Sonntag, 18. August 2019

Die Linke Vorwärts, Bosse!

4. Teil: Ein reines Ostphänomen?


Und so kommt es, dass die Linkspartei vor allem in Ostdeutschland einen hohen Anteil von Unternehmern und Freiberuflern zu ihren Mitgliedern zählt. Beim letzten Parteitag der Vorgängerorganisation PDS waren 23 Prozent der Delegierten selbstständig - auch wenn viele diesen Weg nur eingeschlagen haben dürften, weil es im Osten an festen Jobs fehlt. Zur AG-Vorsitzenden wird an diesem Donnerstag in Potsdam eine arbeitslose Bankkauffrau gewählt, die nebenher Fremdenzimmer vermietet.

 Der rote Tycoon: Diether Dehm, Chef des Unternehmensflügels in der Linkspartei
DDP
Der rote Tycoon: Diether Dehm, Chef des Unternehmensflügels in der Linkspartei
Sind die linken Unternehmer also ein reines Ostphänomen? Fast, gäbe es da nicht Typen wie Joachim Gabriel. So wie der 54-Jährige in der Lobby des "Kempinski"-Hotels am Münchener Flughafen sitzt, geht er glatt durch als einer dieser heimlichen Weltmarktführer, die alles können außer Hochdeutsch. Am Montag war Gabriel noch unterwegs in Sierra Leone. Jetzt, am Freitag, kommt er aus Zürich, ist auf dem Weg nach Prag. Dazwischen viele Telefonate und noch mehr Zigaretten.

Mit seinen fünf Mitarbeitern hat sich Gabriel eine Nische gesucht, die zu seinem linken Weltbild passt: Er verschafft armen Regionen Kredite und Zuschüsse, mit denen sie in erneuerbare Energien investieren und ihre Stromversorgung auf Vordermann bringen können.

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Zum Teil stammt das Geld aus den Fonds von EU und Weltbank, zum Teil von vermögenden Privatinvestoren, die einen Kredit in Serbien oder Sierra Leone als renditetreibenden Thrill für ihr Portfolio betrachten. "Mit diesem Finanzierungsmodell will ich zeigen, dass sich die Infrastruktur in Transitionsländern auch ohne Privatisierung voranbringen lässt", sagt Gabriel.

Wie Sroka ist auch Gabriel Mitglied bei OWUS und bei der linken Unternehmer-AG. Und wie für Sroka gab es auch für Gabriel ein erstes Leben.

In diesem ersten Leben hatte Gabriel nicht 5, sondern 600 Mitarbeiter. Er betrieb eine Agentur für Shop-in-Shop-Systeme, betreute Verkaufsflächen in Baumärkten und Warenhäusern für Kunden wie WMF, Osram oder Bosch.

Links war er schon damals, erinnert sich Gabriel. Seine Mitarbeiter habe er ermuntert, in die Gewerkschaft einzutreten, gezahlt habe er übertariflich. Sicher, seine Agentur sei dadurch teurer gewesen als die Wettbewerber. Aber gerade wegen der besseren Arbeitsbedingungen habe er auch bessere Qualität bieten können.

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