Dienstag, 17. September 2019

Kunst der Gegenwart Wegweiserin

2. Teil: Qualität hat seinen Preis

"Was teuer ist, hat vermutlich auch hohe Qualität", konstatiert Wieland Schmied, langjähriger Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, einen Zusammenhang zwischen Preis und Bedeutung eines Kunstwerks. Eine Prognose über den Marktfaktor Ruhm zu wagen, diesen "höchst ernsthaften, wenn auch notwendigerweise unvollkommenen Versuch", unternehme der Kunstkompass seit Jahren. Will heißen: Der Leitfaden kann helfen, Geld in Gegenwartskunst anzulegen.

Frau vom Fach: Linde Rohr-Bongard
Gaby Gerster
Frau vom Fach: Linde Rohr-Bongard
Sachkundige Unterstützung beim Investment in Bilder oder Skulpturen - mit dieser Intention entwickelte der Journalist Willi Bongard 1970 denn auch den Kunstkompass. Jahrelang hatte er da schon für den Wirtschaftsteil der "Zeit" über Kunst als Ware geschrieben und die Intransparenz des Kunstmarktes angeprangert. Zugleich fragte er sich - wohl wie die meisten Betrachter zeitgenössischer Exponate - "Was ist große Kunst?"

Seine Antwort: Kunst ist eine soziale Übereinkunft - nämlich das, was die wenigen, die sich damit befassen, darunter verstehen. Entsprechend zog Bongard nicht Marktwerte und Auktionserlöse, sondern die Resonanz der Fachwelt - sprich Kuratoren und Kritiker - als Richtschnur für die Beurteilung der Gegenwartskunst heran.

So erfasste der Analytiker die öffentliche Exposition Hunderter Künstler und vergab je nach Auftritt Ruhmespunkte - besonders viele für Einzelausstellungen in großen Museen, etwas weniger für Beteiligungen an Gruppenevents wie der Documenta Kassel und noch weniger für Artikel in der Fachpresse.

Die aus den kumulierten Punkten entstandene Rangfolge der berühmtesten Künstler fachte damals eine aufgeregte Debatte an. Als "skandalös" und "kommerziell" verfluchten viele Protagonisten die Liste, die auch noch im Wirtschaftsblatt "Capital" erschien.

An der heftigen Auseinandersetzung beteiligte sich auch die junge Künstlerin Heidelinde Rohr, genannt Linde, die sich ihre Studien der Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie sowie der Kunst an der Akademie in Düsseldorf mit Rezensionen finanzierte. In der Diskussion mit dem älteren Kollegen flogen die Funken - und entzündeten eine leidenschaftliche Liebe.

Ab 1971 lebten und arbeiteten die beiden zusammen in Köln in einer Atelierwohnung im berühmten Galeriehaus in der Lindenstraße. In den Ausstellungsräumen präsentierten die Stars der Kunstwelt ihre jüngsten Werke, im Innenhof trafen sich Gäste wie der Pop-Artist Claes Oldenburg oder Monumentalbildhauer Serra mit den Bewohnern.

Mittendrin wirbelte die quirlige junge Frau, bekochte die Clique. Das bis heute stets farbenfroh gekleidete Temperamentsbündel mit dem Spitznamen "Ballerina" tanzte, sang, lachte und bestach dennoch mit Kreativität, Realitätsbezug und Tatkraft. Die Beziehungen, die das "Blumenmädchen" - Polke nennt sie so - damals knüpfte, bestehen dank ihrer ansteckenden Fröhlichkeit bis heute.

Ein Grund, warum es ihr immer wieder gelingt, ihre zu Megastars avancierten Freunde zu Editionen zu bewegen. Seit 1995 erscheinen regelmäßig zum aktuellen Kompass hochwertige Kleinauflagen von Meistern wie Günther Uecker, Nam June Paik, Rosemarie Trockel, Jörg Immendorff oder Polke - und jetzt exklusiv für manager magazin ein Holzschnitt von Georg Baselitz.

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© manager magazin 11/2008
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