine Aktienrückkäufe innerhalb von zwei Jahren (Volumen: 7,6 Milliarden Euro) im Schnitt 40 Euro pro Aktie aufgewendet. Der neue Investor aus Abu Dhabi zahlte für seine Zwei-Milliarden-Einlage nur 20 Euro - so gesehen ein miserables Geschäft für Zetsche und Co.

Nun werden die finanziellen Handlungsspielräume immer enger. "Der Wind hat sich gedreht", sagt der frühere Eon-Finanzvorstand Erhard Schipporeit. "Rückkaufprogramme werden gestoppt, Dividenden gekürzt."

Die Firmen nutzen jede Möglichkeit der Kapitalbeschaffung, zur Bilanzreparatur und als Puffer für noch schlechtere Zeiten. Sie wollen auch Substanz und Stärke zeigen und beweisen, dass sie noch Zugang zum Kapitalmarkt haben.

Börsengänge sind in der gegenwärtigen Marktlage zwar keine Alternative; Kapitalerhöhungen schon eher, obwohl die bisweilen nur mit hohen Kursabschlägen platziert werden können. Auf ihren Hauptversammlungen lassen sich viele Unternehmen neue Milliarden genehmigen, oft bis zur gesetzlichen Höchstgrenze von 50 Prozent des Grundkapitals.

Die Argumentationskette ist simpel: Zusätzliches Eigenkapital sichert das Rating und verschafft somit halbwegs erträgliche Kreditkonditionen.

Man muss sich allerdings sputen. Auch die momentan blühenden Anleihemärkte sind irgendwann verwelkt. Spätestens dann, wenn der Staat dort sein Konjunkturprogramm finanziert.

Eine Hamstermentalität macht sich in den Führungsetagen breit. Die Leverkusener Bayer AG, als Mischkonzern von der Rezession nicht ganz so hart getroffen wie andere Unternehmen, begibt eine 1,3-Milliarden-Anleihe zu 4,6 Prozent Zinsen, um das Geld anschließend auf ein Tagesgeldkonto zu tragen, als Cash-Reserve. Schon geben immer mehr Firmen ihre Bonds mit kleiner Stückelung heraus, in Minitranchen zu 1000 statt der sonst üblichen 50.000 Euro, um auch kleinere Privatinvestoren anzulocken. Motto: Jeder Cent zählt.

Diese Devise ist Karlheinz Hornung (58) seit jeher sympathisch. Der MAN-Finanzvorstand hat nun wahrlich keine großen Finanzsorgen, aber viele kleine. Er muss die mittelständischen Kunden, die seine Laster kaufen, liquide halten. Schon mehrfach hat er die Absatzfinanzierung aufgestockt, zuletzt um 600 Millionen auf nunmehr 2,5 Milliarden Euro.

Die Unterkapitalisierung des deutschen Mittelstands nimmt bedrohliche Ausmaße an. Erkenntnissen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zufolge ist nur noch jedes dritte Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe passabel mit Eigenkapital ausgestattet.

Was bleibt dem Rest? Betteln bei der Hausbank oder die Firma verkaufen - falls sich denn ein Abnehmer findet.

It's the equity, stupid!

Der mit einer bedrohlichen Kassenlage ringende Druckmaschinenhersteller Heidelberger Druck  hat auf der Suche nach Investoren zumindest Zeit gewonnen. Insgesamt 850 Millionen Euro Staatshilfe haben eine Pleite des Traditionskonzerns vorerst abgewendet.

"Wir hätten es ohne Staatshilfe nicht geschafft", so Heideldruck-Chef Bernhard Schreier (55) bei der jüngsten Zahlenvorlage Anfang Juni. Der Börsenkurs ist seit Mitte 2007 auf rund ein Zehntel abgesackt, das Eigenkapital binnen weniger Monate auf 800 Millionen Euro zusammengeschmolzen. Und Heideldrucks Finanzchef Dirk Kaliebe (42) rechnet auch weiterhin mit Schwindsucht in der Kasse. Die Dividende für das Ende März abgeschlossene Geschäftsjahr 2008/2009 wurde bereits gestrichen.

Vor der Zusage der staatlichen Millionenspritze hatte das Heideldruck-Management offensichtlich schon mehrmals mit Private-Equity-Gesellschaften über einen Einstieg verhandelt. Bislang allerdings vergeblich: Den Heuschrecken war die Verschuldung wohl zu hoch.

Nun will Konzernchef Schreier nach Abschluss der mit öffentlichen Bürgschaften flankierten Kreditverhandlungen die Investorensuche intensiv fortsetzen.

Die Mittler: It's the equity, stupid!

Selbst in die ruhigen Gassen des vornehmen Londoner Mayfair-Viertels zwischen Hyde Park, Piccadilly und Oxford Street verirren sich während des G20-Gipfels einige Demonstranten. Michael Treichl (58), dessen Hedgefonds Audley Capital hier inmitten der Verkaufsstellen von Prada, Tiffany und Dolce & Gabbana logiert, bleibt zumindest äußerlich unbeeindruckt. Dabei gelten die Protestzüge in der Londoner Innenstadt Leuten wie ihm: Harvard-Absolvent, Investmentbanker, Beteiligungsmanager, jetzt Teilhaber eines Hedgefonds. Schließlich waren es Turbokapitalisten seines Schlages, die die immense Verschuldung vieler Unternehmen überhaupt erst hoffähig gemacht haben.

Treichl weiß um den schlechten Ruf seiner Zunft. "Finanzinvestoren gelten als diejenigen, die die kritische Lage bei vielen Unternehmen durch aggressive Finanzstrukturen mit ausgelöst haben", bekennt er freimütig.

Hunderte von Firmen, in Großbritannien ebenso wie auf dem europäischen Kontinent, haben die meist aus dem angelsächsischen Raum stammenden "Private Equity"-Fonds in den vergangenen Jahren übernommen. Bezahlt wurden die Firmenkäufe in aller Regel aber nur zu einem geringen Teil mit "Equity", also Eigenkapital. Den Großteil des Kaufpreises finanzierten die neuen Besitzer auf Kredit. Darlehen in Höhe des achtfachen jährlichen Firmengewinns galten als durchaus tragfähig. Verzinsung und Rückzahlung der Schulden waren Sache der aufgekauften Unternehmen.

Jetzt kippen die hoch verschuldeten Firmen im Besitz der Finanzinvestoren gleich reihenweise um. Mittelständische Autozulieferer wie Edscha und TMD Friction mussten bereits Insolvenz anmelden. Aber auch größere Konzerne wie der Medienmulti ProSiebenSat.1 , der Chemieriese Cognis oder der Gabelstaplerbauer Kion ächzen unter ihrer immensen Schuldenlast.

Chronische Kapitalnot bei Banken

Die Firmen durch Eigenkapitalspritzen oder neue Kredite zu sanieren scheint nahezu aussichtslos. Die Finanzinvestoren sind infolge der Wirtschaftskrise selbst klamm. Das "Eigenkapital" der Beteiligungsfirmen stammt schließlich nicht aus den eigenen Kassen, sondern von großen Geldgebern wie etwa Pensionsfonds oder Universitätsstiftungen. Und die sind momentan wenig begeistert von der Aussicht, weitere Mittel herauszurücken.

Eine neuerliche Kapitalzufuhr würden die Private-Equity-Finanziers wohl davon abhängig machen, dass die kreditgebenden Banken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten und den hoch verschuldeten Unternehmen wieder etwas Luft verschaffen. Das wiederum wollen die Banken nicht - schließlich müssten sie die Kredite in diesem Fall wertberichtigen.

An dieser Interessenkollision scheiterte auch ein Versuch Treichls, den angeschlagenen Handyzulieferer Balda zu sanieren. Der Hedgefondsmanager wollte die Kredite des Unternehmens zum Discountpreis von 65 Millionen Euro aufkaufen und sie als Sacheinlage in die Firma einbringen. Durch diesen Kunstgriff wäre Balda entschuldet worden, zugleich hätte Audley seine Beteiligungsquote deutlich erhöht.

Doch Treichls Plan ging nicht auf. Die Auflagen des deutschen Gesetzgebers für solche Sanierungen, sagt er, seien zu restriktiv. Außerdem wollten die Gläubigerbanken des Handybauers wohl keine ausreichenden Zugeständnisse machen. Mittlerweile hat Treichl seine Anteile größtenteils verkauft.

Ähnliche Erfahrungen machen derzeit viele Unternehmen, die ihre Schuldenberge abtragen wollen. "Die Bereitschaft der Banken, einer Umschuldung oder dem Verkauf ihrer Darlehen mit Preisabschlägen zuzustimmen, ist in der Regel gering", sagt Ansgar Zwick, Europa-Chef der auf Restrukturierungsfälle spezialisierten Investmentbank Houlihan Lokey.

Die Geldinstitute leiden selbst unter chronischer Kapitalnot. Viele, darunter die Deutsche Bank , haben ihr Eigenkapital in den vergangenen Jahren stark zurückgefahren, um die Rendite auf das eingesetzte Geld der Eigentümer auf Traumwerte von 25 Prozent und mehr zu hieven. Nach einer Analyse des Bochumer Bilanzprofessors Bernhard Pellens ist die Eigenkapitalquote der im Dax vertretenen Finanzkonzerne von 2007 auf 2008 um fast einen Punkt abgesunken, auf nur noch 5,07 Prozent.

Jetzt drängen misstrauische Investoren, Ratingagenturen und Aufsichtsbehörden die Geldhäuser dazu, ihre Kernkapitalquoten (den Anteil der durch Eigenmittel gedeckten Aktiva, wie zum Beispiel Kredite) massiv aufzustocken. Um sich am Kapitalmarkt zu akzeptablen Konditionen refinanzieren zu können, müssen die Institute plötzlich Quoten von 10 Prozent vorweisen - gesetzlich vorgeschrieben sind nur 4 Prozent.

Abschreibungen, die ihr Kapitalpolster weiter ausdünnen, wollen die Banken deshalb unbedingt vermeiden.

Checkpoint Kapital

Die Prüfer: Checkpoint Kapital

Sieht so ein Mann aus, vor dem Finanzvorstände bibbern? Ein schlanker Hanseat mit randloser Brille, Nadelstreifenjackett und schwarzer Hose. Der Sätze sagt wie "Sie sehen es mir nach" oder "Ich werde mich bei diesem Punkt noch einmal rückversichern".

Herbert Meyer (62) ist Präsident der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR), und als solcher checkt er mit seinen 16 Mitarbeitern die bereits testierten Zahlenwerke der Börsenunternehmen, stichprobenartig. Ein freundlicher Herr, der eher wie ein evangelischer Pastor wirkt als wie Deutschlands oberster Bilanzpolizist.

Sein "Kampfauftrag", hier wird es denn doch etwas martialisch, sei Transparenz. Kein leichter Job in diesen Zeiten, in denen die Firmen Bewertungsspielräume nutzen, wo es geht, Risiken verstecken, eine allzu optimistische Sicht der Dinge vermitteln.

Meyer residiert auf einer funktional eingerichteten Büroetage (mit Toskana-Bildern an den Wänden) in den Berliner Axel-Springer-Passagen, Nähe Checkpoint Charlie. Ja, es bestünde in der Tat die Gefahr, dass Bilanzen in der Krise "gestaltet" würden, sagt er. Er will sich die Rechenwerke genau angucken: Wie viel Eigenkapital wirklich da ist, in welchem Umfang abgeschrieben werden muss.

Auf Firmenwerte zum Beispiel. Um hohe Kaufpreise in vergangenen Boomzeiten zu rechtfertigen, wurden künftige Gewinne aus den Neuerwerbungen oft zu hoch angesetzt. Nun, in der Rezession, müsste dieser sogenannte Goodwill abgeschrieben werden. Hier schlummern Milliardenrisiken, die das Eigenkapital so manches Unternehmens aufzehren könnten. Kritisch wird es, wenn der Goodwill das Eigenkapital übersteigt. Wie zum Beispiel bei Continental  nach der teuren Übernahme des Autozulieferers VDO. Oder bei Heidelcement und Fresenius  - die Liste ist lang.

Bei den Banken will sich Meyer vor allem die Konsolidierung von Zweckge-sellschaften vornehmen. Viele Institute hatten ihre Milliardenzockereien, zwecks Tarnens und Täuschens, außerhalb der Bilanz betrieben. Dass die bilanziellen Spielräume für die Geldhäuser nun erweitert werden sollen, findet er nicht gut: "Das bisherige Recht ist ausreichend."

Und schon kompliziert genug. Jedenfalls hat Meyer bei 400 Prüfungen jede vierte Bilanz als fehlerhaft gerügt. "Eindeutig zu viel", sagt er. Oft sind es Formalien, gelegentlich aber auch gravierende Fehlleistungen.

So haben die Bilanzpolizisten den Solarkonzern Conergy  gerügt, sein Rechenwerk gleich mehrfach aufgehellt zu haben. Statt eines Vorsteuergewinns von 2,3 Millionen Euro hätte Conergy im Halbjahresbericht 2007 einen Verlust von 57,2 Millionen ausweisen müssen. Die Firma legte mittlerweile neue Zahlen vor.

Bestrafen kann Meyer Schummeleien nicht; die DPR ist ein eingetragener Verein, der von den Unternehmen finanziert wird. Eine Wirkung haben die Tadel gleichwohl. Die Ertappten werden der Bafin gemeldet, die dann Sanktionen verhängen kann. Die Wirtschaftsprüferkammer nimmt sich die beteiligten Hakelmacher vor: Einigen wurde verboten, weiterhin börsennotierte Unternehmen zu prüfen, andere zahlten Strafgelder.

Nun steht die Prüferzunft den Wünschen der Bilanzersteller nach einer gewissen Flexibilität nicht mehr so aufgeschlossen gegenüber wie früher - Meyers DPR soll schuld daran sein.

Der letzte Gang

Die Abwickler: Der letzte Gang

"In der Krise werden Helden geboren", sagt Horst Piepenburg (54). Der Düsseldorfer Insolvenzverwalter ist einer der renommiertesten seiner Gilde. Und mit Sicherheit der bestgelaunte, obwohl er einem Beruf nachgeht, der zu Depressionen verführt oder zum Zynismus. Aber ist er auch ein Held? Kommt darauf an.

Wenn es ihm gelingt, Pleitefirmen fortzuführen, dann ja. Auf solche Sanierungen hat er sich spezialisiert. Wenn er ein Unternehmen liquidieren muss, weil nichts mehr zu machen ist, dann ist auch er ein Totengräber des Eigenkapitals.

Die Abwicklung ist im deutschen Insolvenzrecht die Regel, eine Sanierung auf wenige, dafür oft prominente Fälle (SinnLeffers, Rosenthal) beschränkt.

In die Reihe der Überlebenden soll sich nun auch Arcandor  einreihen, wo Piepenburg nach dem Insolvenzantrag Anfang Juni zum Generalbevollmächtigten ernannt wurde. Rund 50.000 Mitarbeiter von Karstadt, Quelle und Co. setzen auf seine Saniererqualitäten. "ich übernehme keine aussichtslosen Mandate", macht Piepenburg ihnen Mut.

Neben solchen Großpleiten schlägt über Piepenburg und seinen Kollegen jetzt eine gewaltige Konkurswelle zusammen. Bis zu 35.000 Firmenpleiten werden in diesem Jahr erwartet, 5000 mehr als im vergangenen.

Piepenburg hat zwar "beachtlichen Respekt vor dem, was auf uns zukommt". Aber um den Schlaf bringen wird ihn das kaum. 2000 Verfahren in 27 Jahren heißt: Routine. "Man wird gelassener, lässt sich nicht gleich aufscheuchen", sagt er.

Was ihn allerdings nachhaltig verärgert: Viele Vorstände meldeten eine Insolvenz zu spät an, nämlich erst, wenn der Betrieb schon stillsteht.

Dann ist der letzte Gang vorgezeichnet: Banken und sonstige Geldgeber bekommen ihre Quote, also einen in der Regel spärlichen Teil ihrer Forderungen. Und das Eigenkapital ist weg.

Eigenkapital: Die alte und die neue Welt

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