Montag, 11. November 2019

Kunstkompass Die 100 Größten

4. Teil: Ein neues Kapitel im Kunsthandel

Dem scheuen Maler, der sich mit seiner Frau und den drei Kindern rigoros abschottet, sind Auktionsrummel und explodierende Preise eher suspekt. Sein Biograf Dietmar Elger äußert vorsichtig: "Richter wird ja immer wieder als der teuerste lebende deutsche Künstler beschrieben. Daran hat er sich inzwischen gewöhnt, auch wenn ihm diese Reduzierung nicht gefällt."

Spaßvogel: Mit seinen witzig-bissigen Installationen provoziert Maurizio Cattelan. Die einen halten Werke wie "Frank und Jamie" für billige Gags. Die anderen bewundern seine Fantasie. Die Kunstwelt hat der Italiener überzeugt - im Kompass zählt er zu den großen Aufsteigern.
Schließlich haderte das Stilchamäleon, das ein hochkomplexes Werk schuf, immer wieder mit seiner Berufung. Als ihn in den 80er Jahren Karl Ruhrberg, der damalige Direktor des Kölner Museums Ludwig, als "geborenen Maler" feierte, zweifelte Richter, ob er denn wirklich "von Grund aus Maler sei".

Zumindest die Fachwelt ist davon zutiefst überzeugt. Sein vielgesichtiges Werk wird auf den feinsten Kunstbühnen gefeiert. Vor wenigen Monaten zeigte etwa das Nationalmuseum in Peking eine Übersichtsausstellung, die Richters permanente Stilwechsel präsentierte - von den frühen fotorealistischen Bildern, den konzeptuellen Farbtafeln, den Monochromen bis hin zu den vehementen Abstraktionen. Die eindrucksvolle Exposition wurde euphorisch im Reich der Mitte gefeiert. Was der Kompass-Sieger lapidar kommentiert: "Ach, China auch".

Ruhm und Geld. Solche Äußerlichkeiten interessieren Richter nur wenig. Ganz anders sein britischer Kollege Damien Hirst. Mitte September landete das Oberhaupt des "Brit-Pack" seinen spektakulärsten Coup. Er bot - an seinen langjährigen Galeristen vorbei - im Londoner Auktionshaus Sotheby's 223 frisch produzierte Arbeiten an.

Ein neues Kapitel im Kunsthandel! Die zwei brechend vollen Versteigerungsabende unter dem treffenden Motto "Beautiful Inside my Head Forever" erzielten Gesamteinnahmen von 143,7 Millionen Euro. Allein das "Goldene Kalb" brachte 13,3 Millionen Euro. Nur fünf der eingelegten Tierhälften, Mosaiken aus Schmetterlingsflügeln, Punktebilder, Skulpturen und Vitrinen fanden keinen Abnehmer.

Tobias Meyer, agiler Sotheby's-Chef, jubilierte: "Große Kunst durchbricht alle Barrieren." Wobei er dezent ignorierte, dass Hirsts Galeristen Jay Jopling und Larry Gagosian zähneknirschend mitboten.

© manager magazin 11/2008
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