Denkfabrik Jugend forsch

In der Wirtschaft geht kaum noch etwas ohne die Politik. Ein Thinktank für Nachwuchskräfte, die Stiftung Neue Verantwortung, bringt beide Welten zusammen. Nicht das hundertundzehnte Elitenetzwerk will die Stiftung sein, sondern eine Plattform, auf der echte inhaltliche Ergebnisse entstehen.

Wärmedämmung zum Beispiel. Gute Sache - hilft dem Klima, spart Geld. Warum nur machen es so wenige? Stormy Mildner (32), Florian Eisele (35) und Felix Kreyer (30) rutschen auf den bunten Lounge-Stühlen nach vorn und rätseln. "Informationsdefizit", sagt Politikberaterin Mildner. Die Banken stellen zu wenig Mittel zur Verfügung, vermutet Betriebswirt Eisele. "Der Mieter profitiert, aber der Besitzer müsste investieren, das ist das Problem", meint Unternehmensberater Kreyer. Eine Antwort finden sie heute nicht mehr, nur eine Einsicht: Globale Fragen können ziemlich kleinteilig sein.

Mildner, Eisele und Kreyer arbeiten im Team "Kosten des Klimawandels", einem von neun Projekten der frisch gegründeten Stiftung Neue Verantwortung. Im Herbst 2008 gestartet, bringt sie rund hundert Praktiker aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen, damit diese sich die Köpfe zerbrechen über die künftigen Herausforderungen der globalisierten Wissensgesellschaft: Klimawandel etwa, nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit oder soziale Ordnungspolitik.

"Die Parteien denken meist nur in Ziel- und Wählergruppen", sagt Mitgründer und Geschäftsführer Lars Zimmermann (34), "das ist zu wenig in einer Zeit, in der der Einfluss der Politik auf die Ökonomie stärker wird. Deshalb steht bei uns hinter allen Themen die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Wirtschaft."

Dass der Blick vom Stiftungssitz im Beisheim Center am Potsdamer Platz hinübergeht zu Reichstag und Kanzleramt ist da ein schönes Symbol - wichtiger aber ist, dass die Teams interdisziplinär besetzt werden: Wirtschaftsprüfer diskutieren mit Wissenschaftlern vom Ägyptischen Museum, Referenten im Innenministerium mit Deutschbankern und Mitarbeitern von Amnesty International. So kann Kreyer das Wissen seiner Kollegen bei McKinsey anzapfen, "und ich kann Vorschläge besser auf ihre politische Umsetzbarkeit überprüfen", sagt Mildner, die hauptberuflich für die "Stiftung Wissenschaft und Politik" arbeitet.

Wissen aus den verschiedensten Bereichen wird so gemeinsam angezapft - das unterscheidet die Stiftung von den grau gewordenen Eliten in der Politik, den Konzernen und Universitäten, die sich in ihren jeweiligen Lagern verschanzen: Parteimitglieder der "Linken" arbeiten hier mit künftigen Konzerneliten. Mit Betonung auf "arbeiten": "Die Leute sollen nicht nur Kontakte knüpfen, sondern intellektuell wirklich liefern", sagt Zimmermann.

Nicht das hundertundzehnte Elitenetzwerk will die Stiftung sein, sondern eine Plattform, auf der echte inhaltliche Ergebnisse entstehen. Reelles statt Visitenkartensammelstelle. Und weil keiner der Mitwirkenden älter sein darf als 35 Jahre, bringen sie neue Perspektiven in alte Debatten - "die der Jüngeren, die Probleme oft kreativer und pragmatischer angehen", wie Kreyer sagt. Eine Denkfabrik für die nächste Generation.

Dabei liegt die operative und wissenschaftliche Führung der zehnmonatigen Projekte bei einem der neun "Fellows" - sie sollen ab Herbst Vollzeit und mit einem steuerfreien Stipendium über etwa 3000 Euro monatlich für die Stiftung tätig sein. Impulse aus der Praxis bekommen sie von rund zehn Associates pro Team - die allerdings weiter in ihren Jobs bleiben und sich abends oder am Wochenende durch Expertisen und Statistiken zu ihrem Thema wühlen. Ist das Projekt beendet, werden die Fellow- und Associateships meist neu vergeben.

"Herausforderungen" statt "Probleme"

Die Stiftung stellt Recherchehilfen, Expertenkontakte und Infrastruktur zur Verfügung, darunter eine Internetplattform, auf der Ergebnisse ausgetauscht werden können. Am Ende soll ein rund zehnseitiges Memo stehen, das wissenschaftlichen Standards genügt, aber auch "unkonventionell und normativ" ist, meint McKinsey-Berater Kreyer: "Statt noch einer Analyse wollen wir Empfehlungen für konkretes Handeln geben."

Ergebnisorientiert, interdisziplinär, unkonventionell: Die Arbeitsweise spiegelt die Haltung einer bis ins Mark pragmatischen Generation, die von "Herausforderungen" statt von "Problemen" spricht, die meritokratisch denkt statt proporzgetrieben. "Wenn in den etablierten Parteien jemand die Ochsentour durch die Gremien hinter sich hat, kann er doch an viele Fragen gar nicht mehr unvoreingenommen herangehen", meint Eisele.

Dass sich die junge Elite, gefrustet vom Parteienhickhack, ins politische Nirwana verzieht oder, schlimmer noch, ins Ausland, diese Sorge treibt auch Horst Köhler seit Langem um. Nach einem Besuch im Bundespräsidialamt entschlossen sich die Headhunter von Egon Zehnder vor rund zwei Jahren, das zu ändern. Sie entwarfen ein Konzept und begaben sich auf die Suche nach Geldgebern. Bei der Mercator-Stiftung machte man sie auf einen jungen Mann aufmerksam, der mit einer ganz ähnlichen Idee um Spenden geworben hatte: Lars Zimmermann, mit einem "Master of Public Administration" zurück aus Harvard und frisch infiziert mit der amerikanischen Begeisterung fürs pragmatische Zupacken. "Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Politik", sagt er. "Aber unsere Generation kam darin bislang kaum vor."

Pragmatisch, praktisch, jung: Die Stiftung Neue Verantwortung

Zehnder und Zimmermann schlossen sich zusammen, gewannen für das Stiftungskuratorium prominente Unterstützer wie Dieter Zetsche (Daimler) oder Cem Özdemir (Grüne) und für die Finanzierung des Etats von 750.000 Euro jährlich solvente Spender, darunter den hessischen Unternehmer Friedhelm Loh, die Beisheim Holding, EnBW, Bosch oder Giesecke & Devrient.

Quer durch die Republik wurden mehr als 800 Institutionen um Vorschläge für Teilnehmer gebeten, Unternehmen, Parteien, Forschungsinstitute, Kirchen, NGOs. Per Lebenslauf und Telefoninterview filterte Zehnder die Besten heraus. "Exzellente Ausbildung, breite Interessen, auch mal nach rechts und links geschaut", fasst Zehnder-Mann und Stiftungsvorstand Jörg Ritter das Anforderungsprofil zusammen. Wichtigste Hürde: gesellschaftliches Engagement und geistige Flexibilität. "Alle mit reinen Kaminlebensläufen haben wir aussortiert."

So ist eine bunte Mischung entstanden, zu der neben promovierten Jungmanagern wie Kreyer (seit vier Jahren bei McKinsey) und Eisele (Leiter Controlling bei Schmack Biogas) auch Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz gehören oder Menschen wie Timo Noetzel (Berater des Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz) und Bernard Jan Wendeln, der mit Bonventure einen sozial orientierten Venture Capital Fonds mitgründete. "Entscheidend ist nicht, woher jemand kommt oder wie viele Schulterklappen er hat, sondern was er weiß und kann - und ob er offen ist für andere Meinungen", sagt Ritter.

Eine Haltung, die im traditionellen Politzirkus, wo kritische Selbsteinschätzung bislang nicht zu den wichtigsten Eigenschaften zählt, bisweilen für Irritationen sorgt. Er wisse wirklich nicht, wer am besten geeignet sei, soll SPD-Generalsekretär Hubertus Heil geantwortet haben, als er nach Kandidaten für die Stiftung gefragt wurde: "Bei uns sind alle exzellent."

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