Arbeitsmarkt Nur keine Panik

Selbst in der Krise haben Führungskräfte bessere Karrierechancen, als viele momentan glauben. Etliche Unternehmen suchen dringend hoch qualifizierte Mitarbeiter. Auch die angeschlagenen Banken rekrutieren noch frische Kräfte.
Von Eva Buchhorn und Anne Preissner

Als Howard Luder (47) seinen Job verlor, ging es vielen Deutschen gerade ziemlich gut. Im Frühjahr 2008 war das. Damals schien hierzulande vieles so glatt zu laufen wie seit Langem nicht mehr: Die Arbeitslosigkeit befand sich auf dem Tiefstand, die Auftragsbücher der Unternehmen waren prall gefüllt, Konzerne und Mittelständler fahndeten nach Managern und hoch qualifizierten Fachkräften wie Minenbesitzer nach Rohdiamanten. Alles prima. Die nächste Aufgabe, so dachte sich Howard Luder, könne nur ein paar Anrufe entfernt sein.

Schließlich hatte er ja einiges zu bieten. Elf Jahre lang hatte der eloquente Marketingexperte mit britischem und niederländischem Pass in Frankfurt für die Investmentbank Morgan Stanley gearbeitet. Luder und sein Team nannten sich Coachs. Sie erklärten ihren Kunden - großen Banken, Vermögensverwaltern und institutionellen Anlegern - die komplizierten Details einer neuen Generation von Geldanlageprodukten.

Dann zog die Finanzkrise ihre Kreise, und Morgan Stanley  gehörte zu den ersten Geldhäusern, die Milliarden abschreiben mussten. Nicht nur Finanzcoachs wie Luder galten mit einem Mal als überflüssige Kostenträger. Banker mussten massenhaft ihre Sachen packen und gehen.

Kürzen, streichen, abwickeln keine andere Branche hat im gerade abgelaufenen Jahr so viele Köpfe rollen lassen wie die Finanzindustrie. Die Deutsche Bank  entsorgte 900 Mitarbeiter im Wertpapierhandel, die BayernLB streicht rund 5600 Jobs, die WestLB baut über 1300 Stellen ab.

Im Zuge der Übernahme der Dresdner durch die Commerzbank  fallen allein in Deutschland 6500 Arbeitsplätze weg. 370 Führungspositionen - Bereichsvorstände und Bereichsleiter - wurden bereits neu verteilt. Wer in den Auswahlgesprächen nicht überzeugen konnte, wartet jetzt auf den Beginn der Sozialplanverhandlungen.

Die Angst geht auch in anderen Branchen um. Die Automobilbranche - am Boden. Die Stahlkonzerne - in Alarmstimmung: Das Auftragsvolumen schrumpft rapide, bei ThyssenKrupp  und Salzgitter  fahnden die Führungskräfte fieberhaft nach Einsparpotenzial. In so unterschiedlichen Unternehmen wie SAP , Adidas , Linde  und Lufthansa  haben Topleute dieselbe Entscheidung getroffen: Sie verhängen Einstellungsstopps.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der rasante Abschwung der Weltwirtschaft auch den Arbeitsmarkt für Führungskräfte in Deutschland voll erfasst. Jedes dritte deutsche Unternehmen will 2009 Personal abbauen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft kürzlich ermittelt. Sobald Anfang Januar die nächsten schwachen Quartalszahlen auf dem Tisch sind, könnte vielerorts der große Kahlschlag einsetzen.

Trotz Krise - die Bankenbranche lebt

Doch wen wird es wirklich treffen? Welche Jobs sind gefährdet? Bedeutet die vielleicht gravierendste Krise, der sich die Weltwirtschaft seit Jahrzehnten ausgesetzt sieht und deren Verlauf und Ende noch niemand wirklich absehen kann, auch für Tausende Manager und Fachkräfte das Karriereende?

manager magazin hat mit Dax-Konzernen, MDax-Unternehmen und großen Mittelständlern gesprochen, sich bei Verbänden und bei Personalberatern umgehört: Wie gehen die Firmen mit ihren Mitarbeitern um?

Die Ergebnisse sind extrem unterschiedlich: Einige Unternehmen sind offenbar so verunsichert, dass sie sich zur Personalpolitik derzeit keinerlei Aussagen zutrauen: Daimler , Heidelberger Druck , ThyssenKrupp und der Schraubenkonzern Würth wollten sich deshalb erst gar nicht äußern.

Doch die meisten Befragten antworteten - mit erstaunlich ermutigenden Botschaften. Etliche Firmen zeigen sich offen für neue Köpfe. Die meisten haben ihre Recruiting-Anstrengungen bisher nur geringfügig zurückgefahren und stellen weiter in großem Stil ein. Für Hochqualifizierte, so scheint es, hält die Arbeitswelt trotz der aktuellen Krisenstimmung immer noch etliche Möglichkeiten bereit - vorausgesetzt, sie sind mutig genug, ihre Chance zu ergreifen.

Florian Schnelzer (24) besitzt Mut. Der Absolvent der Handelshochschule Leipzig hat bei Greenhill in Frankfurt angeheuert. Im April soll es losgehen. Greenhill ist eine kleine, unabhängige amerikanische Investmentbank. Investmentbank? Nach den Entlassungswellen der letzten Monate müsste das doch genau die Sorte Arbeitgeber sein, um die jeder halbwegs informierte Jungakademiker nun einen weiten Bogen macht?

Doch Schnelzer bleibt gelassen. Sein neuer Arbeitgeber ist auf die Beratung bei Fusionen und Übernahmen (sogenannte Mergers & Acquisitions) spezialisiert und hat mit großen deutschen Industriekunden wie Tui , MAN  und Bayer  langjährige Kundenbeziehungen aufgebaut. Das fokussierte Geschäftsmodell bietet immer noch Wachstumschancen, sodass Greenhill mitten im Katastrophenjahr 2008 die Zahl der Partner fast verdoppeln konnte - und eben auch Einsteiger rekrutiert: Junge Talente wie Schnelzer sind hochwillkommen.

Das Beispiel zeigt: Die Bankenbranche lebt - trotz des Debakels an den Weltbörsen. "Die Finanzkrise hat nur Teile des Geschäfts zum Erliegen gebracht, vor allem den Verkauf strukturierter Finanzprodukte und den Eigenhandel der Investmentbanken", sagt Colin Roy, Partner bei Greenhill. "Wer nur in diesem Bereich Expertise besitzt, für den wird es eng."

"Der Kampf um die Talente endet nicht"

Spezialisten für exotische Finanzkonstruktionen sind daher zunehmend bereit, ihr Glück auch außerhalb der etablierten Bankenmetropolen zu suchen, erzählt der auf Banker spezialisierte Headhunter Claes Smith-Solbakken. Die Karawane zieht weiter - nach Dubai, Hongkong oder Shanghai, um im fernen Osten weiter an der Glücksspirale zu drehen.

Für Generalisten und vor allem für Vertriebsexperten hingegen erscheinen die angeblich so schlechten Zeiten auch hierzulande als gar nicht so schlecht. Wie Greenhill nutzen gerade kleinere Finanzhäuser den Know-how-Kehraus der Branche zur Verstärkung ihrer Truppen.

So wie Siegfried Drueker, Deutschland-Chef des italienischen Investmenthauses Leonardo. Leonardo hat sein deutsches Beraterteam 2008 um 10 auf 45 Experten erweitert - die Hälfte kam von Großbanken, andere sind hoch qualifizierte Einsteiger. "Wir können uns die Besten aussuchen", freut sich Drueker.

Selbst die großen Institute bauen in einigen Sparten auf. Die Deutsche Bank etwa will ihre Präsenz in der Privat und Geschäftskundenberatung verstärken und innerhalb der nächsten vier Jahre europaweit 400 neue Filialen eröffnen. Dafür werden 2500 Kundenberater gesucht - allein 1200 in Deutschland.

Hier Personalabbau, dort Aufbau - was für die Banken gilt, lässt sich so fast in jeder Branche beobachten. Den Unternehmen ist offenbar bewusst, dass eine kurzatmige, nur aufs Sparen fokussierte Personalpolitik ihre Lage schnell verschlimmern könnte.

Viele Personaler hätten den Abschwung nach dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrtausends noch deutlich vor Augen, meint Tim Weitzel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bamberg: "Wer jetzt Leute entlässt, um kurzfristig zu sparen, wird sie bald teuer wieder einkaufen müssen. Der Kampf um die Talente endet ja nicht."

Auch die Weiterbildungsaktivitäten offenbaren, dass die Personaler bisher einen kühlen Kopf bewahren. Nur 5 Prozent von rund 800 Unternehmen, die mm zusätzlich befragt hat, wollen ihre Fortbildungsangebote 2009 reduzieren.

Vom Prestigejob in die Selbstständigkeit

Die richtigen Leute an Bord holen und halten, lautet jetzt die Devise. Gefragt sind vor allem erstklassige Einsteiger: Siemens  hat derzeit mehr als 2000 Stellen für Hochschulabsolventen ausgeschrieben, KPMG sucht bis zu 1100 neue Berater, die Allianz  will sich um 400 Jungakademiker, High Potentials und Spezialisten verstärken. Vor allem Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren aller Fachrichtungen, Studenten mit Prädikatsexamen und Auslandserfahrung bieten sich weiterhin ausgezeichnete Einstiegschancen.

Doch auch gestandene Manager sind gefragt. Pharmaunternehmen, die Lebensmittelindustrie und die Erzeuger regenerativer Energien etwa suchen neue Mitarbeiter. Wie differenziert viele Unternehmen personalpolitisch denken, zeigt ein Blick auf die Chemiebranche. Dort sollen im neuen Jahr rund 3500 Stellen wegfallen - gleichzeitig will BASF rund 250 Hochschulabsolventen einstellen, bei Lanxess sind es 100.

Von Panik frei ist die Unternehmenswelt freilich nicht. So fielen bei der einst so erfolgsverwöhnten SAP  aus Kostengründen die Weihnachtsfeiern aus. Beim Düsseldorfer Klebstoffkonzern Henkel  beschränkte sich die von oben verordnete Adventstristesse auf die Bitte, bei den Ausgaben sparsam zu sein.

Gestrichene Weihnachtsfeiern, gedeckelte Spesenbudgets, weniger Weiterbildungsmaßnahmen, verlängerte Werksferien, Zwangsurlaube - all das sind typische Vorsichtsmaßnahmen, mit denen Unternehmen gegenwärtig versuchen, der sich eintrübenden Konjunktur zu begegnen. Denn natürlich spüren immer mehr Firmen den Druck massiv schrumpfender Auftragseingänge.

Virginie Briand (34) hat früh gelernt, die Anzeichen zu lesen, mit denen sich große Krisen ankündigen. Auch in ihrem Unternehmen wird jetzt gespart. Entscheidungen, die die Marketingexpertin bisher allein verantworten durfte, mussten plötzlich zwei Ebenen höher abgesegnet werden. Teure Dienstreisen wurden misstrauisch beäugt und hinterfragt. Irgendwann, so schien es Briand, war sie mehr Verwalterin als Gestalterin. Briand hatte das Pech, in einem Unternehmen zu arbeiten, das schon früh in Problemen steckte - bei BMW .

Die Wucht und das Tempo, mit denen die Finanzkrise und hausgemachte Versäumnisse die Autobranche erfasst haben, ist alarmierend. 3100 Jobs sind seither bei BMW weggefallen. Manager aller Hierarchieebenen erhielten Abfindungsangebote und verließen das Unternehmen. Bei den Wettbewerbern sieht es nicht besser aus.

Virginie Briand ist schon früh gegangen. Sie zog Anfang 2007 den Schlussstrich, weil sie spürte, dass sie mit ihrem Wunsch nach mehr Verantwortung und persönlicher Weiterentwicklung an Grenzen stieß. Ohne Netz und doppelten Boden fing sie komplett neu an.

Von einem Prestigejob - sie verantwortete zuletzt eine der Kernaufgaben der Markenkommunikation: die Präsenz von BMW auf internationalen Automobilmessen - ging sie in die Selbstständigkeit und gründete mit Michael Meyer, einem Weggefährten aus BMW-Tagen, eine eigene Agentur.

Der Schritt schien riskant. "Wir hatten null Kunden und mussten Klinken putzen", erzählt sie. Doch heute, Ende 2008, hat sich ihr Team auf acht Mitarbeiter vergrößert, die Geschäfte laufen prima. Als Newcomerin konnte die Agentur mit dem Namen "19:13" sogar ein Traumprojekt ergattern: die exklusive europäische Markteinführung der Nissan-Luxusmarke Infiniti.

Ingenieurmangel als Wachstumsbremse

Alles Glück? Nicht nur. Briand hat seit ihrem Abschied von BMW eine Entdeckung gemacht, die vielen Führungskräften in dieser Phase ökonomischer Unsicherheit helfen könnte: Fachwissen und Erfahrung sind oft vielseitiger einsetzbar, als man denkt. In guten Zeiten wäre sie nicht im Traum auf die Idee gekommen, ihrem Arbeitgeber den Rücken zu kehren. Und sie hätte nie bemerkt, dass ihre hervorragende Ausbildung im BMW-Marketing ein erstklassiger Türöffner bei der Kundenakquise ist.

Wie Virginie Briand wird noch manche Führungskraft über einen Neuanfang nachdenken müssen. Denn sollte die Wirtschaft tatsächlich in eine lang andauernde Rezession rutschen, werden auch immer mehr Managerjobs in Gefahr geraten.

Schon spüren die Personalberater, dass 2009 für sie kein Jubeljahr wird. "Große Suchprojekte, etwa der Auftrag, das Führungspersonal für einen neuen Standort zu suchen, werden immer häufiger storniert", berichtet Dietmar Faller, Vorstand der Baumann Unternehmensberatung.

Mit einer Ausnahme: Fach- und Führungspersonal aus dem Ingenieurwesen ist in allen Branchen rar und begehrt. Selbst Lufthansa, BMW und Linde fahnden trotz Einstellungsstopps nach technisch versiertem Personal. VW sucht intensiv nach Technikern für die Entwicklung alternativer Antriebe. Und Mittelständler wie SMA Solar Technology, Weltmarktführer bei Fotovoltaik-Wechselrichtern, setzen alle Hebel in Bewegung, um insbesondere Ingenieure nach Niestetal bei Kassel zu locken.

Von Krise ist bei den Hessen nichts zu spüren. Im nächsten Jahr will der Produzent, der zentrale Komponenten für Solaranlagen herstellt, allein im Entwicklungsbereich über hundert Ingenieure einstellen. SMA-Recruiter Lore Klipp ist optimistisch, das gesuchte Personal zu finden: "Es mehren sich die Anfragen von Fachkräften aus der Autoindustrie."

Für manches Unternehmen erweist sich der Ingenieurmangel allerdings bereits als Wachstumsbremse. Kay Radtke zum Beispiel, Deutschland-Chef von Aker Solutions, wollte in diesem Jahr richtig ranklotzen. "Wir hätten um 70 Prozent zulegen können, doch mangels Personal mussten wir zahlreiche Projekte ablehnen", sagt Radtke frustriert.

Aker ist auf Wachstumskurs. Bereits 2007 hat der hiesige Ableger des norwegischen Raffinerie- und Petrochemiekonzerns, der weltweit 26.000 Leute beschäftigt, sein Personal um 60 auf 170 Mitarbeiter aufgestockt.

Jetzt fehlen noch immer 60 Ingenieure. In seiner Not hat Radtke nun den niederländischen Personalberater Dosign eingeschaltet. Eine groß angelegte Werbekampagne in Deutschland ("60 Top Jobs im Engineering und Construction") soll den Personalengpass beseitigen.

"Jugendwahn war gestern"

Firmen wie der Deutschland-Ableger des Aker-Konzerns leiden bei der Personalsuche häufig unter ihrem mangelnden Bekanntheitsgrad. Dabei sind es gerade solche Unternehmen, die zwangsweise verabschiedeten Führungskräften neue Perspektiven eröffnen. "Der Mittelstand ist in vielen Fällen ein deutlich sichererer Hafen als ein Großkonzern", sagt Jürgen van Zwoll, Partner bei der Personalberatung Ray & Berndtson.

Erst unlängst vermittelte er einen 54-jährigen Manager in die Provinz: "Die Firmenleitung suchte gezielt eine erfahrene Führungskraft, die Nachwuchskräften Knowhow und Orientierung auch in schwierigen Wirtschaftsphasen vermitteln kann."

Apropos Erfahrung - es ist gut möglich, dass die gegenwärtige Unsicherheit in der Wirtschaftswelt das Ansehen älterer Manager hebt. In solchen Zeiten vertrauten die Unternehmen gern auf versierte Kräfte, die schon vieles erlebt hätten und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen seien, meint Kienbaum-Berater Jens Hohensee: "Jugendwahn war gestern. Die Hemmschwelle, auch ältere Manager einzustellen, sinkt."

Voraussetzung ist allerdings, dass sie die nötige Flexibilität mitbringen, sich auf ein völlig neues berufliches Umfeld einzustellen. Howard Luder, der einstige Morgan-Stanley-Banker, hat genau diese Beweglichkeit gezeigt. Die Suche nach einem neue Job ging er strategisch an. Statt einer hohen Abfindung ließ er sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber die Dienste der Düsseldorfer Outplacementberatung von Rundstedt HR Partners bezahlen, die mit ihm zusammen seine Möglichkeiten eruierte.

Als Vertriebsexperte wollte er weiter in einem Bereich arbeiten, der seinen Stärken, der Kundenpflege und dem Verkauf, entgegenkommt. Nur zweieinhalb Autostunden von Frankfurt entfernt wurde er schließlich fündig. Bei RBC Dexia.

Der Finanzdienstleister mit Sitz in Luxemburg bietet anderen Banken Service rund um die Verwahrung von Investmentfonds an. Vertriebsexperte Luder soll RBC Dexia neue Kunden jenseits des Rheins zuführen.

Howard Luder ist also wieder im Spiel. Der Job macht Spaß, wird gut bezahlt und vor allem, freut sich der Banker, "werde ich wieder gebraucht". Mehr kann man sich in Zeiten wie diesen wohl kaum wünschen.

Tabelle: Selbst Banken heuern junge Kräfte an

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