Strüngmann-Brüder "Wir sind keine Couponschneider"

Die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann im Gespräch mit manager magazin über ihr neues Leben als milliardenschwere Investoren. Und den Spaß an der zweiten Karriere nach dem Verkauf ihres Unternehmens.

mm: Als Sie vor drei Jahren den Generikahersteller Hexal an Novartis  verkauften, soll Ihnen Ihr Vater gratuliert und gesagt haben, dass Sie mit den 5,6 Milliarden Euro Erlös noch etwas Tolleres schaffen würden. Wie weit sind Sie damit gekommen?

Thomas Strüngmann: Wir sind immer noch in der Lernphase. Die Summe war für uns mehr eine theoretische Größe.

Andreas Strüngmann: Bei Hexal haben wir alles immer wieder investiert. Geld hat uns nicht so interessiert.

mm: Und dann hatten Sie plötzlich einen Batzen Geld und ein neues Leben vor sich.

Thomas Strüngmann: Wir sind nicht in Hektik verfallen - Hexal ist auch nicht an einem Tag entstanden -, wir haben ja auch noch bei der Integration von Sandoz-Hexal mitgeholfen. Dann kam das Jahr der Neugier, wir haben sehr viel mit Finanzexperten und vermögenden Familien gesprochen, wir haben uns mit den Machern von Family Offices unterhalten. Wir lernten Schritt für Schritt dazu, trafen unsere ersten Entscheidungen, gute, aber auch schlechte. Langsam wissen wir, in welche Richtung es geht.

mm: Mitte Juli haben Sie für Aufsehen gesorgt, weil Sie 200 Millionen Euro gestiftet haben, um ein Zentrum für Hirnforschung zu finanzieren, das gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut betrieben wird. Sehen Sie im Spenden und Stiften Ihren neuen Lebensmittelpunkt?

Andreas Strüngmann: Es ist Teil unseres Tuns. Von unserem Engagement erhoffen wir uns Erfolge in der Neurophysiologie, eine der spannendsten wissenschaftlichen Disziplinen überhaupt. Das Ernst-Strüngmann-Institut soll unter der Leitung von Professor Wolf Singer herausragende Forscher versammeln. Die Max-Planck-Gesellschaft stellt die Qualitätsnorm dar, nur dass wir, auch bei der Bezahlung der Wissenschaftler, viel freier handeln können als ein öffentliches Institut. Wir sind sehr froh, dass wir jetzt damit beginnen können.

mm: Sie werden damit vermutlich zu den größten deutschen Stiftern in diesem Jahr gehören. Gleichzeitig zählen Sie zu den aktivsten deutschen Investoren überhaupt. Sie haben Anteile an der Immobiliengesellschaft IVG gekauft, beteiligen sich am kränkelnden Solarunternehmen Conergy , engagieren sich bei einer Biotech-Firma nach der anderen. Für Altana  haben Sie geboten, bei anderen Konzernen waren Sie im Gespräch. Was ist der Plan dahinter?

Thomas Strüngmann: Wir investieren in drei Anlageklassen: Über 60 Prozent in langfristig orientierte Unternehmensbeteiligungen, den Rest in Private Equity und Immobilien.

mm: Sie kaufen querbeet, da kann viel Unkraut dabei sein. Bei der IVG hat sich der Wert Ihrer Anteile seit dem Einstieg um über die Hälfte verringert. Und Conergy scheint unter einem Sonnenstich zu leiden.

Thomas Strüngmann: Natürlich machen wir auch Fehler, aber wir sind sicher: Die IVG-Aktie - übrigens für uns ein reines Finanzinvestment - wird sich wieder erholen. Und Conergy wird saniert - auch wenn wir wissen, dass das ein risikoreiches Investment darstellt.

mm: Dann war das also eher ein Freundschaftsdienst für Ihren Mitinvestor, den Milliardär Otto Happel?

Andreas Strüngmann: Jedenfalls vertrauen wir seinen Saniererqualitäten. Glauben Sie mir, er schaut sehr genau hin. Aber unsere unternehmerischen Interessen liegen anderswo.

Thomas Strüngmann: Wissen Sie, am liebsten sind uns solide Familiengesellschaften, denen wir als langfristige Partner helfen können, sich zu entwickeln. Etwa wenn es darum geht, sich global aufzustellen. Wir wollen unternehmerisch tätig sein, etwas aufbauen abseits der Börse. Der Schwerpunkt liegt bis jetzt sicher auf Gesundheitsthemen, aber wir interessieren uns auch für andere Branchen. Das ist spannend.

"Vieles wird uns direkt zugetragen"

mm: Das glauben wir. Die Unternehmenspreise sinken, Private-Equity-Investoren sind wegen der Finanzkrise aus dem Rennen. Ist dies die Stunde vermögender Familien?

Andreas Strüngmann: Das wird man sehen. Aber natürlich ist es gut, dass wir liquide sind, sodass uns alle Möglichkeiten offenstehen.

mm: Ihre Kriegskasse ist noch gut gefüllt. Könnten Sie sich vorstellen, bei einem großen börsennotierten Unternehmen gemeinsam mit anderen einzusteigen?

Andreas Strüngmann: Das hängt von der Höhe ab. Natürlich kaufen wir auch mal Aktien. Aber nennenswerte Beteiligungen an Dax-Firmen ergeben für uns nur Sinn, wenn wir gemeinsam mit dem Management einen Mehrwert schaffen können.

mm: Das heißt, Sie verstehen sich nicht als passive Finanzinvestoren?

Thomas Strüngmann: Allenfalls am Rande. Wir sind keine Couponschneider, sondern wir wollen wie bei Hexal etwas Neues schaffen. Nur sind wir dieses Mal nicht mehr operativ tätig.

mm: Wie suchen Sie die Firmen aus?

Thomas Strüngmann: Vieles wird uns direkt zugetragen. Wir haben hier in München ein kleines Family Office mit sieben Leuten. Daneben greifen wir auf externe Berater zurück. So kommen die Ideen. Und dann haben wir noch ein Investment Committee, das gemeinsam mit uns entscheidet, ob wir zugreifen. Das kann schnell gehen.

Andreas Strüngmann: Sehr schnell. Außerdem arbeiten wir mit Private-Equity-Firmen zusammen ...

mm: ... wie im Falle Altana  mit der schwedischen EQT ...

Andreas Strüngmann: ... bei denen wir als sogenannter Ko-Investor auftreten und unsere Expertise einbringen können.

Thomas Strüngmann: Es hat eine Weile gedauert, bis wir gemerkt haben, was das Richtige für uns ist. Wir dachten ja früher, wenn man etwas anlegen will, geht man zur Bank, und die präsentieren einem ein Produkt. Aber jedes Family Office arbeitet sehr individuell, je nach Strategie und Persönlichkeit des Inhabers.

mm: Sehr speziell ist auch Ihr Interesse an der chronisch erfolglosen deutschen Biotechnologie. Nach dem SAP-Mitgründer Dietmar Hopp sind Sie hier die größten Investoren. Ein neues Milliardärshobby?

Thomas Strüngmann: Nein, es ist das richtige Engagement für geduldige Investoren wie uns. Und zweifellos eine der Schlüsseltechnologien der nächsten Jahre. Wir stehen gewissermaßen erst am Anfang des neuen Innovationszyklus. Die traditionelle Forschung ist auf einigen Indikationsgebieten ausgereizt, vor allem wenn sie sich zunehmend dem Kosten-Nutzen-Denken stellen muss. Schon heute verdanken wir mehr als die Hälfte aller neu zugelassenen Medikamente den Leistungen der meist kleinen Biotech-Unternehmen. Und der Anteil wird sicherlich weiter stark steigen.

"Wir investieren in Menschen, nicht in Firmen"

mm: Zugegeben: In den USA und anderswo gibt es Erfolge, nicht jedoch in Deutschland.

Andreas Strüngmann: Wir können durchaus mit anderen Ländern mithalten - unsere Wissenschaftler sind ja nicht dümmer. Nur die Voraussetzungen sind andere. Die USA sind uns weit voraus und so schnell nicht einzuholen. Der schlechte Ruf, den deutsche Biotech-Unternehmen zum Teil haben, hilft uns zurzeit, denn sie sind meist unterbewertet. In den USA würden wir für vergleichbare Firmen ein Mehrfaches zahlen.

mm: Trotzdem bräuchte die deutsche Biotech-Branche dringend Erfolge.

Thomas Strüngmann: Stimmt. Es würde der gesamten Branche sehr helfen. Für unsere Engagements sind wir optimistisch, dass es in den nächsten vier bis fünf Jahren konkrete Ergebnisse gibt, also Zulassungen von Medikamenten.

mm: Zurzeit sind Sie in zehn Firmen engagiert. Wie viel Geld steckt darin?

Thomas Strüngmann: Wir kommen auf über 150 Millionen Euro, mit den Zusagen für die Zukunft, also vor allem für die Finanzierung der Forschung, werden es 500 Millionen Euro sein. Viel mehr soll es vorerst nicht mehr werden.

Andreas Strüngmann: Wir bemühen uns stattdessen, unsere Risiken zu minimieren.

mm: Und wie soll das funktionieren?

Andreas Strüngmann: Wir investieren möglichst nicht in Firmen, die nur an einem Produkt arbeiten. Denn bekommt diese Arznei keine Zulassung, ist das Unternehmen oft am Ende. Also engagieren wir uns vor allem in Biotech-Unternehmen, die einen allgemeineren Ansatz verfolgen. Das kann die Forschung an biochemischen Prozessen oder technischen Plattformen sein, die so wichtig sind, dass sie als Ausgangspunkt für diverse Therapien dienen können.

mm: Viele Ihrer Firmen arbeiten in der Krebsforschung. Sehen Sie hier besonders gute Chancen?

Thomas Strüngmann: Nein. Das ist mehr Zufall als Strategie. Wir investieren immer nur in Menschen und nicht in Firmen. Wenn uns die handelnden Personen eines Unternehmens nicht überzeugen, bekommt das Management auch kein Geld von uns.

"Ein Wirkstoff gegen Krebs wäre die Krönung"

mm: Auch dann nicht, wenn die Forschungsansätze der Firma vielversprechend sind?

Andreas Strüngmann: Unsere Erfahrung hat uns gelehrt, dass immer die Menschen das Produkt machen. Das bedeutet im schlimmsten Fall, dass charakterschwache Menschen selbst ein hervorragendes Produkt nicht zum Erfolg führen. It's not a product business, it's a people business - diese Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Einstellung zu Geschäften.

mm: Und was müssen Menschen mitbringen, um die Anforderungen an das Management by Strüngmann zu erfüllen?

Thomas Strüngmann: Auf jeden Fall Leidenschaft. Genauso wichtig ist, dass sie auf dem Boden geblieben sind. Wir haben durch unsere Beteiligungen ganz gute Vergleichsmöglichkeiten. Es ist schon erstaunlich, wie sich Vorstandsgehälter unterscheiden oder Ansprüche von Wissenschaftlern.

Andreas Strüngmann: Allergisch reagieren wir auch auf Mitarbeiter, bei denen wir Konzerndenke im fortgeschrittenen Stadium feststellen.

mm: Was läuft bei Ihnen denn anders als in einem Konzern?

Andreas Strüngmann: Eine große börsennotierte Firma unterliegt natürlich anderen Regeln als ein kleines Familienunternehmen. Konzerne managen vor allem durch Kontrolle, während wir durch Vertrauen und Eigenverantwortung führen. Das fördert den unternehmerischen Geist - im Gegensatz zur Beschäftigung mit Kontrollinstrumenten oder dem Kampf gegen Hierarchien.

mm: Angesichts des Engagements, das Sie im Biotech-Bereich zeigen, drängt sich der Eindruck auf, dass es Ihnen primär gar nicht um finanzielle Interessen geht, sondern dass Sie etwas ganz anderes antreibt.

Thomas Strüngmann: Wir sind jetzt über 20 Jahre im Gesundheitsmarkt tätig ...

Andreas Strüngmann: ... fast 30 Jahre ...

Thomas Strüngmann: ... unser halbes Leben, und wir haben bei Hexal vor allem Generika produziert, also bestehende Medikamente nachgeahmt. Das kann ja nicht alles gewesen sein. Deshalb haben wir einen ungeheuren Antrieb, ein innovatives Produkt von der Entwicklung bis zur Markteinführung zu begleiten.

Andreas Strüngmann: Einen Wirkstoff gegen Krebs zu entwickeln, der nicht nur das Leben des Betroffenen verlängert, sondern den Tumor auch besiegt ...

Thomas Strüngmann: ... ein solches Medikament wäre die absolute Krönung, die "cherry on the cake".

"Hexal war eine große Einheit, ein Straußenei"

mm: Hätten Sie nach einem solchen Erfolg auch den Eindruck, als Vermögende etwas an die Gesellschaft zurückzugeben?

Andreas Strüngmann: "Der Gesellschaft, dem Land etwas zurückgeben" - das klingt uns zu sehr nach Sonntagsrede, weil ...

Thomas Strüngmann: ... es unser Hauptmotiv ist, etwas aufzubauen. Wenn wir dadurch anderen Menschen etwas geben können, befriedigt uns das besonders.

mm: Sie haben sechs Kinder. Wie sehen Sie deren Zukunft in Ihren Unternehmen?

Thomas Strüngmann: Das Wichtigste ist, unseren Kindern eine Ausbildung im weitesten Sinne zu geben, ihnen zu ermöglichen, in andere Länder zu gehen und andere Kulturen kennenzulernen. Jedes Kind soll tun, was ihm Spaß macht. Es steht allen aber frei, später an einer Beteiligung mitzuwirken. Schließlich war die offene Nachfolgeregelung für uns auch ein Grund, Hexal zu verkaufen.

mm: Wieso?

Andreas Strüngmann: Hexal war eine große Einheit, ein Straußenei. Um das unter sechs Kindern aufzuteilen, hätten wir es zerschlagen müssen. Deshalb war unser Plan, aus dem Straußenei viele Hühnereier zu machen, da die sich leichter verteilen lassen.

Thomas Strüngmann: Zumal jedes Kind die Chance hat, aus seinem Hühner- wieder ein Straußenei zu machen.

mm: Seit dem Hexal-Verkauf sind drei Jahre vergangen, wir haben nicht den Eindruck, dass Sie heute weniger arbeiten als früher.

Thomas Strüngmann: Der Arbeitsaufwand ist der gleiche geblieben, das stimmt. Aber für uns ist entscheidend, dass wir aus dem operativen Geschäft heraus sind.

Andreas Strüngmann: Heute können wir freier mit unserer Zeit umgehen.

mm: Gab es denn trotzdem einen Moment, in dem Sie die Trennung von Ihrem Lebenswerk bereut haben?

Thomas Strüngmann: Natürlich war es nicht leicht, sich von den Menschen zu trennen, mit denen wir viele Jahre zusammengearbeitet haben. Es war ein Neuanfang, aber der war ja auch gewollt. Es ist doch unglaublich spannend, ein zweites Lebenswerk aufzubauen, auch wenn es manchmal anstrengend und unbequem ist. Dass wir diese Chance haben, das ist schon toll.

Die Beteiligungen der Strüngmann-Brüder

Unternehmen Zukunft: An welchen Firmen die Strüngmann-Brüder über ihre Beteiligungsgesellschaften Santo und Athos größere Anteile halten

Bereich Schwerpunkt
Biotech
4SC Krebs- und Entzündungskrankheiten
Aicuris1 Bakteriologie/Virologie
Amega Biotech Biosimilars
Apceth Forschung mit adulten Stammzellen
Ganymed Pharmaceuticals Krebstherapien
Glycotope Krebstherapien
MediGene Krebs- und Autoimmunkrankheiten
Nexigen Proteinforschung
Orpegen Pharma Medikamentenherstellung
SuppreMol Autoimmunkrankheiten
 
Gesundheit
Arevipharma Produktion von Rohstoffen für Medikamente
InterComponentWare (ICW) IT-Lösungen (u. a. Gesundheitsakte)
Lindopharm Medikamentenherstellung
Sidroga Arzneitees
Siemens Co. Emser Pastillen
 
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