Montag, 21. Oktober 2019

Selbstanzeige Aus dem Tagebuch eines Steuersünders

Viele Deutsche haben Schwarzgeld in der Schweiz. Doch es wird immer unangenehmer, wenn man erwischt wird. Noch kann man sich beim Finanzamt freikaufen: Man zahlt, bleibt aber straffrei. Wie Carl Moll. Das Protokoll seiner Selbstanzeige.

7. Februar: Bei Sprüngli in Zürich

Carl Moll* (72) bestellt einen Schümli-Kaffee, studiert die Unterlagen der Bank und wartet auf seine Frau. Christa hatte Geburtstag, nun soll sie sich - same procedure as every year - visàvis bei dem Juwelier Türler etwas Hübsches aussuchen. Luxus. Aber wie sonst das Schweizer Geld ausgeben? Noch ein Urlaub im Engadin? Sinnvoller: von den Zürich-Trips die erlaubte Bargeldmenge (undeklariert bis 9999 Euro) nach Deutschland mitzubringen.

*Moll heißt nicht Moll. Auch die Namen der anderen Familienmitglieder und der Anwälte wurden geändert, ebenso einige Fakten - um Anonymität zu wahren. Alle anderen Informationen entsprechen dem tatsächlichen Verlauf von Molls Selbstanzeige.
Björn Carstensen; Foto: Ingolf Hatz/ zefa/ Corbis
*Moll heißt nicht Moll. Auch die Namen der anderen Familienmitglieder und der Anwälte wurden geändert, ebenso einige Fakten - um Anonymität zu wahren. Alle anderen Informationen entsprechen dem tatsächlichen Verlauf von Molls Selbstanzeige.
8. Februar: Zollkontrolle im EC 195

Der EC 195 nähert sich dem Bahnhof St. Margrethen, der letzten Station in der Schweiz. Carl Moll verlässt seine Frau und das Erste-Klasse-Abteil. Wenige Minuten später sitzt er in der Zweiten Klasse, vertieft in die "NZZ". Der Ex-Manager fühlt sich miserabel, sein Blutdruck ist bei 230:140. Moll weiß: Jetzt sind Grenzbeamte im Zug auf der Suche nach Steuersündern. Wie ihm. 9000 Euro hat er in seiner Brieftasche. Verboten ist das nicht, aber verdächtig.

Entdecken die Zöllner das Geld, dann könnten sie so fürchtet Moll eine Kontrollmitteilung an sein Finanzamt schicken. Nicht der GAU, aber ein Hinweis auf sein Schwarzgeldkonto. Vor allem, wenn die Beamten weitere 9000 Euro bei seiner Frau entdecken - und die neue Academia-Uhr von De-Witt. Um das Risiko zu reduzieren, setzt man sich auseinander - für jene 25 Minuten zwischen St. Margrethen und Lindau.

9. Februar: Vorsicht oder Paranoia?

Manchmal fühlen sich Molls wie Schwerkriminelle: die Telefonnummer der Schweizer Bank - verschlüsselt im Adressbuch; Anrufe dorthin nur von der Telefonzelle; das Handy - vor der Schweizer Grenze ausgeschaltet; Rechnungen in Zürich - keinesfalls mit Kreditkarte bezahlen; die Unterlagen der Bank - zerreißen und in den Papierkörben auf der Bahnhofsstraße entsorgen. Vorsicht oder Paranoia? Könnte die Steuerfahndung Molls Schwarzgeldkonto womöglich über die Nummer seiner Schweizer Autobahnvignette aufspüren - den jährlichen, anonymen Weihnachtsgruß seiner Bank?

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Die Jagd auf Wiedeking
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14. Februar: Fahnder bei Zumwinkel, Moll beim Arzt

Molls Arzt ist besorgt: Hypertonie, Hypercholesterinämie, Tachyarrhythmie. Moll kennt den Grund: ein Mercedes der S-Klasse mit dem Kennzeichen NRW 4 1448. Mit ihm fuhren die Steuerfahnder bei Post-Chef Klaus Zumwinkel vor, Moll verfolgte die Razzia live im "ZDF-Morgenmagazin". Zumwinkels Name war auf einer DVD, die der BND von einem ehemaligen Mitarbeiter des Liechtenstein Global Trust (LGT) gekauft hat.

Kein Einzelfall: Auch bei der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) wurden Daten gestohlen, und die Bank wurde erpresst. Datenklau sei inzwischen das größte Risiko für Steuerflüchtlinge, liest Moll. Er hat zwar keine Stiftung in Vaduz, aber ein Nummernkonto in Zürich. Das klingt sicher, ist es aber nur bedingt: Auf dem Kontoauszug steht diskret eine Nummer, aber einige Mitarbeiter der Bank kennen seinen Namen. Und warum sollte es bei den Eidgenossen keine Datendiebe geben? Der Arzt rät zum Stressabbau.

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