Die Linke Vorwärts, Bosse!

Oskar Lafontaines Truppe bekommt einen offiziellen Unternehmerflügel. Was treibt Mittelständler ausgerechnet zur wirtschaftsfeindlichsten aller Bundestagsparteien?

Am 15. Juli fragte das manager magazin, ob Diether Dehm für diesen Beitrag für ein Gespräch zur Verfügung stehe. Leider nein, lautete die Antwort. Dehm sei bis Ende August im Urlaub.

Womit eigentlich schon fast alles gesagt ist. Willkommen in der schönen neuen Welt der linken Unternehmer. Willkommen in einer Welt, in der Musikproduzent und Privatradioeigner Dehm, der zusätzlich auch noch als Bundestagsabgeordneter der Linkspartei zeichnet und als Vorsitzender des linksgestrickten "Offenen Wirtschaftsverbands von klein- und mittelständischen Unternehmen, Freiberuflern und Selbständigen" (OWUS) mal eben sechs Wochen Sommerurlaub macht - "Arbeitsurlaub", wie Dehm später in einem kurzen Anruf aus Italien betonen wird.

Es gibt noch andere seltsame Dinge zu entdecken in diesem Paralleluniversum, in dem alle ökonomischen Gesetze ihre Gültigkeit verloren haben - zumindest rhetorisch.

Dort stößt man zum Beispiel auf den bayerischen Unternehmer Joachim Gabriel, der 2009 für die Linke ins Europaparlament will und die Forderung seiner Partei nach acht Euro Mindestlohn noch für steigerungsfähig hält: "Viel zu niedrig, könnten von mir aus auch zehn Euro sein."

Oder Joachim Sroka, der in der brandenburgischen Ackerwüste ein Minikonglomerat aus Stahlbaufirma, Ferienlager und Biotech-Start-up betreibt - und es nicht als Widerspruch zu seiner Linkspartei-Mitgliedschaft empfindet, dass es bei ihm weder Tarifvertrag noch Betriebsrat gibt. "Meine Mitarbeiter brauchen offensichtlich keinen Betriebsrat", sagt Sroka, "sonst hätten sie schon einen gegründet. Sie können mit ihren Sorgen jederzeit zu mir kommen."

Was treibt Unternehmer in die Linkspartei? Was bringt sie dazu, sich für eine Partei zu begeistern, die so ziemlich alles ablehnt, was Unternehmern gemeinhin wichtig ist - der Glaube an Wettbewerb zum Beispiel und an die Gesetze von Angebot und Nachfrage, der Wunsch nach möglichst niedrigen Steuern und nach Freiheit von bürokratischer Gängelung?

"Das war ja der erklärte Feind"

Potsdam, Donnerstagnachmittag. Ein Dutzend Männer und fünf Frauen haben sich in einer Gründerzeitvilla versammelt, der man durch entschlossenen Einsatz von Nadelfilz und Raufaser jeden Anflug der Herrschaftlichkeit ausgetrieben hat.

Von den Männern tragen vier einen Schnurrbart, drei eine Krawatte, zwei haben Tätowierungen auf den Unterarmen, einer ist in kurzen Hosen gekommen, und alle zwölf haben Gesichter, denen man ansieht: Hier fliegt niemand in der Business-Class durchs Leben.

Die Villa, das ist die Zentrale der Linkspartei in Brandenburg. Die Männer und Frauen haben sich hier versammelt, um die brandenburgische Sektion der "Landesarbeitsgemeinschaft linker UnternehmerInnen" zu gründen. Bereits in mehreren Bundesländern haben sich ähnliche Gruppen formiert. Demnächst dürfte die Gründung einer Bundesarbeitsgemeinschaft folgen. Dann hätte die Linke einen offiziellen Unternehmerflügel, der finanzielle Zuwendungen aus der Parteikasse erhält und Delegierte zu den Parteitagen entsenden darf - so ähnlich wie die Mittelstandsvereinigung in der CDU.

Wer den Gesprächen rund um den Besprechungstisch in Potsdam ein bisschen zuhört, merkt schnell: So weit von denen der CDU-Mittelstandsvereinigung sind die Sorgen der linken Unternehmer nicht entfernt. Auch sie klagen über Billigkonkurrenz aus Osteuropa, über den Staat, von dem immer mehr Vorschriften kommen und immer weniger Aufträge, über die Energiepreise, die Mittelständler kaum auf die Kunden überwälzen können, über die Steuerpolitik, die einseitig Großkonzerne bevorteile.

Joachim Sroka hört der Debatte schweigend zu. Der 45-Jährige zählt zu den vier Schnurrbart- und den drei Krawattenträgern. Srokas Schlips ist gelb und prangt auf einem schwarzen Nadelstreifenhemd. Am Gürtel trägt er eine Handytasche, und der militärischkurze Haarschnitt erinnert noch immer an das erste Leben des Unternehmers Jochen Sroka.

In diesem ersten Leben war Sroka Oberleutnant und Flugzeugingenieur bei der DDR-Luftwaffe - und überzeugter Anhänger der sozialistischen Idee. "Nach der Wende zur Bundeswehr zu gehen, das wäre für mich nicht infrage gekommen", sagt Sroka. "Das war ja der erklärte Feind."

Odyssee durch die Marktwirtschaft

So quittierte er den Dienst und begann sein zweites Leben mit einer Odyssee durch die Marktwirtschaft, wie sie typisch ist für viele ehemalige Angehörige der DDR-Elite: Man war gewohnt zu führen, zu entscheiden, zu managen. Doch plötzlich steckte man im Kapitalismus und musste sich mühsam wieder etwas zu managen suchen.

Sroka verkaufte innovative Kleinklärwerke an ostdeutsche Kommunen. Das lief nicht so gut. Die Kommunen kauften lieber große Kläranlagen von großen Konzernen. "Hinterher fuhr der Bürgermeister meist ein neues Auto", sagt Sroka. Er sattelte um auf den Verkauf von Einfamilienhäusern. Das lief viel besser. Auf Umwegen kam Sroka an seine ersten beiden Firmen: ein kleines Stahlbauunternehmen und ein ehemaliges DDR-Ferienlager, beide im Pleitezustand übernommen. Jetzt soll noch ein drittes Geschäftsfeld hinzukommen: Gemeinsam mit einem Biomediziner produziert Sroka aus Hühnereiern Antikörper für die Pharmaindustrie.

Inzwischen fährt Sroka Mercedes-M-Klasse. Der Kapitalismus ist nett zu ihm.

Sroka ist nicht nett zum Kapitalismus. "Das ist für mich nicht die endgültige Gesellschaftsform", sagt er knapp. "Aber die Alternative will noch gefunden werden."

Srokas rundes Dutzend Angestellte merken nicht viel von den linken Idealen ihres Chefs. Sroka ist nicht im Arbeitgeberverband, er zahlt nicht nach Tarif. "Sonst wäre ich gegenüber unserer direkten ausländischen Konkurrenz nicht mehr wettbewerbsfähig", sagt er. Am liebsten will Sroka, dass alle Unternehmen den gleichen Lohn zahlen müssen, "dann hätten alle die gleichen Wettbewerbschancen".

Genauer betrachtet, handelt es sich bei der Forderung nach einem staatlich festgelegten Lohn natürlich um den alten Wunsch des Unternehmers nach möglichst wenig Konkurrenz. Dieses Begehren lässt sich quer durchs politische Spektrum verfolgen. Im Osten, wo der Sozialismus die Biografien formte und die Linke die einzig echte Volkspartei verkörpert, tritt man bei den Ex-Kommunisten ein und fordert den Mindestlohn. In Bayern geht man zur CSU und fordert den Erhalt des Meisterzwangs.

Ein reines Ostphänomen?


Und so kommt es, dass die Linkspartei vor allem in Ostdeutschland einen hohen Anteil von Unternehmern und Freiberuflern zu ihren Mitgliedern zählt. Beim letzten Parteitag der Vorgängerorganisation PDS waren 23 Prozent der Delegierten selbstständig - auch wenn viele diesen Weg nur eingeschlagen haben dürften, weil es im Osten an festen Jobs fehlt. Zur AG-Vorsitzenden wird an diesem Donnerstag in Potsdam eine arbeitslose Bankkauffrau gewählt, die nebenher Fremdenzimmer vermietet.

Sind die linken Unternehmer also ein reines Ostphänomen? Fast, gäbe es da nicht Typen wie Joachim Gabriel. So wie der 54-Jährige in der Lobby des "Kempinski"-Hotels am Münchener Flughafen sitzt, geht er glatt durch als einer dieser heimlichen Weltmarktführer, die alles können außer Hochdeutsch. Am Montag war Gabriel noch unterwegs in Sierra Leone. Jetzt, am Freitag, kommt er aus Zürich, ist auf dem Weg nach Prag. Dazwischen viele Telefonate und noch mehr Zigaretten.

Mit seinen fünf Mitarbeitern hat sich Gabriel eine Nische gesucht, die zu seinem linken Weltbild passt: Er verschafft armen Regionen Kredite und Zuschüsse, mit denen sie in erneuerbare Energien investieren und ihre Stromversorgung auf Vordermann bringen können.

Zum Teil stammt das Geld aus den Fonds von EU und Weltbank, zum Teil von vermögenden Privatinvestoren, die einen Kredit in Serbien oder Sierra Leone als renditetreibenden Thrill für ihr Portfolio betrachten. "Mit diesem Finanzierungsmodell will ich zeigen, dass sich die Infrastruktur in Transitionsländern auch ohne Privatisierung voranbringen lässt", sagt Gabriel.

Wie Sroka ist auch Gabriel Mitglied bei OWUS und bei der linken Unternehmer-AG. Und wie für Sroka gab es auch für Gabriel ein erstes Leben.

In diesem ersten Leben hatte Gabriel nicht 5, sondern 600 Mitarbeiter. Er betrieb eine Agentur für Shop-in-Shop-Systeme, betreute Verkaufsflächen in Baumärkten und Warenhäusern für Kunden wie WMF, Osram oder Bosch.

Links war er schon damals, erinnert sich Gabriel. Seine Mitarbeiter habe er ermuntert, in die Gewerkschaft einzutreten, gezahlt habe er übertariflich. Sicher, seine Agentur sei dadurch teurer gewesen als die Wettbewerber. Aber gerade wegen der besseren Arbeitsbedingungen habe er auch bessere Qualität bieten können.

"Das weiche Wasser bricht den Stein"

All die Qualität half ihm allerdings nicht, als ihn 2002 ein zahlungsunfähiger Großkunde in die Pleite riss. Gabriel sattelte um auf sein heutiges Geschäftsmodell. Doch noch immer glaubt er: "Jeder Trottel kann als Unternehmer erfolgreich sein, wenn er nur die Kosten drückt. Die Kunst besteht doch darin, so viel Mehrwert zu bieten, dass der Kunde auch den höheren Preis bezahlt."

Zu diesem Qualitätsbewusstsein will Gabriel die Unternehmer erziehen - notfalls mit zehn Euro Mindestlohn: "Wer die nicht zahlen kann, strengt sich nicht genug an." Zugleich träumt er davon, das Konkurrenzprinzip, "dieses Grundübel", insgesamt aus dem Wirtschaftsleben zu verbannen.

Wenn Ex-Militär Jochen Sroka den nüchternen ostdeutschen Flügel des linken Unternehmertums verkörpert, dann steht Joachim Gabriel für den utopischen westdeutschen Flügel.

Zwei Flügel - und im Cockpit sitzt Diether Dehm.

Es träfe die Sache nicht wirklich, würde man OWUS-Chef Dehm als polarisierend bezeichnen. Denn polarisierend heißt ja: Jemand hat viele Freunde und viele Gegner. Die Freunde von Diether Dehm sind entweder ziemlich introvertiert - oder es gibt sie nicht.

Zu Geld kam Dehm mit Songtexten ("1000-mal berührt"), mit dem Management von Künstlern wie BAP oder Klaus Lage und mit einer Beteiligung am Radiosender FFH. Doch Dehm lockte die politische Bühne stets mehr als das schnöde Kaufmannsleben. 1988 schrieb er die offizielle SPD-Parteihymne "Das weiche Wasser bricht den Stein". Die Existenz dieses Liedes ist den Sozialdemokraten heute etwa so peinlich wie ihre Zustimmung zu Kaiser Wilhelms Kriegskrediten. Heinz Rudolf Kunze, der die Plätschermelodie singen musste, rechtfertigt sich heute: "Dehm war ein Freund von mir, und ich glaubte, ihm diesen Gefallen tun zu müssen."

Anfang der 90er hatte es Dehm zum Chef der Arbeitsgemeinschaft der Selbstständigen in der SPD gebracht und zum Stadtrat in Frankfurt. Doch seine Karriere bei den Sozialdemokraten erlitt einen Knick, als 1996 seine Stasi-Akte auftauchte. Er sei ohne sein Wissen als IM geführt worden, sagt Dehm - obwohl der von Dehm gemanagte Wolf Biermann in einer eidesstattlichen Versicherung das Gegenteil behauptete.

Bei all dem Stasi-Wirbel ging nahezu unter, dass Dehm auch noch der fahrlässigen Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung beschuldigt wurde - Anlass waren unklare Honorarabrechnungen beim Hessischen Rundfunk. Nach einer Verurteilung in erster Instanz wurde das Verfahren in zweiter Instanz 2001 gegen Geldauflage eingestellt - was Dehm nicht als Schuldeingeständnis gewertet wissen will.

Ein drittes politisches Leben

Kurz zuvor wollte Dehm dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Hermann Haack per einstweiliger Verfügung untersagen lassen, ihm inhaltliche Nähe zur PDS zu unterstellen. Drei Jahre später wechselte Dehm - zur PDS.

Dank Arbeitswut und Strippenzieher-Qualitäten brachte er es dort rasch zum stellvertretenden Vorsitzenden. Und wie zuvor die Frankfurter SPD versank auch die PDS kurz nach Dehms Amtsübernahme auf geradezu magische Weise in Streit und Intrigen. Eine PDS-Funktionärin nannte ihn "dümmer als ein Stück Scheiße" - und verweigerte im Parteivorstand jede Entschuldigung: "Ich stehe dazu und kann es gern wiederholen."

Besonders kurios: die sogenannte Wachbuch-Affäre. 2002 soll Dehm den Sicherheitsdienst der PDS-Parteizentrale angewiesen haben, den gerade abgetretenen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch beim Verlassen des Hauses auf gestohlene Akten zu durchsuchen.

Als Dehm 2003 aus dem PDS-Vorstand flog, schien auch seine zweite Parteikarriere beendet. Doch inzwischen lebt er sein drittes politisches Leben: Er übernahm den Landesvorsitz der damals völlig bedeutungslosen PDS in Niedersachsen, schaffte es 2005 in den Bundestag, fusionierte die Partei mit der SPD-Absplitterung WASG zu "Die Linke" und führte sie im Januar überraschend in den niedersächsischen Landtag.

Daneben sicherte sich Dehm den Vorsitz beim dahinstagnierenden linken Unternehmerverband OWUS - ein Job, den sonst niemand machen wollte. Nur Dehm erkannte, dass sich die OWUS-Strukturen trefflich nutzen lassen für den Aufbau der linken Unternehmer-AG, deren Leitung wesentlich mehr parteiinterne Macht verheißt.

Noch belächelt man in der Parteispitze Dehms dritte Karriere. "Wenn er Probleme macht, habe ich den Diether in drei Tagen da weg", sagt ein Linkspartei-Vorstandsmitglied leichthin.

Es sieht so aus, als würden Dehms enorme destruktive Qualitäten zum dritten Mal unterschätzt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.