Gehälter Neue Zielvorgaben

Mit verschärften Boni-Regeln reagieren Personalchefs auf die Krise. Aber selbst in Zeiten wie diesen sind durchaus Karrieresprünge mit spürbaren Gehaltsverbesserungen möglich. Wer gut verdienen will, muss sich künftig allerdings noch mehr anstrengen.
Von Claus G. Schmalholz

Jens Beyers (Name der Redaktion geändert) Aufstieg zur Nummer zwei in der deutschen Niederlassung eines weltweit führenden Autozulieferers geschah, man mag es kaum glauben, vor Kurzem, mitten in der Krise.

Mit dem Wechsel des Unternehmens erweiterte der Vertriebsexperte seinen Verantwortungsbereich von Deutschland auf Europa, sein neues Team ist um 10 auf 30 Mitarbeiter angewachsen - und er kassiert 15 Prozent mehr Gehalt. Das Beispiel zeigt: Selbst in Zeiten wie diesen sind durchaus Karrieresprünge mit spürbaren Gehaltsverbesserungen möglich.

Fest steht allerdings auch: Es wird zunehmend schwierig. "Statt der üblichen zwei Gespräche sind nun fünf Termine nötig, um einen solchen Kandidaten zu vermitteln", sagt Klaus Aden, Geschäftsführer der Personalberatung LAB & Company.

In den Chefetagen regiert extreme Vorsicht in Gehaltsfragen, solange unklar ist, wie stark die Krise das eigene Unternehmen trifft. Viele arbeiten deshalb schon jetzt daran, die Spielregeln zu ändern, nach denen in diesem Jahr die Gehälter ermittelt und festgesetzt werden.

  • Die Grundgehälter sind, so sehen es die meisten Vergütungsexperten, nicht von massiven Kürzungen bedroht. Im Gegenteil: Es dürfte auch in diesem Jahr Gehaltssteigerungen geben, die aber geringer ausfallen werden als noch 2008.

  • Als zentrales Instrument zur Anpassung der Gehälter an die Auswirkungen der Krise werden variable Vergütungselemente dienen. "Auf allen Hierarchieebenen wird es deutliche Bonuskürzungen geben", sagt Olaf Lang, Vergütungsexperte bei der Beratung Towers Perrin.

  • Die größten Einbußen dürften auf die Manager der Finanzbranche zukommen, und zwar umso mehr, je höher sie in der Hierarchie angesiedelt sind. Rund ein Fünftel aller Geldhäuser, die Towers Perrin im November zu den Auswirkungen der Krise auf die Managervergütungen befragte, rechnen mit Reduzierungen von 50 Prozent und mehr. Die Unternehmen aus anderen Branchen erwarten Gehaltseinbußen von 10 bis 15 Prozent infolge der reduzierten Boni.

  • Viel einschneidender auf die Höhe künftiger Bonuszahlungen aber dürfte sich die Neudefinition der Erfolgsziele auswirken. Rund ein Drittel aller von Towers Perrin befragten Unternehmen wollen ihre Bonussysteme überarbeiten und besonders Führungskräfte stärker an den Risiken beteiligen, denen das Unternehmen ausgesetzt ist.

  • Hinzu kommt, dass die Bemessungsgrundlage der Bonuszahlungen künftig in weit kürzeren Abständen neu definiert werden dürfte als bislang. "Weil Dauer und Auswirkungen der Krise nur schwer einzuschätzen sind, reicht es nicht mehr aus, einmal im Jahr über die Vorgaben zu reden", prognostiziert Lang: "Künftig wird in vielen Unternehmen jedes Quartal überprüft und neu justiert werden müssen."

Risikoprämie bei Arbeitgeberwechsel

Wie aber können sowohl Einsteiger als auch erfahrene Führungskräfte auf die Kürzungswelle reagieren und sich für die anstehenden Zielgespräche wappnen?

Ein überdurchschnittlich hohes Einstiegsgehalt oder eine deutliche Anhebung des Fixgehalts zu fordern ist derzeit jedenfalls das falsche Signal, meint Christian Näser von Kienbaum Consultants. "Die Frage nach einer Gehaltssteigerung muss man sich aber deswegen nicht von vornherein verkneifen", sagt er. Ziel müsste sein, den Anteil der individuell beeinflussbaren Ziele am Gesamtbonus möglichst hochzuschrauben.

LAB-Personalberater Aden, der sich auf die Vermittlung von Positionen im oberen Management spezialisiert hat, rät seinen Kandidaten dazu, "im variablen Bereich Sportsgeist zu zeigen", dem Unternehmen die Bereitschaft zu signalisieren, die Ungewissheit der kommenden Monate ein Stück weit mitzutragen und dafür auch ein persönliches Einkommensrisiko einzugehen.

Der riskantere, aber auch erfolgversprechendste Weg zu mehr Geld ist der Wechsel zu einem neuen Arbeitgeber. Gilt in normalen Zeiten die Faustregel, dass beim Jobwechsel 10 Prozent mehr drin sind, erhöht sich der mögliche Gehaltszuwachs nun auf insgesamt 20 Prozent. Quasi eine Art Risikoprämie, die jene Unternehmen zu zahlen bereit sind, die vakante Positionen mit erfahrenen Experten besetzen müssen.

Neue Bescheidenheit: Erwartete Gehaltssteigerung

Branche in Prozent
Hightech, Computer und Elektronik 3,9
Lebensmittel 3,5
Pharma/Chemie 3,5
Maschinenbau/Automobil 3,5
Getränke- und Tabakindustrie 3,6
Handel 4,0
Quelle: Mercer, Angaben von 367 Unternehmen in Deutschland zu den erwarteten Gehaltssteigerungen von Fach- und Führungskräften 2009

Auf die neuen Gehaltsspielregeln müssen sich vor allem ältere Führungskräfte einstellen, und zwar umso stärker, je höher sie in der Unternehmenshierarchie angesiedelt sind.

Teilentwarnung geben sowohl Vergütungsfachleute als auch die Personalexperten der Unternehmen bei den Gehältern für Berufseinsteiger. "Wir brauchen weiterhin qualifizierte Nachwuchskräfte und achten daher bei den Einstiegsgehältern auf Kontinuität. Wir fangen nun nicht an, hier zu sparen", sagt etwa Bernhard Riester, Personalverantwortlicher der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.

Topverdiener in Vertrieb und Controlling

Allerdings räumt Riester ein, dass sich die Zahl der geplanten Einstellungen gegenüber dem Vorjahr verringern wird.

Ein sicherer Arbeitsplatz gewinnt auch beim Berufsstart immer mehr an Bedeutung. Und so klopfen derzeit immer mehr Bewerber bei jenen Unternehmen an, die sie früher nicht einmal auf der Auswahlliste hatten.

Ein Effekt, den auch Klaus Grellmann, Chef des Inhouseconsulting beim Energiekonzern RWE, spürt: "Seit einigen Wochen steigen die Bewerberzahlen bei uns stark an." Grellmann hat hohen Bedarf an weiteren Beraterinnen und Beratern. Auch in diesem Jahr wird er wieder bis zu 20 neue Consultants einstellen, die er genauso gut bezahlt wie die großen Topberatungen, also mit einem Startgehalt von bis zu 55.000 Euro, plus Zusatzleistungen.

Topverdiener in Vertrieb und Controlling: Gehaltsniveaus 2008 – Jahreseinkommen in ausgewählten Branchen (in Tausend Euro)

Funktion Position Finanzdienst-leister IT Handel Industrie
Controlling Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
149
106
44
126
88
44
137
107
39
142
113
48
Datenverarbeitung Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
137
102
43
118
96
40
126
110
44
126
110
46
Forschung
Entwicklung
Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
…
…
…
133
103
48
…
…
…
141
120
53
Produktion Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
…
…
…
…
…
…
…
…
…
138
118
45
Personal Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
134
102
48
124
94
43
130
94
37
131
107
44
Werbung/PR Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
133
104
48
113
94
44
114
98
39
108
89
44
Vertrieb Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
151
112
54
127
105
44
152
108
49
154
117
49
Marketing Bereichsleiter
Abteilungsleiter
Einsteiger*
145
109
44
112
96
44
142
103
39
131
116
48
*Ein Jahr Berufserfahrung.
Quelle: Kienbaum Consultants