Freitag, 23. August 2019

Grünenthal Der Pillenkrieg

3. Teil: "Herkunft hat Zukunft"

Damit war Michael auf dem Höhepunkt seines Einflusses. Denn bereits Anfang 2005, als er satzungsgemäß aus der Grünenthal-Geschäftsführung ausschied und in den Beirat wechselte, hatte er seinen Sohn Sebastian als Thronfolger installiert.

Masse vor Klasse: Umsatz steigt, Gewinn fällt
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Es war eine pompöse Veranstaltung, auf der die Staffelübergabe an die nächste Familiengeneration gefeiert wurde. Getreu seinem Herrschaftsmotto "Herkunft hat Zukunft" legte Michael vor rund 2000 Zeugen sein Vermächtnis ab: Nur die Familie könne das Bestehen der Firma sichern. Sebastian bedankte sich dafür artig bei seinem Vater: "Er hat ein starkes Kapitel Grünenthal-Geschichte geschrieben."

Viele Mitarbeiter ahnten bereits, dass mit Sebastian ein schwaches Kapitel folgen würde. Denn der bei Amtsantritt 34-Jährige war gelernter Bauingenieur, hatte keine nennenswerte Pharmaerfahrung gesammelt und Personalverantwortung zuvor mehr erlebt als gelebt. Keine guten Voraussetzungen für den Geschäftsführer eines Unternehmens mit mehr als 5000 Mitarbeitern und rund 850 Millionen Euro Umsatz.

Dem Filius, der in Papis altem Büro saß, gelang es auch sonst nicht, sich von seinem Vater sichtbar zu emanzipieren. "Sebastians Amtszeit war für ihn und die Firma ein einziger Albtraum", sagt ein Ex-Manager von Grünenthal.

Inhaltlich oft überfordert, schreckte Sebastian vor Entscheidungen zurück. Dass die vierköpfige Geschäftsführung ein Kollegialorgan war, half wenig gegen die Lähmung. "Ein geschäftsführender Gesellschafter ist auch ohne offiziellen CEO-Titel automatisch Primus inter Pares. Deshalb mussten sich alle am Tempo des Langsamsten orientieren", sagt ein Unternehmenskenner.

Strategische Weichenstellungen hätte Grünenthal jedoch dringend gebraucht. Nicht umsonst wurde intern gelästert, die Familie verdiene mit Immobilienspekulationen mehr Geld als mit ihrem Pillengeschäft. Die Umsatzrendite lag in den letzten fünf Jahren durchschnittlich bei 2,3 Prozent, die Branchenbesten schaffen das Zehnfache. Ein Pharma-Gau.

Darunter leidet auch die Familie. Eine kräftige Ausschüttung gab es mit 60 Millionen Euro nur einmal in den vergangenen Jahren - und die ging auf Kosten des Eigenkapitals, das sich im Jahr 2007 ziemlich genau um diesen Betrag auf noch 282 Millionen Euro verminderte.

© manager magazin 2/2009
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