Dienstag, 18. Juni 2019

Die Linke Vorwärts, Bosse!

2. Teil: "Das war ja der erklärte Feind"

Potsdam, Donnerstagnachmittag. Ein Dutzend Männer und fünf Frauen haben sich in einer Gründerzeitvilla versammelt, der man durch entschlossenen Einsatz von Nadelfilz und Raufaser jeden Anflug der Herrschaftlichkeit ausgetrieben hat.

 Wechseljahre: Während der Wende wurde Sroka vom DDR-Offizier zum Unternehmer. Links ist er geblieben.
Andrej Glusgold
Wechseljahre: Während der Wende wurde Sroka vom DDR-Offizier zum Unternehmer. Links ist er geblieben.
Von den Männern tragen vier einen Schnurrbart, drei eine Krawatte, zwei haben Tätowierungen auf den Unterarmen, einer ist in kurzen Hosen gekommen, und alle zwölf haben Gesichter, denen man ansieht: Hier fliegt niemand in der Business-Class durchs Leben.

Die Villa, das ist die Zentrale der Linkspartei in Brandenburg. Die Männer und Frauen haben sich hier versammelt, um die brandenburgische Sektion der "Landesarbeitsgemeinschaft linker UnternehmerInnen" zu gründen. Bereits in mehreren Bundesländern haben sich ähnliche Gruppen formiert. Demnächst dürfte die Gründung einer Bundesarbeitsgemeinschaft folgen. Dann hätte die Linke einen offiziellen Unternehmerflügel, der finanzielle Zuwendungen aus der Parteikasse erhält und Delegierte zu den Parteitagen entsenden darf - so ähnlich wie die Mittelstandsvereinigung in der CDU.

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Wer den Gesprächen rund um den Besprechungstisch in Potsdam ein bisschen zuhört, merkt schnell: So weit von denen der CDU-Mittelstandsvereinigung sind die Sorgen der linken Unternehmer nicht entfernt. Auch sie klagen über Billigkonkurrenz aus Osteuropa, über den Staat, von dem immer mehr Vorschriften kommen und immer weniger Aufträge, über die Energiepreise, die Mittelständler kaum auf die Kunden überwälzen können, über die Steuerpolitik, die einseitig Großkonzerne bevorteile.

Joachim Sroka hört der Debatte schweigend zu. Der 45-Jährige zählt zu den vier Schnurrbart- und den drei Krawattenträgern. Srokas Schlips ist gelb und prangt auf einem schwarzen Nadelstreifenhemd. Am Gürtel trägt er eine Handytasche, und der militärischkurze Haarschnitt erinnert noch immer an das erste Leben des Unternehmers Jochen Sroka.

In diesem ersten Leben war Sroka Oberleutnant und Flugzeugingenieur bei der DDR-Luftwaffe - und überzeugter Anhänger der sozialistischen Idee. "Nach der Wende zur Bundeswehr zu gehen, das wäre für mich nicht infrage gekommen", sagt Sroka. "Das war ja der erklärte Feind."

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