Sabbatical Einfach abschalten

Fast jeder Manager träumt davon, einmal richtig viel Zeit zu haben. Wer diese Erfahrung gemacht hat, weiß: Sie verändert das Leben. manager magazin hat einige dieser Aussteiger aufgespürt.
Von Claus G. Schmalholz

Als Sabine Wehle ein kleines Mädchen war, hatte sie einen Traum: "Ich träumte davon, einen Bauernhof auf dem Land zu haben, auf der Terrasse zu sitzen und den Pferden beim Grasen zuzusehen." Wenn die 53-Jährige heute vor die Tür tritt, hat sie genau diesen Anblick vor Augen: Eine saftig grüne Wiese, auf der ihre Pferde weiden, davor ein glitzernder Teich und dahinter dichte Wälder.

Wehle hat ihren Traum wahr gemacht, nach einem abrupten Ausstieg aus der Turbowelt der internationalen Beraterriege. In ihrem neuen Leben auf dem Pferdehof tief in Hessen genießt sie, was die anderen Gehetzten und Getriebenen doch immer nur anstreben. Sie leistet sich den größten denkbaren Luxus: Sie hat Zeit. "Hier fühle ich keinen Stress mehr, es ist herrlich", sagt die Beraterin, die nun ein ganz anderes zweites Berufsleben anstrebt.

Laut einer Forsa-Umfrage träumen 38 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer von einem Sabbatical, einer Auszeit vom anstrengenden Job. Aber nur die wenigsten trauen sich, ihren Wunsch beim Chef zu äußern: aus finanziellen Gründen, aber auch weil sie Karrierenachteile fürchten.

Was aber erleben jene Auszeitpioniere, die für ein paar Tage, für einige Wochen, für ein halbes Jahr oder gar komplett aus dem Job aussteigen? Stellt sich tatsächlich jenes Glücksgefühl ein, das alle erwarten? Gewinnt man wirklich einen neuen Blick auf den alten Job und erledigt ihn dann wieder mit mehr Elan und gar größerem Erfolg? Führt eine Auszeit womöglich dazu, die Weichen fürs Leben noch mal ganz anders zu stellen?

manager magazin hat einige dieser Aussteiger aufgespürt - und ihre Erfahrungen sind in der Tat durchweg positiv. Ob sie nun ein halbes Jahr durch die Welt gereist oder gar ganz aus dem bisherigen Job ausgestiegen sind.

Dass es sich aber auch stets empfiehlt, einen Plan B für die Gestaltung des eigenen Lebens zu haben, zeigt die Karriere von Sabine Wehle. Jahrzehntelang hatte die Beraterin bei großen Instituten gearbeitet, zuletzt als eine von neun Seniorpartnern bei der Personalberatung Heidrick & Struggles, spezialisiert auf die Potenzialermittlung von Topmanagern.

Wehle führte das typische Leben der globalisierten Managerkaste: morgens mit dem Flieger hin, abends zurück. Einmal pro Woche nach London, alle zwei Wochen nach New York. Der Erfolgsdruck war hoch, das Gehalt aber auch. Alles bestens also. Oder doch nicht? Ein neuer Chef in der US-Zentrale, der seinen Umsatzdruck "äußerst ungefiltert" weitergab, sorgte dafür, dass Wehle immer häufiger ins Grübeln kam und sich, wenn sie frühmorgens in ihrem Armani-Kostüm im Flugzeug saß, im Stillen fragte: "Was mach' ich hier eigentlich?"

"Ich kann nicht mehr"

Ihr heimlicher Wunsch, endlich einmal mehr Zeit zu haben, um vielleicht doch noch etwas ganz anderes zu machen, erfüllte sich kurz darauf auf unerwartete Weise.

Im Rahmen einer Restrukturierung wurde Wehles Aufgabengebiet nach London verlagert. Es traf sie wie ein Hammerschlag. "Ich war total schockiert", sagt sie. Innerhalb einer Woche musste sie ihr Büro räumen, Firmenwagen und Laptop abgeben.

Nach dem ersten Schreck nahm sich Wehle die Zeit, gründlich über ihre Zukunft nachzudenken. Und dann erinnerte sie sich plötzlich wieder an ihren alten Mädchentraum: Nach einigen Monaten stand ihr Entschluss fest, auf einem Bauernhof Pferde zu züchten. Der plötzliche Ausstieg hat die 53-Jährige verändert: "Ich bin viel relaxter, weil ich deutlich weniger fremdbestimmt bin und nun nicht mehr für andere performen muss", sagt sie.

Im Umgang mit Menschen lebt die Frau, die zuvor jahrelang die Fähigkeiten von Managern analysiert hatte, jetzt viel bewusster: "Ich nehme mir Zeit für die Beziehungen zu Leuten, mit denen ich zu tun habe. Mein Leben ist dadurch viel wertvoller, viel lebenswerter geworden." Ihre Vergangenheit sieht sie heute mit anderen Augen: "Wenn ich manche Gehetzte im Frankfurter Bankenviertel sehe, denke ich immer: Euch täte eine Auszeit auch mal gut."

Ihr veränderter Blick auf die Mitmenschen könnte Wehle auch bei ihrem beruflichen Neustart hilfreich sein: Neben der Pferdezucht plant sie, Coachings für Manager anzubieten, die sich in Veränderungssituationen befinden.

Wann sie damit beginnt? Es eilt nicht. Es gibt keinen äußeren Druck mehr in Wehles Leben.

Der ständige Erfolgsdruck, den Führungskräfte immer stärker spüren, je höher sie auf der Karriereleiter steigen, ließ auch bei Michael Sommer* (60) (Name von der Redaktion geändert) den Wunsch nach einem radikalen Neuanfang reifen.

Obwohl er bereits viele Jahre im Vorstand eines Dax-Konzerns saß, trieb ihn das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, eines Tages ins Büro des Vorstandschefs - und er sagte jenen kurzen Satz, der sein Leben veränderte: "Ich kann nicht mehr."

"Quality Time" als Ausstieg de luxe

Nach 30 Jahren in verschiedenen Führungsposten des Industrieunternehmens erschien ihm sein Leben "ohne große Selbstbestimmung" nicht mehr erstrebenswert. Ehrlich mit sich selbst, erkannte er, dass es im Kreis seiner Kollegen nach gängiger Definition besser geeignete Manager als ihn gegeben habe, auch deshalb habe er damals erkannt: "Meine Zeit ist vorbei, im positiven Sinn."

Sommer entschied sich für einen Ausstieg aus dem Leben als Topmanager - und verbringt seine Zeit seitdem vor allem mit seiner Frau und den vier Kindern. "Quality Time" nennt er das.

So ganz ausgestiegen ist er natürlich nicht aus dem Geschäftsleben. Vergnügt rührt er den Latte macchiato um, während er den Blackberry ans Ohr hält und mal eben dem Chef jenes britischen Unternehmens die Leviten liest, in dessen Aufsichtsrat er sitzt: "Well, Joe, I've seen dozens of CEOs and your attitude is very unprofessional."

Sommer arbeitet in zahlreichen Aufsichtsräten, aber nun bestimmt er die Häufigkeit von Sitzungen und Geschäftsreisen eben weitgehend selbst und führt auf diese Weise ein Leben, das ihn glücklich macht. "Ich vermisse nichts", sagt er.

Einen solchen Ausstieg de luxe können sich aber fast nur Führungskräfte wie Sommer erlauben; Leute, die bereits finanziell ausgesorgt haben. Erschöpfte Jungmanager dagegen, die den heimlichen Wunsch nach Entschleunigung verspüren, gehen mit einer Auszeit schon ein beträchtliches Risiko ein: Die Aussteiger laufen Gefahr, sagt der Coach Wolfgang Looss (64), den Anschluss im Job zu verlieren, weil sich das soziale System am Arbeitsplatz, die Beziehungen zu Kollegen und Geschäftspartnern, nach dem Ausscheiden schnell hinter ihnen schließt.

Schon nach drei Monaten treten seinen Beobachtungen zufolge sogenannte Kontaktbrüche auf. Führungskräfte, sagt Looss, "haben auch Angst vor dem Verlust von Wissens- und Beziehungskapital".

Wer trotzdem pausiert, hat oft ein körperliches Verlangen nach Erholung. Ständige Verfügbarkeit ist längst ein fester Bestandteil der Arbeitswelt. Die meisten Manager können buchstäblich nicht mehr abschalten. Mit ihrem Blackberry sind sie ohne Unterlass online, die Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit ist verwischt - nur vermeintlich freiwillig.

Und viele lernen auch bald die Schattenseiten der ständigen Verfügbarkeit kennen. In einer Studie der TU Darmstadt ließ Ruth Stock-Homburg 250 Manager zu ihren Problemen durch Stress im Job und den Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit befragen. Das Ergebnis: 30 Prozent zeigten Anzeichen von Arbeitssucht, 13 Prozent verspürten Burn-out-Symptome.

Der Geist der Gelassenheit

Michael Jaeger (49), Head of Industrial Relations bei Unilever in Hamburg, kennt solche Manager. "Ich habe gesehen, wie Kollegen durch den Job physisch und psychisch aufgerieben wurden." Um nicht in die gleiche Erfolgsfalle zu tappen, beschloss er, nach einem nervenaufreibenden Merger-Projekt bei einer ehemaligen Unilever-Tochter, in dessen Verlauf er unter anderem zwei Standorte schließen musste, eine Auszeit zu nehmen.

Zu seinem Erstaunen unterstützte ihn sein Chef sofort bei seinem Vorhaben, ein ganzes Jahr freizunehmen. In dieser Zeit wollte Jaeger ein Fachbuch über das Personalmanagement bei Unternehmensfusionen schreiben und endlich den alten Wunschtraum einer ausgedehnten Reise nach Neuseeland verwirklichen. Sein Vorgesetzter wollte noch nicht einmal wissen, was denn der Firma das private Regenerationsprojekt nützen würde. Jaeger jedenfalls profitiert noch acht Jahre später von dieser Auszeit, weil sie seine Erwartungen weit übertroffen hat.

Bei einem Konzern wie Unilever ist immer alles organisiert. In Neuseeland hat Jaeger gelernt, auch ohne eingespielten Apparat zurechtzukommen. Mitgenommen aus dieser Zeit hat er auch den entspannten Lebensstil der Neuseeländer. "Dort läuft alles nicht so hektisch ab wie bei uns, und trotzdem läuft es", sagt er.

Es gelang ihm, diese Haltung auch nach seiner Rückkehr in den Berufsalltag hinüberzuretten. "Meine Kollegen sagen, dass sie meine Gelassenheit und Übersicht auch in Stresssituationen besonders an mir schätzen", sagt er. Und im Gegensatz zu früher lässt Jaeger, im Geiste ganz der lockere "Kiwi", sogar einmal ein paar Mails liegen, wenn er nicht dazu kommt, sie gleich zu beantworten.

Vielen leitenden Angestellten, die ständig an ihrer Leistungsgrenze arbeiten, fehlt diese Art des Selbstschutzes. In manchen Fällen kann das zum Burnout-Syndrom führen, einem psychosomatischen Erschöpfungszustand, wie Bernd Sprenger erläutert, Chefarzt der Oberberg-Klinik in Berlin-Brandenburg.

Der Mediziner wundert sich immer wieder über das fehlende Gespür vieler Manager für die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit - und ihre oftmals falschen Vorstellungen von seiner Klinik als einer Art Reparaturbetrieb für gestresste Führungskräfte: "Die kommen dann hier an und sagen: Spritzen Sie mich wieder fit. Die haben einen ganz maschinellen Zugang zu sich selbst."

Die typische Ausweichstrategie bei zu viel Stress im Job ist der Sport. Solche regelmäßigen kleinen Fluchten können helfen, meint auch Mediziner Sprenger, aber manchmal braucht es eben etwas mehr Zeit.

"Entdeckungsreise zu mir selbst"

So ist die Auszeit von Camilla Kockberg (38), Leiterin IT-Innovation im Key-Account-Bereich von T-Systems, beispielhaft für Manager, die der zermürbenden Tretmühle gern entkommen wollen. Der Berufsstart der Telekommunikationsexpertin bei der US-Beratung AMS fiel mitten in die Blütezeit der Branche Ende der 90er Jahre. Für Kockberg hieß das: Zehn Jahre lang volle Power arbeiten mit 18-Stunden-Tagen, in denen ein Projekt das andere jagte. Wenn sie spätabends dann endlich nach Hause kam, nahm sie ihren Laptop noch mit ins Bett.

Als ihre Firma vor vier Jahren von einem Konkurrenten übernommen wurde, kam für Kockberg der Augenblick des Innehaltens. Sie fragte sich: "Was will ich wirklich in meinem Leben erreichen?" Bis dahin hatte sie immer das nächste Projekt angetrieben, der nächste Bonus. Doch nun setzte sie sich ein ganz persönliches neues Ziel in ihrem Leben, "das Projekt Camilla, die Entdeckungsreise zu mir selbst".

Sie beschloss, ihren lang gehegten Wunsch einer Auszeit zu realisieren, von der sie zumindest die Umrisse kannte. Es sollte etwas Sportliches und etwas Ungewöhnliches sein. Ihr Ziel: das Dach der Welt.

Drei Monate genoss sie ihre Freizeit auf Reisen in Kambodscha, Laos und Thailand und wanderte zum Schluss sechs Wochen lang durch Nepal. Auf die Strapazen in der dünnen Luft des Himalayas bereitete sie sich mit professioneller Unterstützung eines persönlichen Trainers vor. Bis auf 6000 Meter Höhe führte sie schließlich ihr Weg.

Am Ende waren es aber nicht nur die unvergesslichen Eindrücke in der freien Natur, sondern vor allem die Begegnungen mit den Nepalesen, die sie nachhaltig beeindruckten. "Die Bauern dort oben leben in einfachsten Verhältnissen, sind aber zutiefst zufrieden mit ihrem Leben, das ganz ohne die materiellen Dinge auskommt, die für uns so wichtig sind", sagt Kockberg. Die spirituelle Sicht der Nepalesen auf die wichtigen Dinge des Lebens veränderten auch Kockbergs Einstellung zum Beruf.

So hat sie sich zum Beispiel abgewöhnt, über jedes Problem zu meckern, das sich stellt, stattdessen sagt sie sich nun: Löse es, oder lege es zur Seite. Bei ihren Wanderungen merkte sie, dass ihr der Sport tatsächlich hilft, Stress abzubauen. Und so geht sie nun nicht mehr - wie vor ihrer Auszeit - nur ab und zu einmal ins Fitnessstudio, sondern trägt diese Termine genauso konsequent in ihren Kalender ein wie jeden Geschäftstermin. Für die Telekomexpertin ist die wichtigste Erkenntnis ihrer Auszeit: "Ich habe gelernt, dass ich effektiver arbeite, wenn ich nicht ständig arbeitsbereit bin."

Und wenn der Stress im Job dann doch wieder einmal überhandzunehmen droht, kramt Camilla Kockberg ihr Wandertagebuch heraus und liest jenen Eintrag, der sie im Geiste zurückführt in die imposante Landschaft der Bergwelt rund um den höchsten Gipfel der Erde: "Diese großartigen Eindrücke von so viel Schönheit und Vielfalt schwirren in meinem Kopf herum. Ich wünschte, diese Reise möge nie zu Ende gehen. Ich muss versuchen, mich an diesen wunderschönen Tag zu erinnern, wenn ich mal wieder frustriert und niedergeschlagen bin."

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