Kultur trifft Kommerz "Es ist eine Schweinerei!"

Schriftsteller Martin Walser und McKinsey-Urgestein Herbert Henzler im Gespräch mit manager magazin über Heuchelei im Geschäftsleben und die Frage, ob alte Männer zu jungen Frauen passen.

Topmanager stehen inzwischen unter dem Generalverdacht, jederzeit für einen Skandal gut zu sein. Nun ist ihnen ausgerechnet der Großschriftsteller Martin Walser zur Seite gesprungen: Korruption gibt es nun mal, sagt er, findet euch damit ab und seid nicht so naiv, sie offenzulegen. Heinrich v. Pierer sei ein Rufmordopfer übermütiger Journalisten und Klaus Zumwinkel ein beklagenswertes Schlachtlamm des Systems, das wegen seiner unbarmherzigen Steuergesetze den Bürger dazu bringe, Steuern zu hinterziehen. Deutschland war einen Moment empört. Und Walser? Legt nach.

mm: Herr Walser, was ist bloß los mit Ihnen - spielen Sie jetzt den Altersnarren, den Robin Hood für Reiche? Oder sind Sie ein Triebtäter, der für seinen Lustgewinn eine gehörige Portion Radau braucht?

Walser: Ich habe diese blumig-höhnische Anrede verdient. Es ist sicher alles so, wie Sie es sagen. Ich kann es aber immer noch nicht lassen, dem aktuellen Reizlärm noch etwas hinzuzufügen. Zur Verdeutlichung! Und ich sage ausdrücklich: ich weiß ganz sicher, dass es nichts, aber auch gar nichts nützt. Ein Beispiel: In einem Interview habe ich gesagt: Bei meinem Wechsel vom Suhrkamp zum Rowohlt Verlag habe ich mein jahrelang bei Suhrkamp zinslos liegen gebliebenes Geld überweisen lassen. Und weil der Staat davon die Hälfte kassiert hat, habe ich über diesen Vorgang gesagt: "Ich gestehe: Ich fühlte mich beraubt."

Jetzt in der "FAZ": "Wer solche Empfindungen äußert, stellt sie schon über das Steuerrecht und trägt dazu bei, die Zahlungsmoral zu untergraben." Ich gestehe jetzt wiederum, dass ich diesem Moralbegriff nicht gewachsen bin. Ich habe gesagt: "Ich fühlte mich beraubt." Ich habe nicht gesagt: Ich bin beraubt worden. Aber es hilft alles nichts: Ich trage dazu bei, "die Zahlungsmoral zu untergraben". In der "Süddeutschen" steht, so platziert, als sei das meine Meinung: "Der Staat - ein Raubstaat".

Ich möchte ganz unpolemisch fragen dürfen: Gibt es keinen Unterschied zwischen Legalität und Legitimität? Wenn ich mit einem Gesetz zu hadern beginne, frage ich nach der Legitimität dieses Gesetzes. Als das Bürgertum noch in hoher Blüte war, haben G. B. Shaw und Henrik Ibsen fabelhafte Theaterstücke geschrieben, in denen ausdrücklich gezeigt wurde, dass die Kluft zwischen Legalität und Legitimität mit Heuchelei ausgefüllt wurde.

Mir wird jetzt übrigens täglich in Briefen, auch von langjährigen Siemens-Angestellten geschildert, wie das, was jetzt "Korruption" heißt, praktisch vor sich ging. Zu einem Auftrag aus dem "arabischen Raum" gehörten 10 Prozent für den "Sponsor", damit "das Projekt überhaupt durchgeführt werden konnte". Ein anderer: "Was getan wurde, geschah, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern." Und wenn ich das öffentlich bemerke, bin ich ein Altersnarr und ein Triebtäter.

Herr Henzler, Sie haben Siemens  lange genug kennengelernt und müssen lesen und hören, in welchen Ruf das Unternehmen nun gekommen ist. Dessen ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender Heinrich v. Pierer ist in der Öffentlichkeit zur Unperson geworden, kann fast schon als vorverurteilt gelten. Ein Fall von Medienhysterie?

"Eine ständige Verdächtigungsbereitschaft"

Henzler: Ich bin Ihnen dankbar für den Punkt. Ich habe Siemens in der Tat fast 30 Jahre lang beraten dürfen und habe auch jetzt Klientenbeziehungen. Herr Löscher macht seine Sache gut. Aber der Hype, der gegenwärtig abläuft, ist ungerecht. Infrastrukturprojekte werden in über 200 Ländern der Welt abgesetzt. Davon sind 90 Prozent mehr oder weniger korrupt, das weiß tatsächlich jeder. Bis 1998 waren diese Kosten bei uns als nützliche Aufwendungen absetzbar. Die Umstellung auf saubere Praktiken hätte allerdings schneller und durchgängiger passieren müssen.

Walser: Als Professor müssten Sie doch von diesen Fakten sprechen. Es ist eine Schweinerei, dass niemand sagt, dass das üblich ist.

Henzler: Ich mache das ständig. Die Medien haben Heinrich v. Pierer leider zur Unperson gemacht. Ich habe ihn erst vor einigen Tagen besucht, weil ich ihm auch in der jetzigen Situation die Stange halte. Ich war Jury-Mitglied, als wir ihn in die Hall of Fame des manager magazins gewählt haben.

mm: Wenn sich herausstellen sollte, dass v. Pierer nicht so unschuldig war, werden Sie dann immer noch stolz sein auf Ihre Wahl?

Henzler: Zunächst gilt auch bei ihm die Unschuldsvermutung. Die Gerichte werden vorurteilsfrei prüfen, und dann sehen wir, was herauskommmt.

Walser: Ich habe festgestellt, dass der Journalismus auf keinem Gebiet so moralistisch ist wie auf dem der Wirtschaft. Es herrscht eine ständige Verdächtigungsbereitschaft und Vorverurteilung.

Henzler: Ich habe, Herr Walser, Ende der 70er Jahre in Österreich den AKH-Skandal erlebt, den größten Bauskandal je in Österreich. Die Presse hat jeden Tag neue Ungereimtheiten aufgedeckt. Bundeskanzler Kreisky hat damals im Fernsehen zu einem Reporter gesagt: "Was wollen Sie denn bitte schön, wollen Sie ganz Österreich einsperren?" Er hat gesagt, es hat doch jeder Dreck am Stecken. Das war fast biblisch, wer unschuldig ist, der werfe den ersten Stein. Das hat die ganze Sache gedreht. Ich glaube, so etwas bräuchte man hier jetzt auch. Denn diese Bigotterie ist in der Tat einfach zu weitgehend.

mm: Sie wünschen also eine Generalamnestie für den gesamten Siemens-Vorstand?

Henzler: Keineswegs. Wo gegen Gesetze verstoßen wurde, sollte dies geahndet werden.

mm: Wenn es so wäre, dass bei Siemens Korruption nicht unüblich war, wie erklärt es sich dann, dass es Herr v. Pierer nicht gewusst haben will?

Walser: Er hat es auch gewusst.

mm: Er sagt, er wusste von nichts.

Henzler: Wenn der Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat jahrelang bestätigt bekommt, dass keine ungesetzlichen Praktiken gefunden wurden, dann ist das doch auch eine Aussage! Sie glauben doch nicht im Ernst, dass in Konkurrenzsituationen mit amerikanischen, französischen und Schweizer Unternehmen Siemens als einziges solche Praktiken hatte? Vielleicht machen es andere schlauer.

Walser: Ich habe eine andere Vermutung. Im Vokabular des Wirtschaftsjournalismus wird zuerst Herr v. Pierer als die edle Superfigur hochgeschrieben, und Siemens als der feinste Technologiekonzern der Welt. Zuerst ist alles fein, fein. Dann erst ist der Reiz des Erlegens gekommen, bis man schließlich sagen kann, "auch den haben wir erledigt".

"Ich bin gegen öffentliche Scheinheiligkeit"

mm: Verwechseln Sie hier nicht Hiobs Knecht mit seiner Botschaft? Im Übrigen ist dieses Phänomen gar nicht so singulär. Wir kennen es vom Boulevard, aber auch aus dem Feuilleton: Zuerst wird einer aufs Podest gesetzt und dann irgendwann gestürzt. Haben Sie damit nicht Ihre persönlichen Erfahrungen, Herr Walser?

Walser: Der Schimpf-Stil im Kulturbetrieb ist raffinierter, verletzungspotenter.

mm: Es gibt auch eine "Ökonomie der Aufmerksamkeit", und man könnte den Eindruck bekommen, Sie wissen diesen Marktplatz in schönster Dialektik zu bedienen: Skandal gegen Schlagzeile. Oder fordern Sie allen Ernstes für Wirtschaftsbosse einen rechtsfreien Raum?

Walser: Ich fordere nie etwas. Ich will nur sagen, wie mir diese oder jene Praxis vorkommt.

Henzler: Ich bin gegen öffentliche Scheinheiligkeit und trotzdem für die Anti-Korruptionsgesetze. Weil die Welt sich in der Wirtschaft in Richtung deutlich weniger Korruption bewegen muss. Das ist eindeutig. Es zeigt sich auch in den Entwicklungsländern: Je weniger Korruption, desto besser ist die Mittelallokation, desto besser sind die Infrastruktureinrichtungen, desto besser ausgebildet werden die Leute. Die normative Kraft dieser Gesetze ist wichtig und richtig. Ich will den Wirtschaftsjournalisten keinen Tort antun. Aber es gibt viele, die missgünstig und neiderfüllt sind ...

mm: Das ist eine kühne Behauptung.

Walser: ... weil es um Geld geht. Nicht umsonst sind die Managergehälter ein ständiges Reizthema, mit dem man Linksparteien-Säle füllen kann.

Henzler: Das Einkommen wird in anderen Bereichen nicht so thematisiert. Bei den Wirtschaftsjournalisten hingegen ist die Leistung des Managers ein Datum.

mm: Viele Schicksale hängen an ihren Entscheidungen. Obendrein sind die Topmanager nun mal die Großverdiener der Gesellschaft, die Medici im Reiche der Ökonomie. Was ist falsch daran, einen Blick auf ihre Pfründen zu werfen?

Walser: Es gibt wahrscheinlich wenige Menschen, die nicht zum Neid verführbar wären. Besonders wenn man keine Ahnung hat, wie der und der so viel Geld verdient. Den Sportler und den Schauspieler sehen wir "arbeiten", wir erleben seine Leistung. Vom Manager erfahren wir nur wirklichkeitslose Zahlen.

Henzler: Herr Walser, darf ich Ihnen eine ganz andere Frage stellen?

Walser: Alle.

Henzler: Der Auslöser war das letzte Buch, das ich von Ihnen gelesen habe, über den Dichterfürsten in Marienbad, "Ein liebender Mann". Glauben Sie, dass in einer Gesellschaft, die immer älter wird wie die unsere, solche Situationen immer häufiger passieren werden, dass mit zunehmendem Alter der Gesellschaft ältere Männer junge Frauen lieben?

Walser: Mich interessiert die Frage, so wie Sie sie stellen, nicht, weil sie eine statistische oder politische Frage ist. Aber was als Realität dahinterstehen kann, gehört zu meinen intensiven Erfahrungen. Bei mir vollzieht sich das ohne Strategie, ich bin nur von Schritt zu Schritt möglich, und von Schritt zu Schritt hat es sich ergeben, dass ich in acht Jahren vier Romane mit einem solchen Altersunterschied geschrieben habe.

Henzler: Sehr produktiv!

"Frauen sind Trophäen für den Erfolg"

Walser: Ich wurde von Kritikern und Frauen gelegentlich verhöhnt, ich wiederhole nicht die Ausdrücke, die sie mir an den Kopf geworfen haben. Dann musste ich, einer Gravitation folgend, bei Goethe landen mit dem Altersunterschied von 55 Jahren. Es ist der groteskeste Unterschied, den man sich denken kann, der skandalöseste - er 74, sie 19. Daran hat sich plötzlich niemand mehr gestört.

Henzler: Weil Goethe unantastbar ist?

Walser: Ich habe das Buch geschrieben, weil ich diesen Mann liebe, seine ganze Leidenschaft. Ich habe das alles an ihm und mit ihm erlebt. Nachträglich dachte ich, ich bin gespannt, was sie jetzt sagen werden. Damals war das ein Skandal in Marienbad, in Weimar. Jetzt ist es kein Skandal mehr. Ich bin froh, dass es so ist.

Henzler: Meine Frau hat mich auf etwas gebracht, als wir die "Marienbader Elegie" gelesen haben. Sie sagte, "eigenartig, Goethe spricht nur von seinen Gefühlen". Die Gefühle der Ulrike kommen viel zu kurz.

Walser: In der Elegie.

Henzler: In der Elegie, aber auch bei Ihnen. Ich hätte schon gern mehr über sie erfahren: Wie ergeht es ihr in Marienbad; sind ihre beiden Schwestern neidisch, weil sie mit Goethe flaniert, teilweise eng umschlungen? Aber Goethe war wahrscheinlich sehr selfcentered?

Walser: Er leidet furchtbar unter der Unsicherheit, natürlich. Er weiß nicht, ob er geliebt wird, aber er bildet es sich ein. Er geht alle Wörter, Gesten und Blicke durch, ob es Liebe sein kann oder das oder jenes.

Henzler: Das ist wunderbar beobachtet, wie Sie beschreiben, wie sie auf der anderen Seite der Straße geht und das Haus betritt. Sie dreht sich nicht um, und dann kommt der letzte Satz, "das war ihm auch nicht recht". Das kann man so nachempfinden.

mm: Gerade unter Topmanagern gibt es das verbreitete Phänomen, dass die zweite Frau mindestens 25 Jahre jünger ist. Dazu sollen Sie jetzt sicherlich die literarische Legitimation erteilen. Es gibt einen Spruch im Amerikanischen: Der ersten Frau verdankt man das Geld, die zweite dem Geld. Sie ist die Trophäe für den Erfolg des Mannes.

Walser: Davon habe ich keine Ahnung. Man darf sicher fragen, warum die zweite Frau bedeutend jünger ist als die erste. Sie muss auch noch andere Qualitäten haben, sonst würde das nicht reichen. Ich habe das so nie bedacht, das ist Statistik, Soziologie. In einem Roman kann es immer nur um einen Einzelfall gehen. Der Autor muss nicht wissen, ob Hunderttausende dasselbe Problem haben.

Henzler: Was bei mir haften blieb, ist der jähe Moment, als die Mutter mit den drei Töchtern durch Weimar fährt und Goethe sich nicht sicher ist, ob sie es sind oder nicht. Er sieht schlecht, sie haben die Pelzkragen hochgeschlagen, aber von der Kontur her könnten sie es sein ... er schickt seinen Diener los, der kommt zurück und sagt: "Jawohl, sie waren es." Das ist für mich die finale Botschaft, wie er sagt, sie steigen in Weimar ab und halten es nicht für nötig, bei Goethe vorbeizuschauen.

"Geldvermehrung ist das höchste Ziel"

Walser: Das ist in Wirklichkeit natürlich so nicht passiert. Ich unterscheide mich von der üblichen Goethe-Überlieferung. Goethe hat seinerzeit in seiner Kulturkulisse in Weimar vorgemacht, dass er ein Entsagender sei, einer, der durch Denken und Schreiben überwindet und mit allem fertig werden kann. Das halte ich für eine Kulturfassade. Ich glaube nicht, dass man mit einem Schmerz fertig werden kann. Den hat man.

Henzler: Das ist auch okay.

Walser: Sie müssen ja auch Menschen etwas zumuten oder zufügen.

Henzler: Absolut.

Walser: Es ist so, dass man durch das, was man erfahren muss, nicht ärmer wird. Ich habe mich schon gefragt: Wie machen Sie das, jetzt sind Sie Berater bei der Credit Suisse, früher waren Sie das Inbild für McKinsey. Fühlt sich Banker von innen her bekömmlicher an als McKinsey?

Henzler: Ich bin da hineingerutscht, in einer Lebensphase, in der ich eine neue Herausforderung gesucht habe. Ich habe zwischenzeitlich feststellen müssen, dass einige Erwartungen nicht erfüllt wurden. Mein Freund, der mich dahin geholt hat, Lukas Mühlemann, wurde neun Monate nach meinem Antritt vom Hof gejagt. Die Bank zieht auch Spitzenleute an, aber das Geschäft ist ein anderes. Ich merke, dass die Konturen, mit denen ich bei McKinsey aufgewachsen bin, hier nicht so sind. McKinsey war eine Institution, die in vielen Dimensionen das Denken von Unternehmern und insbesondere das junger Menschen verändert hat. Wir haben die Besten angezogen in der ganzen Welt und eine Kultur geschaffen, die sehr stark durch die Unabhängigkeit des Einzelnen geprägt war. In der Investmentbank ist das prägende Moment das des Handelns, der Transaktion. Eigentlich sind die Märkte das dominante Element. Was an den Märkten passiert, hat kolossalen Einfluss.

Walser: Das ist sehr allgemein, sind das nicht einzelne Firmen?

Henzler: Nein, die Märkte bestehen aus Währungen, aus Zinsen, Fristen, Notierungen von Rohstoffen, Visionen über die Zukunft. Und Sie können alles handeln, Sie können Wetten abschließen auf alles. Ich sage Ihnen, der Zuckerpreis wird in zwei Jahren doppelt so hoch sein, und Sie sagen, ich bin ganz anderer Meinung.

Dann wetten wir einfach. Und diese Wette verkaufe ich anderswohin. Sie handeln also letztlich mit allem. Die Märkte determinieren. So wie ein Kunde seinen Lieferanten formt, so werden auch die Menschen geformt, die marktgetrieben operieren.

Walser: Wie viele Prozent des Bankgeschäfts sind dieses Handeln - ich bin naiv und denke bei Kreditgewährung an die Kreissparkasse.

Henzler: Das ist bei uns ein wesentlicher Teil, aber bei Weitem nicht der überwiegende, schon lange nicht mehr. Der Rest sind Bankgeschäfte, vorwiegend Inter-Bankgeschäfte ...

Walser: ... diese Geschäfte werden nur gemacht, um das Geld zu vermehren?

Henzler: Eindeutig, das ist das Ziel.

Walser: Das Geld ist der höchste Wert?

Henzler: Ganz und gar.

mm: Und wenn es schiefgeht, dann ruft sogar Herr Ackermann von der Deutschen Bank  nach dem Staat.

"Die Kehrseite der Unabhängigkeit"

Walser: In meinem Roman "Angstblüte" hat mein Anlageberater einen Heiligen, das ist Warren Buffett. Durch meinen Helden verehre ich ihn. So viel ich von ihm weiß, ist er der wichtigste Geldmensch, weil er das Vermehren um seiner selbst willen betreibt.

Henzler: Und jetzt sein Geld einer Stiftung vermachte, weil er nicht reich sterben will.

Walser: Haben Sie in Ihrem Portefeuille Warren-Buffett-Aktien?

Henzler: Natürlich.

Walser: Das hätte ich auch gern, das habe ich versäumt.

Henzler: "Angstblüte" habe ich nicht gelesen. Ist der Mammon für Ihren Helden ein trügerischer Freund wie in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann"?

Walser: Nein. Bei Karl von Kahn ist es die reine Leidenschaft des Geldvermehrens.

Henzler: Und das bleibt so bis zum Ende?

Walser: Ja, Geldvermehren als Kunst, so wie andere Leute Bilder malen. Wo Kahn auch hinschaut, sieht er eine Möglichkeit, Geld zu vermehren. Das ist sein Blick auf die Wirklichkeit.

mm: Karl von Kahn gibt nur ein einziges Mal Geld aus, dann aber richtig: Er verkauft Aktien, zu denen er ein geradezu erotisches Verhältnis pflegt, um in einen Film zu investieren. Eine sehr junge Frau spielt darin die Hauptrolle, die sie auch in Kahns Leben besetzen soll; er ist geradezu alters-närrisch hinter ihr her.

Walser: Die Kehrseite der Unabhängigkeit, dass man dadurch zu abhängig wird.

mm: Er finanziert sich einen Selbstbetrug.

Henzler: Ich bin groß geworden in der Nachkriegszeit im Neckartal; Nürtingen ist Hölderlin-Stadt, und ich war auf der Mörikeschule. Ich bin aufgewachsen mit dem Gefühl, dass Schriftsteller etwas ganz Bedeutendes sind, weil sie der Nachwelt etwas hinterlassen, was den Menschen weiterbringt und zur Reflexion anregt, dass Literatur einen begleitet durch das ganze Leben und ein Gradmesser für das eigene Verhalten wird. Ich habe eine gewisse Deutungshoheit bei ihnen gesehen, und mich interessiert, wie es heute ist. Im digitalen Zeitalter ist jeder, der Blogs in die Welt setzt, Schriftsteller. Auf der Buchmesse gibt es jedes Jahr über 100.000 Neuerscheinungen. Wer hat heute die Deutungshoheit?

Walser: Das Wort dürfte es im Geistesleben gar nicht geben. Hoheit hätte man nur durch Macht, nie durch Qualität. Aber natürlich gibt es im Kulturbetrieb wie in jeder Branche Leute, die durch die Zeitungen und das Fernsehen glauben, Deutungshoheit zu besitzen. Von der Sache her ist das lächerlich. Mäßig erzogene Schüler kommen zum Schriftsteller, wenn er noch lebt, und glauben, Fragen stellen zu können, weil er, was sein Geschriebenes betrifft, so etwas wie Deutungshoheit haben müsste. Ich sage immer, das geht mich nichts an, Sie können machen und denken, was Sie wollen. Ich schreibe mein Buch, und der Leser liest sein Buch. Das weiß ich aus Erfahrung. Bei Ihnen jedoch spürt man eine Leidenschaft des Vermittelns, des Erziehenwollens. Das erinnert an den Anfang des 19. Jahrhunderts, als es Männer gab, die leidenschaftliche Entwickler waren.

Henzler: In 21 Jahren als Betriebswirtschaftsprofessor habe ich nicht eine Vorlesung ausfallen lassen und hätte doch X Gründe dafür gehabt. Junge Menschen spüren, ob man es ernst nimmt oder seinen Schmäh runterliest.

Walser: Es muss doch auch schon Henzler-Schüler geben?

Henzler: Natürlich, eine ganze Menge. Ich bin sehr stolz auf deren Erfolg und freue mich jedes Mal, wenn ich diesen und jenen auf Flughäfen treffe oder jetzt in meinem Bankumfeld.

Walser: Das verstehe ich. Wenn das, was man getan hat, schöne Folgen hat, das könnte einen ja fast zur Zufriedenheit verführen.

"Ich war eine Zumutung für viele Menschen"

mm: Sie beide haben mit Ihrer Arbeit, und das ist nur den wenigsten in dieser Dimension gegeben, großen Erfolg gehabt. Bekommt der Erfolg im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine andere Bedeutung?

Walser: Unsere Branchen sind da nicht miteinander zu vergleichen. Ich weiß nicht, ob es im engeren kulturellen Feld überhaupt einen Erfolg gibt, der sicher ist. Bei einem erfolgreichen Autor verreißen Kritiker viel extremer als bei einem eher unbekannten. Es gab ein "Spiegel"-Titelbild, eine wüste Karikatur: Reich-Ranicki zerreißt ein Buch mittendurch. Es soll der Roman "Ein weites Feld" von Günter Grass sein. Ihr Lebenswerk, Herr Henzler, hat eine andere Konsistenz. Ich habe eine Gesamtausgabe, die kann total ungelesen verdämmern, und dann gibt es sie nicht. Ihr Erfolg ist institutionell gesichert, was Sie gemacht haben, das besteht.

Henzler: Das möchte ich so nicht stehen lassen. Sind die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten denn wirklich wichtiger als der Satz des Pythagoras oder Schillers "Glocke"?

Walser: Ja, Sie, in der Gegend von Nürtingen, haben Schillers "Glocke" noch läuten gehört. Anderswo läutet sie inzwischen eher selten. Aber die Zahlen, Ihre Zahlen!

Henzler: Die Zahlen stimmen, das war aber letztlich gar nicht der Reiz. Es war die Freiheit, die ich hatte, Dinge zu bewegen; und auch die Möglichkeit, auf so viele junge Menschen einzuwirken, vielen eine Chance zu geben. Einer meiner Mentoren aus den USA hat gesagt "You are a role model and you can touch their lives"; sie zu motivieren, das war das Tolle daran! Das macht jetzt ein anderer, und dann wird es wieder ein anderer sein.

Walser: Aber es gibt keine Ebene und keine Nische, in der man an dem, was Sie gemacht haben, herummäkeln kann.

mm: Die Welt ist voller Vorwürfe gegen McKinsey!

Henzler: Als Person ist man mit mir pfleglich umgegangen.

Walser: Die Kritik entzündet sich immer an Rationalisierungsvorgängen, an längst fälligen.

Henzler: An der Gemeinkostenwertanalyse, wo die Leute selbst hinschreiben müssen, wie viele Prozent sie zur Disposition stellen würden, wenn sie 40 Prozent der Tätigkeiten ihrer Abteilung wegstreichen sollen. Die haben Sie ja damals, im "Brief an Lord Liszt", rezitiert. Da dachte ich, Chapeau, der Walser ist auf der Höhe der Zeit.

mm: Sie gehören nicht zu denjenigen, die aufheulen über diese schrecklichen McKinseys?

Walser: Ich habe McKinsey natürlich zuerst lange Jahre als polemisches Gerücht kennengelernt. Hätten Sie mich damals gefragt, hätte ich, ohne dass ich das Geringste gewusst hätte, gesagt, grauenhaft, McKinsey. Erst im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass Arbeit natürlich optimal organisiert werden muss, damit sie überhaupt bestehen kann. Und dass dazu eben auch ein solch organisatorisch-beraterischer Einsatz gehören kann. Ich sag ja, da können Sie auch für manche Leute eine Zumutung sein.

Henzler: Was glauben Sie, wie oft ich einem Vorstand sagen musste, ich höre, was Sie machen wollen, aber es wird Ihnen nicht gelingen, weil sie nicht die Mittel dazu haben. Oder weil die Geschichte zeigt, dass Sie es nicht können. Oder die Wettbewerber viel schneller unterwegs sind, die sind schon aufgestanden, während Sie noch schlafen. Da war ich eine Zumutung für viele Menschen.

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