Privatkliniken Professor Brinkmanns Erben

Neue Privatkliniken kombinieren exzellente Medizin mit dem Komfort eines Luxushotels. Auch in Deutschland entstehen immer mehr dieser Häuser, etwa auf der Bühlerhöhe, in Bad Neustadt an der Saale und in Hamburg. manager magazin hat sich umgesehen und stellt die wichtigsten Privatangebote vor.

Wer warm eingepackt in einem der Deckstühle auf dem Dachgarten des Nürnberger Dr.-Hans-Birkner-Hauses aus seinem Mittagsschläfchen erwacht, wird kaum daran denken, dass er in einem Krankenhaus liegt: Keine Lernschwester klappert mit der Bettpfanne, nirgends stehen verbeulte Teekannen mit schalem Hagebuttentee herum.

Statt des Geruchs von Linoleum, seit Jahrzehnten von Desinfektionsmitteln durchtränkt, weht ein zarter Duft vom benachbarten Schmetterlingsflieder in die Nase. Die Sonne spielt im Blattwerk der Pergola. Darunter schweift der Blick bis zur Burg oder hinüber zu den Hügeln der Fränkischen Schweiz.

Die Terrasse über dem vierten Obergeschoss des Gebäudes 22 gehört zu Medizinplus, einer Privatklinik auf dem Gelände des Nürnberger Klinikums Nord. Hier werden 24 Privatversicherte und selbstzahlende Patienten untergebracht, die sich von den Chefärzten der 37 umliegenden Abteilungen und Spezialinstitute behandeln lassen.

Medizinplus ist eine Tochtergesellschaft des Städtischen Krankenhausbetriebs. Sie bietet, zusätzlich zur "Maximalversorgungsmedizin" des Mutterhauses, besonderen Service für alle, die ihre hohen Ansprüche an stationäre Gesundheitsversorgung nicht zusammen mit der Versicherungs-Chipkarte am Empfang abgeben: Chefärzte, die reihum ans Bett des Kranken kommen; Schwestern und Pfleger, die Neuankömmlinge auch sonntags gern aufnehmen.

Einen Maître de Cuisine, der das Essen vor Ort frisch zubereitet, das sich der Patient à la carte bestellt hat, und Kellner, die es im Zimmer servieren. Eine Sauna, einen Fitnessbereich, und eben die Dachterrasse zum Ausspannen und Erholen.

Medizinplus gehört zu den Pionieren der neuen Gesundheitsbewegung. Von Hamburg bis Bad Tölz wollen derzeit knapp hundert Kliniken die deutsche Krankenhauslandschaft aufwerten und leistungsstärker machen ohne dabei auf Schönheitschirurgie, Wellness und Wohlfühlmedizin auszuweichen.

Privatversicherte und Selbstzahler

Die meisten dieser neuen Privatkliniken richten sich vor allem an Privatversicherte und Selbstzahler. Sie kombinieren den Komfort eines Fünf-Sterne-Hotels mit erstklassiger Medizin.

"Wir haben unsere Tochtergesellschaft klar positioniert", sagt Alfred Estelmann, Vorstand des Städtischen Klinikums Nürnberg: "Modernste Medizin wird hier praktiziert als persönliche Dienstleistung." In der Tat: Die Organisation von Aufnahme und Entlassungsformalitäten, von Diagnostik, OP-Vorbereitung oder Physiotherapie richtet sich hier nach den Wünschen der Patienten und nicht umgekehrt, wie in den meisten der gut 2000 Krankenhäuser in Deutschland noch immer üblich.

Die Klinikbetreiber profitieren von diesem Wandel. Das Angebot von Hightech und Premiumservices erlaubt ihnen zum Teil erhebliche Aufpreise gegenüber den staatlich regulierten Kostenpauschalen.

Vor allem aber nützt dieser Trend dem Patienten. Der ist hier nicht Empfänger einer Sozialleistung, sondern Kunde. Das heißt: An seinem Krankenbett und an seinem OP-Tisch stehen besser qualifizierte Ärzte als normalerweise. Bei ihm kommen modernste Medikamente und Hightech-Medizin zum Einsatz; er darf oft früher nach Hause als auf Standardstationen. Und in der Zeit zwischen Aufnahme und Entlassung versucht ein besonders motiviertes, besonders ausgebildetes Team von Servicekräften, ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

Im Ausland gibt es bereits Erfahrungen mit dieser Komfortgenesung: Das Massachusetts General Hospital in Boston, ein Lehrkrankenhaus der Harvard Medical School, oder die Johns-Hopkins-Uniklinik in Baltimore haben schon vor Jahren Spezialstationen eingerichtet, die Hochleistungsmedizin mit einem besonderen Service kombinieren. Die luxuriösen Suiten kosten bis zu 1000 Dollar je Übernachtung und sind fast ständig ausgebucht.

Ähnliches versuchen nun auch in Deutschland immer mehr Privatkliniken, etwa auf der Bühlerhöhe, in Bad Neustadt an der Saale und in Hamburg. manager magazin hat sich dort umgesehen und neben ambitionierten Schwestern und Pflegern, neben versierten Medizintechnikern und geduldigen Assistenzärzten vor allem einen neuen Typ von Chefarzt kennengelernt: Spezialisten, die Zuwendung als das wichtigste Element der Heilkunst betrachten. Die ihr akademisches Wissen und ihr handwerkliches Geschick auf der Höhe der Zeit halten und zugleich so vertrauenswürdig wirken wie Professor Brinkmann aus der "Schwarzwaldklinik".

"Kein Kurheim für Betuchte"

Zum Beispiel Jörg Fischer. Der Ärztliche Direktor der Max Grundig Klinik auf der Bühlerhöhe scheut keinen Superlativ: Sein Traditionshaus, sagt der Professor für Innere Medizin, biete schlicht "den besten Service" gastronomisch sowieso, aber auch pflegerisch und medizinisch. Fischer trägt einen picobello gebügelten weißen Kittel, der seine schmalen Schultern betont. Er versucht eine Geste der Bescheidenheit, blitzt aber selbstbewusst hinter seiner Brille hervor.

Der Krebsspezialist weiß, dass er geschickt umgehen muss mit dem Image des "Zauberbergs": Zum einen profitiert die gediegene Max Grundig Klinik ähnlich wie die Heilanstalt in Thomas Manns Roman von ihrer einmaligen Lage hoch droben im Gebirge. Zum anderen darf der Krankenhausbetrieb auf der Bühlerhöhe, anders als auf dem "Zauberberg", nicht nur die Bühne bieten für die Psychodramen der Patienten. Zumal sich der Chefarzt von Thomas Manns "Berghof"-Sanatorium nicht scheut, seine reichen Patienten mit wirkungslosen "Liegekuren" und obskuren "Sauerstoffduschen" abzuzocken - die Todgeweihten wie die eingebildeten Kranken.

Chefarzt Fischer schätzt die Schwarzwaldkulisse mit harzigem Tannenduft und sensationeller Aussicht als zentrale Vorzüge seiner Klinik. Doch er stellt klar: "Die Bühlerhöhe ist kein Kurheim für Betuchte, sondern ein modernes Krankenhaus für Innere Medizin."

Sein Team von 12 Ärzten, 20 Pflegekräften und 3 Physiotherapeuten betreut im Schnitt weniger als 50 stationäre Patienten. Von einem so großzügigen Personalschlüssel können öffentliche Krankenhäuser nur träumen. Die Max-Grundig-Mediziner nutzen diesen Luxus, um sich ihren Kranken zuzuwenden. Das Zuhörenkönnen, sagt Chefarzt Fischer, sei "der Schlüssel zur Heilkunst".

Für Exzellenz sorgt dann Fischers Konzept von "Tradition und Innovation": Der Klinikeigner, die Max Grundig Stiftung, investiert Millionen in die Modernisierung. In diesem Jahr wurden die Bäderabteilung und die Räume für Physikalische Therapie komplett renoviert, im Herbst startete eine Kooperation mit dem Herzzentrum Bad Krozingen, wo Bypässe gelegt und alle übrigen Eingriffe am anfälligen Pumporgan praktiziert werden können.

Die Tradition stellt sich ein, weil beim Personal der Max Grundig Klinik kaum Fluktuation herrscht. Von den 4 leitenden Ärzten arbeiten 3 länger als 15 Jahre auf der Bühlerhöhe. Ein ambitioniertes Weiterbildungsprogramm sorgt dafür, dass sie nicht den Anschluss verlieren an die aktuellen medizinischen Entwicklungen.

"Weltweit die besten werden"

Sogar in der Küche hat Weiterbildung Tradition: Die Köche hospitieren regelmäßig in den vielen Sterne-Restaurants der badischen Nachbarschaft und bringen neue kulinarische Trends mit.

Die Herzklinik in Bad Neustadt/Saale hat ein ähnliches Motto wie die Bühlerhöhe: "Innovation und Verlässlichkeit" heißt es bei den 56 Kardiochirurgen und Kardiologen, die in dem beschaulichen bayerischen Städtchen 3000 Operationen pro Jahr und knapp 9000 Herzkathetereingriffe absolvieren - so viel wie an den größten internationalen Zentren.

Auch in Bad Neustadt gibt es ein Spezialangebot für besonders anspruchsvolle Privatpatienten. Die Kardiologische Abteilung wartet zum Beispiel mit der Qualifikation von gleich zwei Chefärzten auf: Einer ist Spezialist für Herzrhythmusstörungen, der andere für die -kranzgefäße. Maximalen Unterbringungskomfort bietet eine holzvertäfelte Suite, geräuschgeschützt am Ende des Stationsflures gelegen - und mit einmaliger Aussicht über den friedvollen Talgrund der Saale, die sanft geschwungenen Waldeshöhen der Rhön.

Die Herzklinik gehört zu einem Komplex von vier großen Krankenhäusern mit gut 900 Betten, den die börsennotierte Rhön-Klinikums AG auf einem Hügel über Bad Neustadt betreibt. In der Parkanlage zwischen den Gebäudeblöcken, überdacht von einem gläsernen Zelt wie das Münchener Olympiastadion und so üppig begrünt wie ein botanischer Garten, herrscht nachmittags Betrieb wie auf einer italienischen Piazza.

So viel Kleinstadtidyll kann die Martini-Klinik mitten in der Großstadt Hamburg nicht bieten. Dafür haben die Mediziner dort einen besonders ausgeprägten Sinn für Exzellenz. "Wir wollen weltweit das beste Zentrum werden für die Therapie des Prostatakarzinoms", sagt Chefarzt Markus Graefen. Zusammen mit zwei weiteren Chefärzten, drei Ober- und sieben Assistenzärzten behandelt er jährlich über 1200 Tumorpatienten operativ, aber auch mit Bestrahlung oder Medikamenten.

Die Martini-Klinik ist damit Europas Nummer eins für die Therapie und Erforschung der in Deutschland häufigsten Krebsart bei Männern. "Unsere Urologen kennen nicht nur die aktuelle und die wichtigste Literatur zum Prostatakarzinom, sie bestimmen sie", sagt Martini-Geschäftsführer Michael Moormann.

Modell einer Vielklassenmedizin

Das zeigt sich auch in Heilungserfolgen. Während andere Operateure die Krebskranken erst zwei bis drei Wochen nach dem Eingriff entlassen, dürfen die Martini-Patienten bereits nach vier bis fünf Tagen heim.

Die Martini-Klinik, eine Tochtergesellschaft des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), praktiziert offen das Modell einer Vielklassenmedizin: Kassenpatienten mit Prostatakrebs werden ein paar Häuser weiter in der Urologischen Uniklinik operiert und kuriert. Dort gibt es auch eine "normale" Station für Privatversicherte, wo der Professor täglich zur Visite kommt. In die geschmackvoll eingerichteten Einzelzimmer der Martini-Klinik und unter die Skalpelle ihrer ambitionierten Operateure gelangen jedoch nur jene Privatversicherten, die bereit sind, bis zu 1500 Euro auf die Zahlungen ihres Krankenversicherers draufzulegen je nachdem, wie kulant sich dieser zeigt.

Mitglieder der DAK und der TKK haben es besser: Im Rahmen eines Pilotprojekts übernehmen diese Kassen alle Forderungen der Martini-Klinik. Allerdings müssen die Kassenpatienten öfter mit einer Unterbringung in einem der wenigen Doppelzimmer rechnen. Versicherte der übrigen Krankenkassen bekommen derzeit noch keine Behandlung auf Chipkarte im privaten Tochterhaus des UKE.

Rund 15.000 Euro Pauschalpreis verlangt die Martini-Klinik für die operative Therapie des Prostatakarzinoms fast 90 Prozent mehr, als der Fallpauschalen-Katalog der Krankenkassen vorsieht.

Und weil immer mehr private Krankenhäuser solch happige Aufschläge verlangen, hat der Verband der privaten Krankenversicherer (PKV) gegen die Klinikausgründungen bereits geklagt.

Sozialpolitiker werden gespannt sein auf das Verfahren. Denn klar ist: Gesundheit und Heilbehandlungen müssen bezahlbar bleiben. Doch ist es wenig wahrscheinlich, dass "Professor Brinkmanns Erben" von den Gerichten vollständig ausgebremst werden. Dafür haben viele Patienten die neue Kombination von exzellenter Medizin, menschlicher Zuwendung und luxuriösem Service längst schon viel zu sehr schätzen gelernt.

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