Essay Leisten Sie sich den wahren Luxus

Vom Erwerb von etwas völlig Überflüssigem, das man gar nicht braucht, kann sich niemand völlig freisprechen. Doch Vorsicht: Von anderen vorgegebene Glitzersymbole sind kein Luxus, sondern Egokrücken.
Von Helmut Andreas Hartwig

Warum haben Sie eigentlich immer noch Panik? Die Finanzkrise tobt doch mittlerweile schon so lange, dass Sie sich daran gewöhnt haben sollten. Aber Sie machen sich trotzdem Gedanken, wie Sie Familie, Altersversorgung und Weihnachten durch Zeiten abstürzender Kurse und einstürzender Banken bringen.

Die Auswahl des Festessens dürfte noch die leichteste Übung sein. Aber mit der Zahl und der Wertigkeit Ihrer Geschenke haben Sie dieses Jahr wahrscheinlich ein völlig neues Problem: Erhöhen Sie die Dosis materiellen Luxus, um zu zeigen, dass die Krise an Ihnen vorübergezogen ist, oder schalten Sie auf Sparkurs und riskieren den fatalen Eindruck, dass es auch Sie erwischt hat?

Seien wir mal ehrlich, wir haben uns selbst in diesen Schlamassel gebracht. Wir wollten einfach nicht mehr nur zuschauen und den Luxus in den Auslagen betrachten, wie Diabetiker Sahnetorten anschauen. Wir wollten so richtig darin schwelgen! Dass man sich davon einen kräftigen Kater holen kann, sollte keinen von uns überraschen!

Man muss jetzt nicht so weit gehen wie der Papst, der "Luxuria" wie der Duden als Verschwendung und Üppigkeit geißelt. Jeder ist anfällig für die Verlockungen dieser vermeintlichen Todsünde. Ich kann mich davon jedenfalls nicht freisprechen: Vom Luxuskauf, vom Erwerb von etwas völlig Überflüssigem, das ich gar nicht brauchte, aber dringend meinte haben zu müssen. Schön war das, aber die Freude war auch stets nur kurz und oberflächlich.

Ich habe dieses Gefühl im Laufe meines Berufslebens genossen und auch die Dosierung immer wieder ein wenig gesteigert. Aber dank der mir anerzogenen Sparsamkeit bin ich nie süchtig geworden wie einige Weggefährten, die sogar ihre Aktien auf Pump kauften, weil die Gier sie übermannte. Nein, ich konnte es noch im Rahmen halten und habe zu all diesen materiellen Dingen einen gesunden Abstand gewonnen.

Luxus war für mich immer etwas anderes: viel Raum! Ein großes Haus, in dem ich mich wohlfühle, das frei macht im Denken. Nur keine zusätzliche Ferienwohnung oder eine Jacht, die man vielleicht ein paar kurze Wochen lang genießt, aber die die meiste Zeit des Jahres nur Belastung ist! Für solche Dinge haben wir doch ohnehin keine Zeit!

Der absolute Luxus ist für mich ohnehin etwas völlig anderes: Freiheit. Und die habe ich schon früh angestrebt. Seit meinem 15. Lebensjahr habe ich hart gearbeitet, hatte oftmals mehrere Jobs gleichzeitig, nur um eines zu schaffen: mit 50 Jahren nicht mehr des Geldes wegen arbeiten zu müssen. Ich hatte über die Zeit gelernt loszulassen. Vor drei Jahren war es so weit - Job gekündigt, Ziel erreicht.

Freiheit muss man aushalten können

Die erste Erkenntnis danach war eher ernüchternd: Freiheit muss man auch aushalten können. Denn der Abschied vom Managerdasein bedeutete auch den Abschied von liebgewordenen Privilegien. Ich flog von vielen Einladungslisten, die Freiabos der Magazine wurden weniger, und viele "Freunde" aus dem Geschäftsleben sind auf wundersame Weise verschwunden, seit ich nicht mehr "Top im Job" war. Und es dauerte, wie bei allen Süchtigen, bis sich diese Sucht nach Anerkennung aufgelöst hatte.

Es brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich diese Statussymbole gegen andere Dinge eingetauscht hatte: Unabhängigkeit und Zeit! Endlich habe ich Freiraum für meine Partnerschaft, die gegen meinen Ehrgeiz früher stets den Kürzeren gezogen hatte.

Jetzt komme ich endlich dazu, mich um mich selbst zu kümmern - ich habe Zeit für meine Gesundheit, ausgewogene Ernährung und Sport. Ich habe Zeit für meine wenigen echten Freunde. Ich bin einfach auch mal nicht erreichbar! Ich muss mich nicht mehr auf vermeintlich wichtigen Events und Partys zeigen, um in der Folgewoche in einem Hochglanzmagazin in Farbe und sogar mit richtigem Namen zu erscheinen. Endlich habe ich erkannt, dass von anderen vorgegebene Glitzersymbole kein Luxus, sondern eine Egokrücke sind. Heute entscheide ich selbst, wo ich hingehe.

Die schönste Erkenntnis meiner neuen Zeitrechnung: Obwohl ich kein Topmanager mehr bin, liege ich nicht auf der faulen Haut, sondern arbeite weiter! Ich habe das Gefühl, dass mir viele schöne Dinge einfach zufliegen, fast so wie die sprichwörtlichen gebratenen Tauben. Allerdings kann ich mir auch den Luxus leisten, meine Arbeit ganz nach meinen Interessen auszusuchen: Ich will helfen, gestalten und etwas von dem zurückgeben, das mir nicht geschenkt, aber zuteil wurde.

Ich coache Führungskräfte, um meine Erfahrungen weiterzugeben, bin Mitglied in verschiedenen Beiräten, engagiere mich ehrenamtlich für Politik, Kultur und soziale Einrichtungen sowie als Ratgeber für frühere Mitarbeiter. Außerdem plane ich meine eigene Stiftung.

Diese Tätigkeiten dosiere ich so, dass ich mein "downshifting" nicht über Bord werfen muss und auch im Privatleben nicht im Freizeitstress untergehe. Ich möchte doch mindestens die nächsten 50 Jahre meine Unabhängigkeit bewahren und den einzig wahren Luxus genießen.

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