Donnerstag, 14. November 2019

Enercon Vom Winde verwöhnt

Aloys Wobben, Windkraftanlagen-Erfinder und Inhaber der Firma Enercon, wirbelt mit seinem Unternehmen eine ganze Branche durcheinander. Von sturen Tüftlern wie ihm lebt die deutsche Wirtschaft.

Verliebt tätschelt sein Zeigefinger das kühle Metall. "Das ist hier ein Hauptlager", erklärt Aloys Wobben (56) den etwa einen Meter großen Stahlkranz, der da in der Werkhalle vor ihm steht. Später einmal wird in diesem Bauteil die Achse eines riesigen Windrads rotieren. Der Chef tritt zwei Schritte zurück und betrachtet das gute Stück wie ein Galerist sein teuerstes Gemälde. "Das muss 30 Jahre halten", murmelt er andächtig, "ein typisch deutsches Produkt."

Aloys Wobben

Person: Bernhard Aloys Wobben (56) gilt als der große deutsche Pionier der Windkraft. Er wuchs auf einem Bauernhof im Emsland auf, lernte Elektromaschinenbau und studierte Elektrotechnik. Seit den 80er Jahren lebt er mit seiner Familie am Rande von Aurich in Ostfriesland.

Unternehmen: Wobben ist Gründer und Alleineigentümer des Windradherstellers Enercon, der Nummer vier der Branche weltweit. Als Erfinder und Ingenieur prägt er das Unternehmen bis heute. Enercon produziert vor allem in Aurich und Magdeburg und setzt mehr als drei Milliarden Euro um.

Wenn es um Technik geht - seine Technik -, kennt Bernhard Aloys Wobben keine Contenance. Dann schwärmt er hemmungslos von "wunderschönen Windmühlen".

"Aloys Wobben ist ein leidenschaftlicher Ingenieur, durch und durch", urteilt der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin. Der Politiker kennt Wobben seit den frühen 90er Jahren, als der in Vorträgen für die Windenergie warb. "Damals", erinnert sich Trittin, "wurde er von vielen als schrulliger Erfinder belächelt." Windräder - das klang wie die Neuauflage eines Kinderspielzeugs aus der Kaiserzeit. Größer zwar, aber genauso unnütz.

Dann kam der Klimaalarm. Dann kamen Rot-Grün und ein hoher Garantiepreis für Windstrom. Dann kam der ganz, ganz große Boom.

Das Windgewerbe zählt mittlerweile zu den heißesten Branchen. An der Börse erzielten Windradhersteller Rekorde. Wobben und seine Firma Enercon mischen oben mit. In Deutschland dominiert er den Markt klar. International rangiert Enercon mit 11.000 Mitarbeitern und mehr als drei Milliarden Euro Umsatz an vierter Stelle. An Erfindergeist übertrifft Wobben sogar Weltkonzerne. Er und seine Enercon besitzen mehr Patente für Windenergieanlagen als General Electric und Siemens zusammen.

Der Erfolg hat ihn erstaunlich wenig verändert. Wobben ist der geblieben, der er schon in Krauterjahren war: ein Überzeugungstäter mit reichlich Eigensinn.

Dem äußeren Bild nach tadellos seriös, streift der Ingenieur doch zuweilen die Grenze zum Skurrilen. Etwas Vergeistigtes umspielt seine Augen. Entschließt er sich einmal, einem Besucher seine Forschungslabore zu zeigen, dann kann es sein, dass er stundenlang Apparaturen und Experimente vorführt - und wenn der Gast noch so ungeduldig von einem Bein aufs andere tritt.

Seine Stellungnahmen zur Energiepolitik fallen wie kleine Missionierungen aus. Dann hebt der gertenschlanke Mann die Arme, schwenkt sie; mäßig elegant, aber weit ausholend. Spricht von der "grundsätzlichen Entscheidung", die zu treffen sei: für oder gegen eine "gesunde Energie". Hat man bei dieser Alternative überhaupt noch eine Wahl?

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