Weiterbildung Die Leeranstalten

Rund 30 Milliarden Euro geben Unternehmen jährlich für Workshops und Coachings aus. Teuer und nutzlos - sagt Autor Richard Gris in "Die Weiterbildungslüge". Ein furioser Rundumschlag gegen Seminare und Personaltrainings.

Erkenntniswert: Der Abteilungsleiter steckt die Nase ins Büro des vielversprechenden Jungmanagers. "Da ist diese Schulung nächste Woche, Führungskompetenz und so. Gehen Sie mal hin." Schon ist der Chef wieder weg. Zurück bleibt Ratlosigkeit. "Tür-auf-Tür-zu-Prinzip" nennt Richard Gris die in Konzernen verbreitete Unsitte, Personalentwicklung mal eben zwischendurch zu betreiben. Sein Urteil: Bringt nix, kostet aber.

Rund 30 Milliarden Euro geben Unternehmen jährlich für Seminare, Workshops und Coachings aus. Rausgeworfenes Geld, bilanziert Gris. Der Name ist ein Pseudonym, denn der promovierte Psychologe arbeitet selbst als Trainer in einer Personalberatungsfirma. Sein Buch ist ein furioser Rundumschlag gegen die wuchernde Branche der betrieblichen Weiterbildung. Insider Gris sieht zwei wesentliche Ursachen für die Nutzlosigkeit der meisten Seminare. Erstens könne selbst das beste Seminar nichts am Charakter eines Mitarbeiters ändern. Zweitens würden diese von ihren Vorgesetzten weder auf die Weiterbildung vorbereitet noch danach in der Umsetzung des Gelernten unterstützt. Warum aber auch viel Aufwand in ernsthafte Personalarbeit stecken? Es läuft ja auch so.

Stil: Eine flüssige Schreibe und viele Anekdoten machen das Buch gut lesbar - trotz des heiligen Zorns, der durch die Zeilen blitzt. Schade nur, dass die Beispiele meist anonymisiert sind.

Nutzwert: Bei beruflicher Weiterbildung herrscht offenbar das Gießkannenprinzip. Seminare dienen oft als Ersatz für die persönliche Auseinandersetzung mit den Mitarbeitern. Das Buch entlarvt die Haltung vieler Personaler, die Weiterbildung als Mitarbeiterverbesserung per Fingerschnipp betrachten, als unsinnig. Wer die Fehler vermeidet, die Gris so genüsslich aufzählt, kann die Trainings dennoch effektiv nutzen. Dem Buch hätte es allerdings gutgetan, wenn Gris nicht nur die Manager anprangerte, die über Seminare entscheiden, sondern auch den Anbietern entschiedener die Leviten lesen würde - seinen Kollegen.

rot rot statt orange seit März 2006, da neues Heftlayout

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Foto: manager-magazin.de
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