Grüne Investments Der nächste Boom

Erneuerbare Energien, Elektroautos, intelligente Stromnetze: Dank massiver Förderung durch die neue US-Regierung werden grüne Technologien enormen Auftrieb bekommen. Bei Topaktien lohnt der Einstieg in der Krise.
Von Patricia Döhle, Simon Hage und Jonas Hetzer

New York City, 20. November 2008: Es ist viel zu kalt für die Jahreszeit. Ein eisiger Wind empfängt Besucher, nicht nur in den Straßenschluchten. Die US-Börsen befinden sich im freien Fall. Am Vorabend haben die vor dem Kollaps stehenden drei großen US-Autobauer GM, Ford und Chrysler vergeblich um staatliche Hilfe ersucht. Eiszeit downtown, vor allem an der Wall Street.

In Midtown macht sich indes Hoffnung breit. In einem Gebäude der New York University an der Fifth Avenue findet eine Konferenz mit dem verheißungsvollen Titel "The new New Economy" statt. Teilnehmer: institutionelle Anleger, vor allem Vertreter milliardenschwerer Stiftungen. Die Gates-, Ford- und Rockefeller-Foundation sind vertreten, der Merck Family Fund, aber auch die Deutsche Bank, UBS und Merrill Lynch.

Es ist der einstige US-Vizepräsident und Weltklimaschützer Nummer eins, Al Gore, der die Investoren in den Bann einer Idee zieht, die das Zeug zur Vision hat. Der begnadete Kommunikator macht daraus eine Mission: "Investiert in Klimaschutz, und ihr rettet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Wirtschaft!"

Nicht nur Gore sieht die Wirtschaftskrise als historische Chance, der Umweltthematik endlich zum ökonomischen Durchbruch zu verhelfen. Der Nobelpreisträger ist sich der Unterstützung des neuen US-Präsidenten Barack Obama sicher, der grüne Technologien massiv fördern und damit Wachstum schaffen will. Aus dessen Beraterkreis höre er Dinge, so Gore, die ihn sehr "excited" machten.

Gore versteht es, die Begeisterung auf sein Publikum zu übertragen - und für sich zu nutzen. Im blauen Einreiher mit farblich abgestimmten Cowboystiefeln wirbt er nicht nur für seine Idee ("The crisis should not be wasted!"), sondern auch für seine Firma: "Generation Investment" bietet vermögenden privaten und institutionellen Anlegern Vermögensverwaltung mit dem Schwerpunkt nachhaltige grüne Investments.

Die Nachricht ist angekommen. Standing Ovations - und fast schon rührende Abschiedsworte von einer Vertreterin der Rockefeller Foundation, die bereits bei Generation Investment investiert hat. "Thank you, Mr. Gore", flötet die Dame ins Mikrofon, "for letting us in!"

Es sind nicht wenige der Stiftungsmanager, die nach Gores Auftritt von der Idee angesteckt sind, womöglich eine Art gesellschaftliche Speerspitze einer grünen Revolution zu sein - und auch noch ein gutes Geschäft damit zu machen.

"Zur Not werden wir Geld drucken"

Die Geldmanager diskutieren angeregt über Anlagen in erneuerbare Energien, Elektroautos und intelligente Stromnetze, vor allem aber über Fragen wie diese: Stehen wir wirklich am Anfang eines neuen Megatrends, der wie einst das Internet die Weltwirtschaft in ein neues Zeitalter führen kann? Lässt sich aus Umweltschutz tatsächlich ein profitables Geschäftsmodell machen, das die Krise überwindet? Und wenn ja: Ist für Anleger jetzt der richtige Zeitpunkt, um einzusteigen?

Unstrittig ist nicht erst seit Al Gores Auftritt: Grüne Technologien sind für die Zukunft der Weltwirtschaft unverzichtbar. Das Wort von der dritten industriellen Revolution hat längst die Runde gemacht. Die Unternehmensberatung Roland Berger prophezeit eine Verdopplung des weltweiten Umsatzes der Branche bis zum Jahr 2020 und eine Vervierfachung ihres Anteils an der industriellen Wertschöpfung in Deutschland. Damit würde das "Green Biz" die Traditionsbranchen Automobil und Maschinenbau überflügeln.

Selbst die weltweite Wirtschaftskrise - darin sind die Experten sich einig - kann die Ökobranche wohl nicht stoppen. Im Gegenteil: "Die Rezession wird einen Nachfrageschub auslösen und damit ausgewählte grüne Technologien schneller nach vorn bringen", glaubt Nicolas Huber, der für die DWS einen der größten deutschen Klimawandelfonds managt.

Im Team des amerikanischen Präsidenten Barack Obama gilt die massive Förderung grüner Technologien von Solar bis Smart Grid (intelligentes Stromnetz) als zentrales Instrument zur Ankurbelung der Wirtschaft und Schaffung neuer Jobs. Daran wird wohl auch das Rezessionsloch im Staatshaushalt nichts ändern. "Zur Not werden wir Geld drucken, das spielt im Moment überhaupt keine Rolle", sagt Roy Furman, Chairman des renommierten New Yorker Research- und Broker-Hauses Jefferies Capital Partners, der enge Beziehungen zum Obama-Team pflegt. "Greentech wird von unserem neuen Präsidenten einen riesigen Schub erhalten."

Regierungen weltweit steuern beim Klimaschutz in eine ähnliche Richtung. Das Tempo mag variieren, doch ein Zurück gibt es nicht mehr. Die staatliche Regulierung, so die Deutsche Bank in ihrer Studie "Investing in Climate Change 2009", habe für Investoren einen deutlichen "Sicherheitsnetz-Effekt". Gleichzeitig konstatieren die Banker die Chance auf "enormes, säkulares Wachstum".

Tatsächlich liefert die Historie einige Beispiele für Regierungsinitiativen, die substanzielle Aufschwünge in einzelnen Branchen auslösten - und damit verbunden hohe Renditen für Anleger. Jüngstes Exempel: 1990 die Freigabe des ursprünglich vom US-Verteidigungsministerium entwickelten Internets für kommerzielle Zwecke. Knapp zehn Jahre später mündete sie im Dotcom-Boom.

Eine "vorhersehbare Revolution"

Im Falle grüner Technologien ist das Umfeld für Investoren noch vielversprechender. Denn anders als bei der Interneteuphorie trifft das Interesse der Anleger bei Greentech auf eine bereits existierende Branche. "Investoren haben es nicht mit technologischen Experimenten und verlustträchtigen Start-ups zu tun, sondern mit etablierten Produktionsverfahren und Unternehmen, die schon nachhaltig Geld verdienen", so Thomas Lange von Lange Assets & Consulting in Hamburg. "Die Branche wartet nur darauf durchzustarten."

Belege für Langes These finden sich in den unterschiedlichsten Bereichen des Greentech-Universums. Beispiel Solartechnik: Noch ist die Energiegewinnung aus dem Sonnenlicht mit 20 bis 40 Cent pro Kilowattstunde deutlich teurer als herkömmliche Gas- und Kohlekraftwerke, die Strom aktuell für weniger als 10 Cent produzieren. Doch dank der rasanten technologischen Entwicklung stehen die Chancen gut, dass Strom aus Solaranlagen in wenigen Jahren auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig ist. Ein erheblicher Nachfrageschub stünde bevor.

Beispiel Elektroautos: Die ersten rollen bereits über die Straßen Kaliforniens und Londons. Noch sind die Reichweiten gering, die Batterien zu teuer. Weltweit forschen Unternehmen, um Speicherkapazität, Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit zu erhöhen - und positionieren sich für den baldigen Kickstart: "Sobald die Massenproduktion einmal anläuft, werden auch die Kosten sinken", sagt John Searle, Chef der französischen Saft Groupe, eines führenden Herstellers von Hightechbatterien. Die Folge: Bessere Technik und niedrigere Preise dürften den Absatz der Stromfahrzeuge erheblich beflügeln.

Es sei eine "vorhersehbare Revolution", die in der Branche stattfinde, resümiert Simon Webber, Fondsmanager des Schroders-Fonds ISF Global Climate Change Equity. "Wir haben die Technologien, jetzt fehlt nur noch das Geld." Und das ist - trotz Krise - ganz offenbar reichlich vorhanden.

Mitte Dezember verkündete der Automobilzulieferer Bosch, er werde 530 Millionen Euro in die Solartochter Ersol  pumpen. Am selben Tag gaben Daimler  und der Chemiekonzern Evonik gemeinsam den Einstieg in die Serienproduktion von Hochleistungsbatterien unter anderem für Elektroautos bekannt.

Das Umweltgeschäft von Siemens  wuchs im letzten Geschäftsjahr trotz aller Turbulenzen um 12 Prozent auf einen Umsatz von 19 Milliarden Euro und gilt als einer der Wachstumstreiber im Konzern. US-Konkurrent GE liegt beim Umsatz mit Greentech fast gleichauf und will künftig jährlich rund 1,5 Milliarden US-Dollar in den Bereich investieren.

Richtiger Zeitpunkt für Privatanleger?

Doch nicht nur die Bluechips geben Gas. Auch im Mittelstand stemmen sich Firmen mit Investitionen in Umwelttechnologien gegen die Krise. Der Solarmodulhersteller Centrosolar etwa, eine Ausgründung des deutschen Konzerns Centrotec , eröffnete Ende November 2008 eine 23 Millionen Euro teure Produktionsanlage und steigerte damit die Fertigungskapazität auf einen Schlag um über 150 Prozent.

Der Düngemittelhersteller KWS Saat  aus Einbeck investiert massiv in die Züchtung sogenannter Energiepflanzen, die - zu Biomasse gehäckselt - ökologisch besonders effiziente Kraftwerke antreiben. "Wir wollen den Vorsprung, den wir heute vor dem Wettbewerb haben, unbedingt halten", begründet Forschungsvorstand Léon Broers das antizyklische Investment.

Neben den Unternehmen haben mittlerweile auch hochkarätige Finanzprofis die Chancen erkannt, die sich in der Umweltbranche auftun. Prominentestes Beispiel: Stanley Fink, der jahrelang überaus erfolgreich die Man Group, den mit rund 45 Milliarden Euro größten Hedgefonds der Welt, steuerte.

Im April vergangenen Jahres verließ er Man und gründete Anfang Dezember gemeinsam mit einer Reihe anderer Finanzexperten Earth Capital Partners.

In den kommenden fünf Jahren will der Fonds rund fünf Milliarden US-Dollar bei institutionellen Anlegern einsammeln und in erneuerbare Energien und andere grüne Technologien investieren. "Vor allem bei Pensionskassen herrscht großes Interesse", so ein Earth-Sprecher. Daniel Byrd, der beim New Yorker Analysehaus Greentech Research institutionelle Anleger berät, bestätigt den Eindruck: "Greentech wird trendy."

Wenn Profi-Investoren jetzt einsteigen, ist dann auch der richtige Zeitpunkt für Privatanleger gekommen? Sicher ist: 2009 wird ein raues Börsenjahr mit voraussichtlich großen Schwankungen.

Fest steht allerdings auch: In der heutigen Welt global vernetzter und von milliardenschweren Fonds dominierter Finanzmärkte muss ein Investmentthema, soweit es fundiert und glaubwürdig ist, fast zwangsläufig erst zum Boom und dann zur Blase führen.

"Idee, deren Zeit gekommen ist"

Ein gefährlicher Mechanismus für Anleger, die spät aufspringen - eine Chance indes für Früheinsteiger. Denn vom Aufkommen eines Investmentthemas bis zum Heißlaufen vergehen, das zeigt die Statistik, in der Regel mindestens fünf Jahre. Das ist auch der Zeithorizont, den Anleger anvisieren sollten, wenn sie in Umwelttechnologien investieren.

Vieles spricht dafür, dass sich die Branche im frühen Stadium eines weltweiten Booms befindet. Da ist zum einen die schiere Kraft und Breitenwirksamkeit der zugrunde liegenden Story: Die Idee, Geld zu verdienen und damit gleichzeitig den Planeten zu retten, besticht nicht nur Investmentprofis, sondern jedermann. Um populärpsychologisch zu sprechen: Es ist, als würde man einer Frau sagen, sie solle exzessiv shoppen, um die Konsumnachfrage anzukurbeln.

Zum anderen ist die Wagniskapitalbranche, jene Gruppe von Investoren also, die darauf spezialisiert ist, Trends an ihrem Ursprung aufzuspüren, längst auf den Zug aufgesprungen. Erstmals flossen in den USA in der zweiten Jahreshälfte 2007 mehr Venture-Capital-Gelder in Greentech als in jede andere Branche. Europa hinkt noch hinterher, doch auch hier holt die Ökobranche auf.

Steve Westly, ein einflussreicher Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley und Förderer Obamas, der lange als möglicher Umweltminister gehandelt wurde, ist überzeugt, dass grüne Technologien für die Welt die gleiche Bedeutung erlangen werden wie das Internet - und dass es grüne Ebays, Yahoos und Googles geben wird. Einstige Start-ups wie Sunpower oder First Solar haben den Gang aufs Börsenparkett bereits gewagt. Nach einer Zwangspause, bedingt durch die Finanz- und Wirtschaftskrise, dürfte bald die nächste Welle folgen: "Ende 2009 oder Anfang 2010", prognostiziert Westly, "werden wir wieder Börsengänge sehen."

Al Gore hat auch diesen Trend längst erkannt. Seine Vermögensverwaltung Generation Investment kooperiert mit Kleiner Perkins Caufield & Byers, der Legende unter den Venture-Capital-Firmen, die Internetriesen wie AOL und Intel  aus der Taufe gehoben hat - und heute voll auf Umwelttechnologien setzt.

Bei der New Yorker Konferenz beschließt Gore seinen Appell, in Greentech zu investieren, mit einem Zitat des französischen Literaten Victor Hugo: "Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist."

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