Drägerwerk "Technology for wife"

Wenn ein Vorstandsvorsitzender heiratet, ist das eigentlich seine Privatsache und hat mit dem Unternehmen, das er führt, nichts zu tun. Anders bei der Lübecker Drägerwerk AG & Co. KGaA. Seit die Frau des Chefs im Vorzimmer sitzt, häufen sich die Konflikte bei dem Hersteller von Medizin- und Sicherheitstechnik.

Nachdem Stefan Dräger (45), Chef des Familienunternehmens in fünfter Generation, im Jahr 2006 geheiratet hatte, wechselte seine Ehefrau Claudia, bis dahin leitende IT-Expertin der Firma, ins Vorzimmer ihres Mannes.

Dass sich Claudia fortan "Leiterin Corporate Office" nannte, irritierte damals kaum einen Mitarbeiter. Schließlich verzichtete sie für den Arbeitsplatz an der Seite ihres Mannes auf einen Teil ihres Gehaltes und den Dienstwagen.

Mittlerweile scheint es, als sei die ehemalige Unternehmensberaterin zur eigentlichen Herrscherin über rund 1,8 Milliarden Euro Jahresumsatz und mehr als 10.000 Mitarbeiter aufgestiegen. Firmenintern gedeiht angesichts der Frauenpower blanker Sarkasmus. Das Unternehmensmotto "Technology for life" firmiert bei Mitarbeitern längst unter dem Etikett "Technology for wife". Selbst Personen, die Stefan nahestehen, bestätigen den Einfluss Claudias. Ein Intimus ringt sich erst nach einigem Hin und Her zu dem Satz durch: "Ich glaube, dass am Ende noch immer er entscheidet."

Die starke Frau an seiner Seite - das ist zwar keine ungewöhnliche Konstellation. Das Problem beim Medizintechnikhersteller aber ist, dass Stefan Dräger und seine häufig forsch auftretende Frau zu einem bisweilen unkontrollierten Duo geworden sind. Stefan ist einziger Komplementär, die restliche Familie hält nur stille Beteiligungen an dem Tec-Dax-Wert .

Spätestens seit er den Aufsichtsrat auf der Kapitalseite im Jahr 2008 komplett neu besetzt hat, muss er keinen Widerstand mehr fürchten. Auch den Konzernvorstand hat er vollständig ausgetauscht, wobei sich durchaus erratische Züge zeigten. So musste mit dem ehemaligen Roche-Manager Volker Pfahlert (50) nach nur vier Monaten ein Spitzenmann gehen, den der Vorstandschef zuvor selbst geholt hatte.

Auch wenn es im Einzelfall durchaus sachliche Gründe für die Abschiede gegeben haben mag - einige Rauswürfe waren wohl auch persönlichen Antipathien geschuldet. "Das waren gestandene Leute, die durchaus auch mal Entscheidungen kritisierten", sagt ein Insider. Aber das Motto von Claudia und Stefan laute: "Entweder du bist mit uns, oder du bist gegen uns."

"Es ist viel Blut geflossen"

Im Zuge des von Stefan Dräger proklamierten "Neuanfangs" ist eine Kultur des Misstrauens entstanden. Ehemalige Mitarbeiter erzählen, dass gegen leitende Angestellte Sonderprüfungen angestrengt wurden und Kollegen sich aus Angst davor, abgehört zu werden, nicht mehr trauten, am Telefon Kritik zu üben. Lieber trafen sie sich zu Gesprächen auf Parkplätzen.

Angesichts des Verfalls der Unternehmenskultur tragen sich offenbar etliche erfahrene Führungskräfte mit dem Gedanken eines freiwilligen Absprungs. "Ich habe einen ganzen Stapel von Dräger-Bewerbungen auf meinem Schreibtisch liegen", sagt ein Ex-Manager, der inzwischen bei der Konkurrenz arbeitet.

Für das Unternehmen könnte ein fortschreitender Brain-Drain fatale Konsequenzen haben. Bereits heute ist die wirtschaftliche Lage des Drägerwerks mäßig. Was vor allem an den Problemen der Medizintechniksparte liegt, die mit Produkten von Brutkästen bis hin zu Patientenmanagementsystemen für fast zwei Drittel des Konzernumsatzes sorgt.

Trotz aller Versuche Stefan Drägers, das Unternehmen auf Profitabilität zu trimmen, ist das Geschäft relativ margenschwach. Im wichtigsten Medizintechnikmarkt der Welt, den USA, wird seit Jahren kein Geld verdient.

Wegen der kränkelnden Gesundheitssparte musste Dräger seine Prognosen bereits mehrfach revidieren - zuletzt im vergangenen Dezember. Für das laufende Geschäftsjahr blieb das Unternehmen einen konkreten Ausblick schuldig. Viele Anleger haben das Vertrauen verloren. Gegenüber ihrem Höchststand im April 2007 büßte die Dräger-Aktie  rund 80 Prozent ihres Wertes ein.

Stefan Dräger, der zu Fragen von manager magazin keine Stellung nehmen wollte, muss aufpassen, dass er nicht noch mehr Kredit verspielt - vor allem intern. "Er ist mit dem Stahlbesen durch die Firma gegangen, und dabei ist viel Blut geflossen", sagt ein Vertrauter. "Das Problem ist: Bislang haben diese Maßnahmen nichts bewirkt."