AWD High Noon in Hannover

Carsten Maschmeyer, Gründer und Co-Chef des Finanzdienstleisters AWD, denkt auch über ein Jahr nach dem Verkauf seiner Firma nicht daran, die Kontrolle abzugeben. Die Swiss Life hat sich mit dem Milliardendeal verrechnet.

Es war eine Veranstaltung der besonderen Art, zu der Carsten Maschmeyer (49), Gründer und Co-CEO des Finanzdienstleisters AWD , Mitte November nach Düsseldorf gebeten hatte: Pompöser Titel ("Deutschlands größter Erfolgskongress"), gewaltige Kulisse (10.500 zahlende Zuschauer), prominente Redner (Ex-US-Präsident Bill Clinton, Ballonfahrer Bertrand Piccard, Boxlegende Henry Maske), knallbuntes Rahmenprogramm (Casting-Tenor Paul Potts, Brachialcomedian Atze Schröder) und ein überaus üppiges Budget (mehrere Millionen Euro).

Offiziell war es der Höhepunkt einer 30 Millionen Euro schweren Kampagne zur Anwerbung neuer Finanzberater, tatsächlich geriet der Kongress zu einer Leistungsschau in eigener Sache. Maschmeyer feierte Maschmeyer. Und wie häufig, wenn sich der AWD-Gründer selbst inszeniert, fiel alles einen Tick zu schrill, zu laut und zu teuer aus.

Vor allem aber war die Huldigung der eigenen Größe eine Provokation für Maschmeyers Großaktionär, den Züricher Versicherungskonzern Swiss Life . Seit der deutsche Vertriebsstar zwischen Ende 2007 und Mitte 2008 sein Aktienpaket in zwei Teilen für knapp 350 Millionen Euro an die Schweizer weiterreichte, herrscht zwischen Maschmeyer und den Konzernherren aus Zürich ein verbissen geführter Stellungskrieg.

Während der künftige Swiss-Life-Verwaltungsratspräsident Rolf Dörig (51) und sein Nachfolger als CEO, Bruno Pfister (49), von Anfang an versuchten, Maschmeyers Einfluss im Unternehmen einzuschränken und den AWD-Gründer auf die Rolle einer Galionsfigur zu reduzieren, denkt Maschmeyer nicht daran, sich irgendeiner Form von Konzerndisziplin zu unterwerfen. Der Starverkäufer agiert so, als ob es keinen Großaktionär gäbe, reizt das Topmanagement der Swiss Life bei jeder sich bietenden Gelegenheit und setzt seinen Mutterkonzern mit aggressiven Kapitalmarkttransaktionen massiv unter Druck.

Die Fehde ist inzwischen auf einer Eskalationsstufe angelangt, die eine dauerhaft friedliche Koexistenz zwischen Maschmeyer und dem Management der Swiss Life als ziemlich unwahrscheinlich erscheinen lässt. Um den AWD tobt die härteste Auseinandersetzung in der deutschen Firmenlandschaft, seit sich der Investor Otto Happel (61) mit dem damaligen Chef der MG Technologies, Kajo Neukirchen (66), bekriegte.

Neukirchen zog damals den Kürzeren gegen seinen Großaktionär und musste gehen. Diesmal scheint der mehrere hundert Millionen schwere AWD-Gründer gegenüber den Schweizer Managern im Vorteil.

Den Schein wahren

Das liegt zum einen daran, dass Dörig und Pfister ihren Gegner nicht loswerden können, ohne dabei ihren deutschen Vertriebsarm erheblich in Mitleidenschaft zu ziehen. Maschmeyers Charisma und Motivationskünste sind der Kitt, der den AWD seit mehr als 20 Jahren zusammenhält - und daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Zum anderen hat Maschmeyer mit den Millionen, die ihm die Schweizer überwiesen haben, begonnen, im großen Stil Swiss-Life-Aktien zu kaufen - was es ihm künftig ermöglicht, ein gewichtiges Wort bei seinem Mutterkonzern mitzureden.

Dennoch ist Maschmeyer vorsichtig genug, den Schein zu wahren. Er spricht von Dörig und Pfister als seinen persönlichen Freunden. Zu seinem von den Schweizern eingesetzten Co-CEO Manfred Behrens (53) pflegt er ein betont harmonisches Verhältnis. Eine öffentliche Schlammschlacht würde die Balance seines lange vorbereiteten Deals nur unnötig durcheinanderbringen, der ihm sowohl mehrere hundert Millionen Euro Verkaufserlös als auch dauerhaften Einfluss auf den AWD sicherte.

Bereits Monate bevor ihm die Schweizer seine Firma abkauften, hatte Maschmeyer die Lage mit potenziellen Abnehmern sondiert, sprach mit Post- und Commerzbank, saß mit der Allianz, der Axa und dem belgischen Finanzkonzern Fortis am Tisch. Er empfing MLP-Chef Uwe Schroeder-Wildberg (43) mitsamt seinen Investmentbankern von Goldman Sachs in Sizilien, um auf einer gecharterten Luxusjacht einen Merger of Equals auszuhandeln. Irgendwann verehrte er MLP-Gründer Manfred Lautenschläger (70) gar einen Diamanten ("Weil Sie genauso strahlend und genauso hart sind wie ein Edelstein").

Am Ende war allein der damalige Swiss-Life-Chef Rolf Dörig bereit, sich auf die von Maschmeyer geforderten Konditionen einzulassen. Mehr als eine Milliarde Euro überwiesen die Schweizer bislang an die Aktionäre des Finanzdienstleisters, den sie inzwischen nahezu vollständig kontrolliert und den sie von der Börse nehmen kann.

Zusätzlich versprach Dörig, das Geschäftsmodell des AWD unangetastet zu lassen und dem Gründer mindestens bis Dezember 2012 rund 10 Prozent der AWD-Aktien zu belassen. Was Maschmeyer prompt als Freibrief verstand, seine Firma weiter in gewohnter Manier zu dirigieren. Zumal er sich darüber hinaus vertraglich weitere fünf Jahre an der Unternehmensspitze sicherte.

Gerechnet hat sich der Deal vor allem für den AWD-Gründer selbst. Für die Schweizer dagegen ist ihre deutsche Neuerwerbung bislang jedenfalls ein eher zweifelhaftes Geschäft. Zwischen Anfang Januar und Ende September vergangenen Jahres sank der AWD-Umsatz um 12,5 Prozent, der Gewinn der ersten drei Quartale sackte um 46,5 Prozent auf rund 24 Millionen Euro weg. Hinzu kam, dass das Geschäft in Großbritannien tiefer in die roten Zahlen rutschte und auch in Österreich die Gewinne implodierten.

Tiefe Kratzer in der Bilanz

Die Folge sind tiefe Kratzer in der Bilanz. Bis Ende September 2008 schnurrte das Eigenkapital um 34,2 Millionen oder um knapp 30 Prozent auf rund 86 Millionen Euro zusammen. Rücklagen hat der Finanzdienstleister in den vergangenen Jahren so gut wie keine gebildet. Die Gewinne seit dem Börsengang im Herbst 2000 wurden nahezu vollständig als Dividende ausgeschüttet - Maschmeyer selbst dürfte in diesen Jahren mehr als 100 Millionen Euro kassiert haben.

In den Genuss des schnellen Geldes wird die Swiss Life nun nicht mehr kommen, auch weil die Kostenbasis des AWD nicht mehr stimmt. Seit die EU-Vermittlerrichtlinie und die Reform des deutschen Versicherungsvertragsgesetzes die Anforderungen an die Policen- und Fondsverkäufer erhöht haben, sind die Margen des zuvor ausgesprochen einträglichen Geschäfts geschrumpft.

Die Schweizer müssen nun dafür bezahlen, dass Maschmeyer die in den letzten Jahren hinzugekauften Vertriebsfirmen nie richtig integriert hat. Noch heute gleicht der AWD eher einem losen Verbund als einem straff organisierten Unternehmen, arbeiten Tochterfirmen wie Tecis oder Horbach mit getrenntem Einkauf und eigenen EDV-Systemen, beraten und rekrutieren nach ihren Vorstellungen.

Als Dörig merkte, was er sich mit dem AWD-Kauf eingehandelt hatte, versuchte er, die Verkäufertruppe auf Konzernlinie zu trimmen und vor allem die Dominanz des Gründers im Management zu bremsen.

Im Sommer drängte er Maschmeyer dazu, seine verbliebenen Anteile gut vier Jahre früher als geplant zu verkaufen, erhöhte die Zahl der AWD-Vorstände von drei auf sieben, degradierte Maschmeyer zum Co-CEO und drückte den damaligen Deutschland-Chef der Swiss Life, Manfred Behrens, als gleichberechtigte Nummer eins durch.

Vor allem aber versuchte er, den AWD-Gründer über einen weiteren Zukauf zu neutralisieren. Mitte April vergangenen Jahres bot er MLP-Chef Schroeder-Wildberg einen Zusammenschluss mit dem AWD an. Nahezu im gleichen Atemzug trug er dem MLP-Chef die Führung der fusionierten Firma an, Maschmeyer tauchte in diesen Gedankenspielen offenbar gar nicht erst auf. Zu konkreten Verhandlungen kam es dann jedoch nicht, weil Schroeder-Wildberg sehr schnell abwinkte.

Fatale Kettenreaktion

Die Putschversuche blieben Maschmeyer keineswegs verborgen. Seine Reaktion darauf erschüttert die Swiss Life bis heute. Während die Spitze des Mutterkonzerns den Druck auf ihn erhöhte, begann sich Maschmeyer seinerseits dem Erbfeind MLP  anzunähern - über mehrere Wochen hinweg sammelte die Hamburger Privatbank Berenberg MLP-Papiere im Wert von knapp 200 Millionen Euro ein, die sie Mitte August an Maschmeyer weiterreichte.

Als Maschmeyer gegenüber seinem Großaktionär damit herausrückte, dass er über ein Viertel des MLP-Kapitals kontrollierte, und Dörig dazu drängte, den Konkurrenten zu übernehmen, um den "größten Finanzdienstleister der Welt" zu schmieden, brach der Konflikt offen aus. Dörig sicherte sich die MLP-Aktien und entschuldigte sich öffentlich für den Auftritt seines Angestellten.

Gefruchtet haben die Beschwichtigungsversuche allerdings nicht. MLP-Chef Schroeder-Wildberg wies alle Avancen kühl zurück, strich die Swiss-Life-Policen aus seinem Sortiment und verbündete sich mit den Assekuranzriesen Allianz und Axa sowie dem britischen Immobilienfinanzierer HBOS und drückte die Swiss Life per Kapitalerhöhung wieder unter die Sperrminorität von 25 Prozent.

Maschmeyers Alleingang löste für die Schweizer eine fatale Kettenreaktion aus. Wegen der 300 Millionen Euro, die Dörig für das MLP-Paket nach Hannover überweisen musste, kürzte er zunächst sein Aktienrückkaufprogramm. Als die Finanzkrise die Kapitaldecke weiter strapazierte, wurde das Programm Ende November endgültig gestoppt und die Dividende zusammengestrichen.

Das Resultat: Seit Mitte August schmierte die Swiss-Life-Aktie um rund 80 Prozent ab, der Konzern mutierte mit einem Börsenwert von nur noch 1,3 Milliarden Euro selbst zum Übernahmekandidaten.

Seit Wochen wird an der Schweizer Börse ein Angebot des Erzrivalen Zurich erwartet, der die Folgen der Finanzkrise bislang deutlich besser weggesteckt zu haben scheint als die Swiss Life.

Eine Art Versicherungspolice

An dieser bedrohlichen Gemengelage wird sich auch nichts ändern, solange Bruno Pfister, der Dörig im Mai an der Konzernspitze ablöste, keinen Ausweg aus dem MLP-Dilemma gefunden hat. Viele Möglichkeiten hat er allerdings nicht. Als Aktionär wäre die Swiss Life für MLP ohnehin nur akzeptabel, wenn sie ihren Anteil deutlich absenkte - das jedenfalls machte Schroeder-Wildberg dem Schweizer während eines Gesprächs Mitte Dezember klar.

Auf die Mehrheit bei der MLP-Hauptversammlung kann Pfister kaum hoffen, derzeit kommt er maximal auf etwas mehr als 29 Prozent der Papiere, und das auch nur, wenn man die 5 Prozent, die Berenberg seit Ende November hält, der Swiss Life zurechnet - die Gegenseite kontrolliert 41,13 Prozent. Sich zurückziehen und das Paket über die Börse losschlagen kann er ebenfalls nicht ohne Weiteres, weil er damit die MLP-Aktie weiter auf Talfahrt schicken würde; schon von Mitte August bis Anfang März büßte das Papier gut 60 Prozent ein.

Die Swiss-Life-Spitze revanchierte sich auf ihre Weise. Im September ließ Pfister den von Maschmeyer für den AWD eingefädelten und von ihm persönlich vorfinanzierten Kauf des süddeutschen Finanzvertriebs GKM platzen. Am Ende könnte den Hannoveraner das Nein aus Zürich einen zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Jetzt streitet sich Maschmeyer mit dem GKM-Gründer Reinhard Listl (46) um die Rückabwicklung des Deals. Und natürlich darum, wie viel er von seinen 40 Millionen zurückbekommt und wie viel davon Listl als Schadensersatz zustehen. Der AWD-Co-Chef jedenfalls will von einer persönlichen Kaufverpflichtung nichts wissen und stellt sich auf den Standpunkt, dass er nur eine Sicherheitszahlung für den AWD geleistet habe.

Freuen kann sich Pfister über Maschmeyers Blessuren bestenfalls heimlich. Denn seit der AWD-Gründer Aktien der Schweizer kauft, schwingt er sich vom Diener zum Herrn auf. 535 Millionen Euro wollte Maschmeyer ursprünglich ausgeben, um 10 Prozent am Mutterkonzern zusammenzukaufen. Nach dem Kurssturz der vergangenen Monate würde er dafür mittlerweile gut zwei Fünftel des Konzerns bekommen.

Sein ursprüngliches Ziel hat er inzwischen fast erreicht - zusammen mit seinen Söhnen hält er etwas mehr als 6 Prozent. Damit verfügt er über genügend Einfluss, um einen Sitz im Verwaltungsrat zu fordern - was für ihn eine Art Versicherungspolice für den Verbleib an der AWD-Spitze wäre.

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