Samstag, 20. April 2019

Notenbanken Mit dem Rücken zur Wand

EZB, Fed und Co. gewinnen durch die Finanzkrise massiv an Kompetenzen und an Einfluss. Künftig sollen die Notenbanken aktiver in die Wirtschaft eingreifen als bisher. Nicht alle Währungshüter sind davon begeistert.

Die Herren mögen es langweilig. Graue Anzüge, graue Haare, reduzierte Mimik, gedämpfte Stimme, gebremste Rhetorik - so treten die Notenbanker vor die Öffentlichkeit. Es ist ihr Statement an die Welt: Seht her, in unserem Handeln haben Gefühle und andere Extravaganzen nichts zu suchen; der Rest der Menschheit mag sich niederen Instinkten wie Angst, Gier und Eitelkeit hingeben, wir hingegen sind allein der reinen Vernunft verpflichtet.

Eine Fiktion, natürlich, aber sie funktioniert immer wieder.

Vor einigen Wochen bei einer Konferenz in Frankfurt war die Inszenierung der Notenbanker als rationale Anti-Inflations-Roboter wieder einmal zu beobachten. In der schwierigsten weltwirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit traten die beiden mächtigsten Geldgouverneure der Welt gemeinsam auf: Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), und Ben Bernanke, Chairman der amerikanischen Federal Reserve (Fed). Ein Ereignis, eigentlich. Aber die beiden waren bemüht, dem Treffen seine Aura des Besonderen zu nehmen.

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Bernanke, weißgrauer Vollbart, ausdrucksloses Gesicht, las in streng monotonem Tonfall seine Rede ab, und wer sich nicht genau auf seine Worte konzentrierte, mochte den Eindruck gewinnen, hier trage der Kassenwart eines Briefmarkenvereins seinen Rechnungsbericht vor. Trichet sagte immerhin, die Notenbanken befänden sich in einer "außergewöhnlich herausfordernden Phase".

Es sind Formulierungen wie diese, die nicht zur sorgsam gewahrten Fassade der Langeweile passen, Formulierungen, die andeuten, dass sich dahinter aufregende Veränderungen vollziehen.

Denn durch die Krise wandelt sich die Rolle der Notenbanken radikal. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, sind sie dabei, massiv an Macht und Einfluss zu gewinnen. Künftig werden sie aktiver als in der Vergangenheit ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen - in den Konjunkturverlauf, in die Kapitalmärkte, in die Geschäfte einzelner Geldhäuser.

In den vergangenen anderthalb Jahren haben die Notenbanken ihre Zurückhaltung aufgegeben. Seit die Kreditinstitute im Sommer 2007 aufhörten, sich gegenseitig Geld zu leihen, ist bei den Notenbanken Krisenmanagement angesagt. EZB, Fed und Co. haben die Rolle des Geldmarktes übernommen. Sie sind jetzt die "market makers of last resort", letzte Zuflucht für die Kreditinstitute. Wer Geld leihen muss oder überschüssige Liquidität anlegen will - die Geldbehörden ersetzen kaputte Märkte.

© manager magazin 1/2009
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