Forum Leserbriefe

Chronische Mangelerkrankung

Seminare:Report über den turbulenten Markt der Weiterbildung (mm 11/1999)


Der Seminarmarkt wird so lange wild und üppig gedeihen, bis seine Zielgruppen sich als mündige Kunden definieren und nicht als blinde Konsumenten.

Ob der Trainer oder das Seminar gut ist, zeigt der Lerntransfer in den beruflichen Alltag. Hierbei ist ein Qualitätsmaßstab, ob sich der Seminarinhalt den Teilnehmern und nicht umgekehrt anpasst. Nicht jeder Trainer ist so flexibel.

Heinz Johann Ernst, per E-Mail


Der Nürnberger Trichter ist nicht erfunden und bleibt ein Traum. Dennoch haben die Trainer Hochkonjunktur, die ihn angeblich erfunden haben.

Training und Weiterbildung sind wichtige Themen, die analytisch, pädagogisch, systematisch und zielgerichtet zugleich angegangen werden müssen.

Der Transaktionismus, der sich heute bei vielen Unternehmen in Sachen Trainerwahl entwickelt, hilft da überhaupt nicht weiter.

Der deutsche Trainermarkt ist, wie alle anderen freiberuflichen Märkte, mit schwarzen Schafen, Geldschneidern und fairen Profis überbesetzt. In diesem Umfeld bekommt jeder den Trainer, den er verdient.

Bernd Stelzer, Linden


Der Markt krankt von jeher an fehlender Transparenz. Die entscheidende Frage bei einer Krankheit ist die der wirksamen Medizin. Und meine Diagnose deutet auf eine chronische Mangelerkrankung hin: Es fehlt am Marketing der Anbieter, damit der Kunde auf entsprechend fundierter Basis entscheiden kann, mit wem er arbeiten will.

Transparenz zu gewährleisten ist letztlich Aufgabe der Trainer selbst.

Marketing heißt für mich, sichtbar Profil zu zeigen in Form wirklich aussagekräftiger Broschüren und Seminarbeschreibungen. Wenn die erstklassigen Trainer das täten, hätten es die so genannten Scharlatane sehr viel schwerer.

Jutta Häuser, Dortmund


Weiterbildung (nicht nur fachliche) ist in der deutschen Wirtschaft, aber auch für jedes Individuum, dringend erforderlich, wenn sowohl ein optimaler Shareholder Value als auch ein gutes Betriebsklima erreicht werden sollen. Denn soziale Kompetenz wird nicht in Schule und Ausbildung vermittelt.

Giso Weyand, Limburg/Lahn


Bestimmt gibt es "Scharlatane" auf dem Trainingsmarkt. Doch unterschätzen Sie nicht die Teilnehmer, die sehr wohl zu differenzieren wissen. Außerdem werden Trainings nicht nach dem Losverfahren, sondern meist auf Empfehlung gebucht. Wirkliche "Scharlatane" werden sich nicht lange halten können und falls doch - es ist nicht zu verhindern, weil auch hier Nachfrage besteht. Und wenn ein "Power-Erfolgstag" Spaß macht und kurz- oder langfristig motiviert, dann ist das doch in Ordnung.

Ilona Terlecka, Georgsmarienhütte


Meine Empfehlung für unsichere Einkäufer:

Überzeugt Sie der Berater oder Trainer hinsichtlich Persönlichkeit und Auftreten (er soll ja auch Ihre Mitarbeiter überzeugen, dass sich eine Veränderung lohnt)?

Wenn ja, bewundern Sie nicht nur die Referenzliste, sondern lassen Sie sich mindestens drei Unternehmen nennen, die ein ähnliches Projekt hatten wie Sie, und rufen Sie dort an.

Wenn Sie das auch überzeugt, dann lassen Sie sich ein ordentliches Konzept mit klarem Commitment beider Seiten und einem angemessenen Preis erstellen (ein Trainer, der für 1500 Mark am Tag arbeitet, hat kein Geld für die eigene Weiterbildung), und entscheiden Sie einfach.

Ralf Jansen, Darmstadt




Bausteine des Wissens

Essay: Berater Hermann Simon hält Wissensmanagement für eine Schimäre (mm 11/1999)


Auf Aussagen wie die in Hermann Simons Essay habe ich lange gewartet. Einer dieser Artikel, bei denen ich nach jedem zweiten Satz denke: So ist es, genau so.

Rainhard Hahn, München


Wissensmanagement heißt, systematisch und ganzheitlich sozio-technische Systeme zu gestalten. Dabei haben sich folgende Bausteine bewährt, die neue Geschäftssichten und Managementmöglichkeiten für Organisationen darstellen:

  • Wissensgemeinschaften oder Communities of Practice, in denen sich Fachleute mit ähnlicher Expertise finden, austauschen und zusammenarbeiten können.
  • die Wissensmanagement-Prozesse Teilen und Schaffen, die sich auch gut in das seit längerem vorangetriebene prozessorientierte Geschäftsmodell einfügen lassen.
  • Wissensmarktplätze, die durch ihre Informations- und Kommunikationsstrukturen und Unterstützungsdienste Austausch und Entwicklung von Wissen und Information nach Stand der Technik ermöglichen.
  • Das Wissensumfeld, das eher eine ökologische Aufgabenstellung darstellt, nämlich Verständnis, Vertrauen, Bereitschaft und Energie für die gewünschten Wissensprozesse aufzubauen.


Geht man mit einem derartigen ganzheitlichen Systemansatz vor, sind die im manager magazin beschriebenen Bedenken und Anforderungen leicht zu berücksichtigen beziehungsweise obsolet.

Dr. Josef Hofer-Alfeis, per E-Mail


Methodisch ist wesentlich, dass Wissen anwender- und problemlösungsorientiert aufgenommen wird, dass es richtig strukturiert wird und dass nicht nur rein rationales Wissen extrahiert wird. Das erfordert neue Tools, die noch stärker erprobt werden müssen und die neue Jobs wie die so genannten Wissensmanager oder Wissensbroker mit sich bringen.

Und es bedarf der Führungskräfte und Mitarbeiter, die die Wichtigkeit des Wissens verstanden haben und die Wissensaufnahme, -speicherung und -nutzung in ihren Arbeitsstil integriert haben.

Ohne offene Kommunikation und ohne eine lernorientierte Unternehmenskultur, in der auch das Lernen aus Fehlern einen hohen Stellenwert haben muss, kann an Stelle des Wissensmanagements nur Informationsverwaltung funktionieren, und genau das wird die innovativen Unternehmen der Zukunft nicht auszeichnen.

Dr. Birgitt Geiger, Frankfurt




Dynamische Stabilität

Wie Wissensmanagement zum Unternehmenserfolg führt


Im Gegensatz zu Hermann Simon bin ich der Meinung, dass sehr wohl eine hinreichend klare Vorstellung davon existiert, was Wissensmanagement ist. Fünf Indizien belegen das:

  • Wissen(-smanagement) dient dem Aufbau des Unternehmensfelds. Es geht darum, den Boden für erfolgreiches Wirtschaften zu bereiten. Jedes Unternehmen hat sein eigenes Unternehmensfeld. Es ist das Medium, in dem gleichsinniges Handeln entsteht, das zu den angestrebten Zielen führt und so Erfolg bringt. Je nach Art des Unternehmens ist das Feld von unterschiedlicher Beschaffenheit.
  • Dementsprechend werden Auswahl, Zugang, Verarbeitung und Schöpfung von Wissen spezifisch gehandhabt. Der Umgang mit Wissen bedeutet Weitergabe relevanten Wissens, nicht das Zurückhalten. Er bedeutet aber nicht minder die Aufnahme von bereits existierendem Wissen, das jedoch im Unternehmen oder persönlich unbekannt ist. Und er schließt das Entdecken neuen nutzbringenden Wissens ein. Insgesamt ist das ein kollektiver und individueller Lernprozess.
  • Wissen(-smanagement) dient der Kultivierung des Unternehmensfelds. Das ist die primäre Daueraufgabe der Unternehmensführung. Sie ist der Kultivator des Unternehmensfelds, gibt ihm seine Ausrichtung und Ordnungsfunktion, sorgt für eine zuträgliche Kultur und Struktur.
  • Wissen(-smanagement) dient der Arbeit im Unternehmensfeld. Hierbei handelt es sich um eine Aufgabe für alle, die zum Unternehmensverbund gehören. Es geht dabei darum, die vier Erfolgsprinzipien Fine Controlling, Efficiency (minimaler synergetischer Aufwand), Leverage (Hebelwirkung der Wissensnutzung), Dezentralisation (Selbstorganisation dort, wo möglich und sinnvoll) und deren systemische Wirkungsweise in den Köpfen der Angehörigen des Unternehmens zu verfestigen.
  • Wissensmanagement heißt, bei der täglichen Arbeit im Unternehmen die zuvor genannten vier Erfolgsregeln zu jeder Zeit und an jedem Ort anzuwenden. Das ist ein evolutionärer Prozess, der zwar mühevoll ist, dafür aber auch Wettbewerbsvorteile und damit Erfolg bringt.


Als Fazit können wir festhalten, dass Wissensmanagement allein dem Zweck untergeordnet ist, dem Unternehmen Erfolg zu bringen. Ist es davon losgelöst oder verfolgt es andere oder gar keine Ziele, wird es zum Selbstzweck oder zur Schimäre, so wie das Hermann Simon ausdrückt. Sinnvoll betrieben, versetzt es uns in die Lage, eine intelligentere Form von Erfolg anzustreben als nur den finanziellen Gewinn, nämlich eine dynamische Stabilität.

Ulrich Hirsch, Ulrich Hirsch & Partner GbR Unternehmensberatung, St. Augustin bei Bonn