Wirtschaftskrise "Unterdrückung der Banken"

Verstaatlichte Banken, schwaches Wirtschaftswachstum, hohe Schulden, weiche Währungen: Avinash Persaud sagt im Interview mit manager magazin eine lange Dürrephase voraus. Die Welt stehe am Beginn einer Ära der Düsternis, warnt der Finanzfachmann.

mm: Herr Professor Persaud, die Finanzkrise dauert bereits anderthalb Jahre. Notenbanken und Regierungen haben getan, was sie konnten. Aber die Banken misstrauen einander immer noch. Im Gegenteil, die Krise verschärft sich weiter. Wie lange wird dieser Zustand anhalten?

Persaud: Das weiß letztlich niemand, zumal die Finanzkrise längst in eine Wirtschaftskrise übergegangen ist. Ich fürchte, wir müssen uns auf einen in weiten Teilen verstaatlichten Finanzsektor einstellen. In absehbarer Zeit wird kaum etwas wieder werden, wie es war.

mm: Das klingt reichlich düster.

Persaud: Dieses Szenario ist doch längst Realität. Wenn ich Ihnen vor zwei Jahren gesagt hätte: Das deutsche Bankensystem wird zu großen Teilen verstaatlicht, hätten Sie mir vorgeworfen, dass ich nichts von Ihrem Land verstehe. Und so ist es überall: Weil die Banken sich untereinander kein Geld leihen, wenden sie sich an die Notenbanken, die inzwischen den Geldmarkt ersetzen. Die Notenbanken aber verschenken kein Geld, sondern sie verleihen es - die Banken müssen Vermögenswerte als Sicherheiten hinterlegen. Diese Sicherheiten sind inzwischen so knapp, dass die Regierungen in den vergangenen Monaten begonnen haben, die Banken zu rekapitalisieren. Faktisch haben wir längst einen verstaatlichten Bankensektor.

mm: Und Sie meinen, das wird auf Jahre so bleiben?

Persaud: Ich fürchte, ja. Für den Moment sehe ich keine Alternative zu massiver staatlicher Intervention. Und für die absehbare Zukunft gibt es keine Exit-Strategien.

mm: Nicht alle Regierungen zwingen ihre Banken unter die Rettungsschirme. In Deutschland etwa gibt es keine Pflicht zur Annahme von Staatsgeldern.

Persaud: Eine Regelung, die ich problematisch finde. Ich denke schon, dass der Staatseinstieg freiwillig sein sollte. Aber Regelungen wie die deutsche führen dazu, dass Banken erst einmal versuchen, ohne Hilfe über die Runden zu kommen. Ein späterer Einstieg steht ihnen ja offen. Unsicherheit und Misstrauen im Markt bleiben. Der Staat sollte deshalb für die Option zum späteren Einstieg eine Gebühr erheben - wer davon Gebrauch macht, sollte Staatsgelder zu schlechteren Konditionen bekommen. Abzuwarten hätte also seinen Preis. Dann wären die Anreize richtig gesetzt.

Renaissance der Langfristigkeit

mm: Werden am Ende der Krise alle Banken verstaatlicht sein?

Persaud: Auf jeden Fall sehr viele. Im verstaatlichten Finanzsystem der Zukunft werden Regierungen entweder große Anteile der Banken besitzen; oder die Institute werden sehr stark reguliert. Dies sind gefährliche Tendenzen, die die wirtschaftliche Entwicklung für lange Zeit behindern werden.

mm: Was macht Sie so sicher, dass nicht nach einer relativ kurzen Phase des Interventionismus die Banken reprivatisiert werden?

Persaud: Diese Krise wird die Psychologie sehr dauerhaft beeinflussen. Sie hinterlässt bei den Leuten das Gefühl, Finanzmärkte seien zu gefährlich, um sie sich selbst zu überlassen. Das ist natürlich insoweit richtig, als die Finanzmärkte künftig besser reguliert werden müssen. Aber es ist doch so: Banker sind nicht gut in Banking - Regierungen jedoch sind noch schlechter. Staatsbanker leiten Gelder am liebsten in politisch motivierte Projekte. Und die privaten Banker der Zukunft werden sehr, sehr vorsichtig bei der Kreditvergabe sein.

mm: Eine gewisse Vorsicht wäre ja nach den Exzessen der vergangenen Jahre nicht schlecht.

Persaud: Stimmt, wir brauchen vorsichtigere Banken. Aber wir sind auf dem Weg zu einem unterdrückten Bankensystem - unterdrückt durch staatliche Regulierung.

mm: Das heißt: Unternehmen kommen künftig kaum noch an Kapital?

Persaud: Das ist die Konsequenz. Das Kapitalangebot wird knapper - zum einen weil die Banken viel vorsichtiger sein werden, zum anderen weil die Staatsverschuldung stark steigen und private Kapitalnachfrager zum Teil verdrängen wird. Unternehmen und private Haushalte kommen nicht mehr so leicht an Kredite. Die Bürger werden wieder mehr sparen. Ich erwarte beispielsweise eine Renaissance langfristig orientierter Institute: Banken, die langfristige Spareinlagen in langfristige Kreditvergabe umwandeln.

mm: Das klingt nach dem Finanzsystem der Nachkriegszeit, das noch von den Erfahrungen der Großen Depression geprägt war.

Persaud: Absolut. Auch in den 50er und 60er Jahren war die Regulierung so strikt, dass ich von einem unterdrückten Bankensystem sprechen würde. Es gibt da eine Menge Parallelen.

Letzter Ausweg Geldentwertung

mm: Was bedeutet das für die Wirtschaft insgesamt?

Persaud: Wir müssen uns auf eine lange Phase schwachen Wachstums einstellen. Wegen der Kombination aus hoher Staatsverschuldung und repressiver Finanzmarktregulierung wird das Kapitalangebot für die Privatwirtschaft schmal sein. Und genau das wird letztlich zu steigender Inflation führen, gerade in den USA und in Großbritannien, wo derzeit alle Hemmungen gefallen sind, was staatliche Ausgabenprogramme angeht. In Kontinentaleuropa, zumal in Deutschland, scheinen die Regierungen vorsichtiger zu sein.

mm: Letzter Ausweg Geldentwertung?

Persaud: So sieht es aus. Um das Wachstum anzukurbeln, werden die Regierungen auf eine expansive Geldpolitik setzen. Sie werden versuchen, die gigantischen Schuldenlasten, die am Ende die öffentlichen Haushalte belasten, wegzuinflationieren. Den Vereinigten Staaten wird gar nichts anderes übrig bleiben, als Geld zu drucken. Und das wird sogar halbwegs populär sein, populärer jedenfalls als die Alternative: Steuererhöhungen. Eine junge, hoch verschuldete Gesellschaft wie die amerikanische findet Inflation attraktiver als höhere Steuern.

mm: Herr Persaud, wenn wir Sie richtig verstehen, sehen Sie als Folge der Finanzkrise eine radikal neue globale Wirtschaftsordnung: quasiverstaatlichte Finanzsektoren, gigantische Staatsschulden, schwaches Wachstum, Inflation ...

Persaud: ... jedenfalls in den angelsächsischen Ländern, ja ...

mm: ... und am Ende verliert der Dollar seine Rolle als wichtigste Reservewährung der Welt?

Persaud: Das ist wahrscheinlich.

mm: Wird der Euro den Dollar ersetzen?

Persaud: Da habe ich Zweifel. Euro-Land mag stabiler sein als die USA, aber die Bevölkerung altert rapide. Auf längere Sicht wird Europas Anteil am Weltsozialprodukt schrumpfen. All das spricht gegen den Euro. Letztlich wird man eine neue künstliche globale Reservewährung brauchen - eine neue Form der Sonderziehungsrechte. Es gibt keinen Zweifel, dass diese Krise weitreichende und anhaltende Folgen haben wird.

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