Arcandor Eicks Einsatz

Der neue Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hat von den Großaktionären einen klaren Auftrag: Er soll retten, was zu retten ist. Es führt kaum ein Weg daran vorbei, das Kunstgebilde abzuwickeln.

Dass er beim taumelnden Handels- und Touristikkonzern Arcandor  einen glanzvollen Abschied bekommen würde, konnte Thomas Middelhoff (55) nicht ernsthaft erwarten.

Zwar fand am Abend des 27. Februar, seines letzten Tags als Arcandor-Chef, eine Lebewohlparty für etwa 100 Führungskräfte und Arbeitnehmervertreter statt. Doch die bezahlte und richtete Middelhoff selbst aus - bei sich daheim, in dem mit biblischer Lüftlmalerei verzierten Haus in Bielefeld.

Sein Nachfolger Karl-Gerhard Eick (55), zuvor Finanzvorstand der Deutschen Telekom , sagte freilich ab; lud er doch gleichzeitig in Bonn zum eigenen Ausstand.

Montag, der 2. März, Eicks erster Arbeitstag, markierte bei Arcandor eine Zäsur: Den Schluss der Epoche Middelhoff, die von Zahlentricksereien und vom Verwirtschaften eines großen Teils des Betriebsvermögens geprägt war. Und den Beginn der Ära Eick, die mit der Liquidation des Konzerns enden könnte - mit dem Verkauf der 53-prozentigen Beteiligung am Touristikunternehmen Thomas Cook und mit dem Einbringen der Warenhaustochter Karstadt sowie der Versandgruppe Primondo (Quelle) in Partnerschaften mit anderen Firmen ihrer Branche.

All diese Projekte, die Middelhoff nicht vollbracht hat oder denen er selbst im Wege stand, scheinen jedenfalls Eicks Auftrag zu sein. Warum sonst sollte der größte Aktionär, Sal. Oppenheim (28,6 Prozent), einen Zahlenmann wie ihn an die Spitze des Unternehmens entsenden, wo doch mit dem gerade gekürten Finanzchef Rüdiger Andreas Günther (50) bereits genügend Fachkompetenz vorhanden ist? Weshalb ausgerechnet einen Telekom-Manager, der nicht für strategische Höhenflüge auf den Gebieten des Einzelhandels und der Touristik bekannt ist, sondern für die versierte Abwicklung von Firmenkäufen und -verkäufen?

Retten, was noch zu retten ist

Das Ziel liegt auf der Hand: Sal. Oppenheim will retten, was noch zu retten ist - für die Bank selbst und für ihre Kundin, die Arcandor-Miteignerin Madeleine Schickedanz (65; 26,7 Prozent). Schickedanz steht bei Oppenheim mit mehreren hundert Millionen Euro im Soll, besichert mit Arcandor-Anteilen. Sal. Oppenheim ist neben dem eigenen Aktienpaket mit einem 50-Millionen-Kredit bei Arcandor engagiert.

Wenn der Konzern pleiteginge, würde das für beide Großaktionäre empfindliche Vermögenseinbußen bedeuten. Wenn es aber gelänge, die drei Töchter rechtzeitig loszuschlagen, könnten die Eigner mit begrenzten Verlusten davonkommen.

Angesichts der Unternehmenskrise ergibt es Sinn, Middelhoffs Wirken zehn Monate vor Vertragsablauf zu beenden, einen wie Eick zu holen und ihm einen Vertrag zu geben, der ihm binnen fünf Jahren 20 Millionen Euro einbringen kann. Er soll nun wohl Arcandor abwickeln.

Den sperrigen Kunstnamen, den die frühere KarstadtQuelle AG seit 2007 trägt, wird niemand vermissen. Auf dem Kurszettel schon gar nicht; dort notiert der MDax-Wert, dessen Aktie  einst fast 37 Euro kostete, um zwei Euro.

Gute Aussichten hat Eicks Mission beim Touristikableger Thomas Cook. Es gibt ernsthafte Interessenten für eine Übernahme. So hat die schwedische Investmentgruppe EQT, die der Industriellenfamilie Wallenberg gehört, Erkundigungen über Thomas Cook eingeholt.

Der Handelskonzern Rewe stieg sogar in informelle Gespräche ein. Man kennt sich: Arcandor-Aufseher Friedrich Carl Janssen führte Anfang der 90er Jahre als Kaufhof-Vorstand den Reiseanbieter ITS, der 1995 an Rewe ging. Bei Arcandor indes heißt es, Thomas Cook stehe nicht zum Verkauf.

Unbestritten ist, dass sich für Rewe ein solcher Deal rechnen könnte. Der Genossenkonzern besitzt bereits eine stattliche Reisesparte. Durch einen Zusammenschluss stiege Rewe zur Nummer eins in Europa auf und könnte umfangreiche Synergien im deutschen Massengeschäft nutzen. Ein Pakt der Rewe-Veranstalter (ITS, Tjaereborg, Dertour) und der Thomas-Cook-Marke Neckermann-Reisen verspräche Einsparungen, die in der Rezession dringend nötig sind. Außerdem gäben die Reisebüros von Rewe (DER, Derpart, Atlas) den Cook-Veranstaltern bessere Vermarktungschancen.

Drohende Verödung der Innenstädte

An der Börse war die Thomas Cook plc Mitte Februar knapp zwei Milliarden Euro wert. Ein Erwerber müsste für die Arcandor gehörenden 53 Prozent einen Paketaufschlag zahlen und den restlichen Aktionären ein Übernahmeangebot machen. Rewe-Chef Alain Caparros (52) soll mit Extrakosten von rund einer halben Milliarde Euro kalkulieren.

Weit problematischer als ein Verkauf des Reiseunternehmens ist die Verwertung der Warenhausgruppe. Seit Langem wird über eine Fusion von Karstadt mit dem zum Metro-Konzern gehörenden Konkurrenten Kaufhof gesprochen.

Arcandor hat jedoch kein Geld, um Kaufhof zu übernehmen; und Metro  will eher die Tochter loswerden, als sich mit Karstadt zusätzliche Probleme ins Haus zu holen. Mit dem Finanzakrobaten Middelhoff wollte Metro ohnehin nicht verhandeln. Eick und Aufseher Janssen hingegen gelten bei Metro als satisfaktionsfähig. Doch eine Fusion kann wohl nur mithilfe eines reichen Dritten zustande kommen, eines ausländischen Handelskonzerns oder eines Finanzinvestors.

Die Häuser könnten unter der Marke "Galeria Karstadt" geführt werden. Freilich hätte die unausweichliche Bereinigung des Filialnetzes gravierende Folgen für die zusammen 55.000 Beschäftigten beider Unternehmen und für die deutschen Innenstädte. Von zwei Hauptverwaltungen würde nur eine überleben, von 91 Karstadt- und 126 Kaufhof-Warenhäusern mehr als ein Drittel geschlossen werden, Pessimisten sprechen sogar von mehr als der Hälfte. Massenentlassungen wären die Folge. In vielen Mittelstädten fiele das zentrale Warenhaus weg, den Zentren drohte die Verödung. Dies wäre - ganz abgesehen von den jüngst für 2010 angekündigten Schließungen der Kaufhof-Filialen in Krefeld, Leipzig, Ludwigshafen und Mühlheim/Ruhr - allerdings auch der Fall, wenn Karstadt insolvent würde.

Auch den Eignern der Karstadt-Häuser steht womöglich ein massiver Verlust bevor. Middelhoff hatte sich für den angeblichen Scoop feiern lassen, alle Warenhausimmobilien für 4,5 Milliarden Euro an Goldman Sachs , Deutsche Bank  und Pirelli  verkauft und so den Konzern finanzschuldenfrei gemacht zu haben.

Davon abgesehen, dass die Schuldenfreiheit nur eine Momentaufnahme war, hat Middelhoff Karstadt immense zusätzliche Verpflichtungen aufgebürdet. Der Verkaufspreis war offenbar nur gegen die Zusage einer kräftigen Mieterhöhung von 20 Millionen Euro pro Jahr realisierbar - Mehrkosten, die für Karstadt kaum zu erwirtschaften sind.

Schon kreist unter den neuen Eignern die Befürchtung, dass sie von ihren Karstadt-Immobilien fast den halben Wert abschreiben müssen - ein "Haircut", wie es in der Finanzbranche beschönigend heißt, von zwei Milliarden Euro.

Verstaatlichte Geldgeber

Die Investoren haben zwar Verträge - doch was wären die noch wert, wenn der Mieter pleiteginge? Auch im Fall einer Warenhausfusion hätten die Betreiber eine starke Position, um aus den Mietkontrakten herauszukommen. Sie könnten damit argumentieren, dass die einzige Alternative zur Schließung eines Teils der Häuser die Insolvenz wäre.

Bliebe neben der Verwertung von Thomas Cook und Karstadt noch die Versandgruppe Primondo um den zweitgrößten deutschen Distanzhändler, Quelle. An Quelle, einst von Madeleine Schickedanz' Vater gegründet, hängt das Herz der sensiblen Großaktionärin besonders - doch auch dieses Geschäft ist allein kaum überlebensfähig. Seit längerer Zeit verhandelt Arcandor mit dem französischen Konzern PPR . Dessen Tochter La Redoute, der größte Versender des Landes, könnte mit Quelle zusammengehen.

Eine Fusion von Quelle und La Redoute brächte dem derzeitigen Versandvorstand von Arcandor, Marc Sommer (48), eine neue Karrierechance. PPR würde ihn gern für den Chefposten gewinnen, wenn der Deal zustande käme.

Der 2008 zum stellvertretenden Vorstandschef beförderte Sommer war bei Arcandor für die Nachfolge Middelhoffs auserkoren, wurde aber mit der Berufung Eicks enttäuscht. Umso bitterer für Sommer, dass er sich mit dem Kauf einer denkmalgeschützten Villa in Mülheim/ Ruhr ein wenig immobil gemacht hat.

Eigentlich müsste der künftige Arcandor-Chef Eick alle drei Töchter zugleich verwerten; viel Zeit bleibt ihm jedenfalls nicht. Bei Thomas Cook gehen die Buchungszahlen massiv nach unten, bei Karstadt und Quelle liegen die Umsätze in den ersten vier Monaten des Geschäftsjahres 2008/2009 unter Plan.

Sollte der Konzern zur Mitte des Rechnungsjahres, am 31. März, die in den Verträgen mit seinem Bankenkonsortium vorgegebenen Kennzahlen, die sogenannten Covenants, verfehlen, bekäme Eick prompt ein Problem. Die wesentlichen Kreditgeber, vor allem Royal Bank of Scotland , die in der Commerzbank  aufgegangene Dresdner Bank und die Bayerische Landesbank, sind inzwischen von Staatsgeldern abhängig und könnten kaum Milde gegenüber Arcandor walten lassen.

Dann käme der Konzern, der am heutigen Mittwoch nach Düsseldorf zur Hauptversammlung ins Düsseldorfer Congress Center geladen hat, rasch wieder in Finanzierungsnöte. Viel Handlungsspielraum bliebe Eick in dem Fall nicht mehr.

Vor der Abwicklung: Das Kunstgebilde Arcandor

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