Geldanlage Menschlicher Makel

Rund 40 Milliarden Euro versickern Jahr für Jahr im kaum überwachten sogenannten grauen Kapitalmarkt. Doch was treibt selbst hochintelligente Menschen in die Fänge offensichtlicher Betrüger?
Von Jonas Hetzer

Erkenntniswert: Je höher das Gewinnversprechen ist, desto glaubwürdiger wirkt es. Dieser Satz gehört zu den Grundregeln eines erfolgreichen Anlagebetrügers. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, dass Finanzhaie selbst mit den absurdesten Ideen Geld einsammeln können. Mit Silberminen in Österreich etwa oder mit Projekten, die man leider nicht genauer erklären könne, weil damit auch das Geheimnis dreistelliger Renditen gelüftet würde. Allein die vage Aussicht auf sagenhafte Reichtümer genügt, um irrwitzige Summen zu mobilisieren. Schätzungsweise rund 40 Milliarden Euro versickern Jahr für Jahr im kaum überwachten sogenannten grauen Kapitalmarkt.

Der Wirtschaftsanwalt Jürgen Wagner ist beileibe nicht der Erste, der über dieses Phänomen schreibt. Neben Altbekanntem bietet er jedoch auch neue Erklärungsansätze. Sein Buch "Gier frisst Hirn" analysiert mithilfe von Erkenntnissen aus Psychologie und Neurologie ausführlich, was Betrüger und Betrogene antreibt. Etwa die gerade unter Männern grassierende Selbstüberschätzung in Geldanlagedingen. Gepaart mit dem Gefühl, niemals "gelinkt" werden zu können, verführt ein Übermaß an Selbstvertrauen sogar erfahrene Geschäftsleute dazu, windigen Anlagevermittlern auf den Leim zu gehen.

Leider fallen die Passagen zur Hirnforschung arg oberflächlich aus. Die Ansätze der noch jungen Disziplin der Neurofinance hätten deutlich mehr Raum verdient gehabt.

Das nimmt dem Buch jedoch nicht seine Stärke: Wagner hält seinen Lesern den Spiegel vor. Denn die Empfänglichkeit für große Versprechungen ist nur allzu menschlich. Jeder, das ist die Quintessenz, kann auf einen der gewieften Abzocker hereinfallen.

Stil: Das Buch ist gut strukturiert, die Sprache leicht verständlich und flüssig. Auch durch unwegsames rechtliches Terrain führt der Jurist Wagner mit Leichtigkeit und Esprit.

Nutzwert: Wer die eigenen Unzulänglichkeiten kennt, rüstet auf im Kampf gegen die eigene Gier. Der Autor liefert das Rüstzeug, dubiose Investmentofferten zu hinterfragen. Etwas zu kurz kommen aber die Beispiele aus der Praxis. Wagner reißt zwar zahlreiche Betrügereien kurz an. Eine ausführliche Fallstudie hätte die Mechanismen aber noch besser veranschaulicht.

rot rot statt orange seit März 2006, da neues Heftlayout

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Foto: manager-magazin.de
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