Bert Rürup "Nach der Krise muss gespart werden"

Die deutsche Wirtschaft wird vom nächsten Aufschwung stärker als andere Industrieländer profitieren, erwartet Bert Rürup. Der ehemalige Wirtschaftsweise spricht im Interview mit manager magazin über deutsche Stärken, die "Renaissance des Industriestaatsmodells" und Wege aus der Schuldenfalle.

mm: Herr Professor Rürup, seit den 90er Jahren haben Sie die verschiedenen Bundesregierungen dabei beraten, die deutschen Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Wenn Sie sich die gegenwärtige Explosion der Schulden anschauen: Waren all Ihre Bemühungen umsonst?

Rürup: So weit würde ich nicht gehen. Zu den neuen Schulden zur Bewältigung der Finanzkrise und zur Finanzierung der Konjunkturpakete gibt es keine Alternativen. Auch darf man nicht vergessen, dass - um den Preis spürbarer Leistungsrücknahmen - die gesetzliche Rentenversicherung inzwischen nachhaltig stabilisiert wurde. Im Übrigen hat die finanzpolitische Disziplin der vergangenen Jahre erst konjunkturpolitischen Spielraum verschafft, und die geplante Schuldenbremse ist ein gutes Zeichen.

mm: Sie finden die Entwicklung nicht problematisch?

Rürup: Doch, sollte die Schuldenstandsquote dauerhaft steigen, wäre dies besorgniserregend. Die öffentliche Verschuldung wird sich zwar auch bei uns deutlich erhöhen, aber von einem Staatsbankrott ist Deutschland Lichtjahre entfernt. Eine solche Diskussion ist absurd. Zu den Rettungsaktionen der Banken sowie zu einer antizyklischen Finanzpolitik gibt es keine Alternative, weil andernfalls der Abschwung noch dramatischer verliefe als es ohnehin der Fall ist. Nichtstun wäre noch viel teurer.

mm: All die neuen Schulden müssen irgendwie abgetragen werden. Sollten wir uns schon mal auf Sparrunden und Steuererhöhungen einstellen?

Rürup: Wenn die Rezession überwunden ist, muss gespart oder die Steuerquote erhöht werden. Ich gehe für Deutschland wie für die meisten Staaten von einer Mischung aus Ausgabenkürzungen und höheren Steuern aus. Die Bewährungsprobe kommt in den Jahren nach 2011/2012. Dann müssen die Regierungen die Konsolidierung ernsthaft in Angriff nehmen.

"Renaissance des Industriestaatsmodells"

mm: Das klingt nach einer schmerzhaften Operation. Echte wirtschaftliche Dynamik ist nicht in Sicht. Aus den Schulden herauszuwachsen wird kaum möglich sein.

Rürup: Stimmt, der nächste Aufschwung der Weltwirtschaft wie der der deutschen Ökonomie dürfte im Vergleich zum letzten weniger dynamisch ausfallen. Die Finanzkrise wird noch für lange Zeit die Bankbilanzen und damit die Kreditvergabe belasten. Überkapazitäten müssen abgebaut werden.

Man sollte deshalb nicht auf ein rasches, kräftiges und inflationsfreies Wachstum hoffen. Allerdings ist der Wirtschaftsstandort Deutschland für den nächsten Aufschwung durch die Reformen der letzten Jahre sowohl von den Unternehmen wie der Politik besser gerüstet als die meisten anderen reifen Länder.

mm: Jetzt sind wir gespannt.

Rürup: Ich bin davon überzeugt, dass wir eine Renaissance des Industriestaatsmodells erleben werden. Die Schwellenländer werden weiter wachsen. Die deutsche Industrie zählt zu den leistungsfähigsten der Welt. Deshalb werden wir vom globalen Wachstum überproportional profitieren.

mm: Viele sagen einen deutlichen Anstieg der Inflation voraus. Sie auch?

Rürup: In der mittleren Frist ist diese Gefahr nicht von der Hand zu weisen. Für die USA halte ich es für möglich, dass sie ihre Verbindlichkeiten auch durch eine etwas höhere Inflation verringern. In Europa ist die Lage anders: Das Mandat der EZB ist eindeutig auf die Geldwertstabilität fokussiert, die privaten Ersparnisse sind deutlich höher. Das spricht gegen einen kräftigen Anstieg der Inflation im Euro-Raum. Viel wird aber von der fiskalischen Disziplin der großen Euro-Länder abhängen.