Hermann Scholl Das Werkstück

Bosch-Legende Hermann Scholl - vom manager magazin jüngst in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft aufgenommen - hat ein Leben lang vor allem eines getan: an sich gearbeitet. Es hat sich gelohnt. Für Bosch. Aber auch für Hermann Scholl selbst.

Sein letzter großer Karriereschritt begann mit einer Verwechslung. Dr.-Ing. Hermann Scholl, damals 57 Jahre alt, wohnhaft in Stuttgart, ein mittelstarker Mann mit kleinen Augen und einer großen Brille, las in einer Regionalzeitung, er solle nun Chef des weltberühmten Automobilzulieferers Bosch werden. Daran war alles richtig.

Nur das Foto, das die Redaktion herausgesucht hatte, war das falsche. Es zeigte Friedrich Scholl, der früher bei Bosch beschäftigt war, als einen von mehreren Geschäftsführern. Ein Anruf bei der Zeitung brachte die Erkenntnis: Ihn, den neuen Bosch-Chef, kannte keiner.

Daran hat sich seitdem nicht viel geändert. Hermann Scholl (73), der Mann, der die Elektronik ins Auto gebracht, einen Weltkonzern mit bald 50 Milliarden Euro Umsatz und 270.000 Beschäftigten geformt hat und ihn jetzt kontrolliert, ist in der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannter als eine Steckverbindung in einem VW Passat.

Nie hat ein überregionales Blatt ein großes Porträt über ihn geschrieben, nie hat sich ein Fernsehautor auf seine Spuren gesetzt. Hermann Scholl ist - man übertreibt nicht, es zu sagen - die unbekannteste Größe der deutschen Wirtschaft. Was auch an den Medien liegen mag. Aber nicht nur.

Seine Person ließ sich verbergen, nicht jedoch sein Wirken. Dafür war er zu erfolgreich. Er hat Bosch zum Technologieführer in seiner Branche gemacht, zum größten und internationalsten aller Zulieferer entwickelt. Das Stiftungsunternehmen prosperierte unter ihm, ohne die große soziale Tradition aufzugeben. Hermann Scholl, Geschäftsführender Gesellschafter der mächtigen Robert Bosch Industrietreuhand KG, hat nachhaltige Werte geschaffen, und dies in der Hochphase der alles umwälzenden Globalisierung.

Die Jury des manager magazins erkannte eindeutig auf große Verdienste um die deutsche Wirtschaft und wählte Scholl deshalb in die Hall of Fame. Er sei, so sagt es seine Laudatorin Renate Köcher, Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach, "ein glanzvolles Beispiel für visionäres Unternehmertum".

"Er liebt keine Überraschungen"

Hermann Scholl selbst glänzt höchst ungern, er gleicht eher einem gut durchgearbeiteten Werkstück: mehr Pumpe-Düse-Einspritzung als polierter Chrom. In seiner Person mischt sich Traditionsbewusstsein mit Technologiebegeisterung und paart sich mit Konsequenz, ja Härte.

Und einem Schuss Eigenwilligkeit, wie man sie in der modernen Konzernwelt kaum mehr findet. Ferdinand Piëch, Volkswagen-Chefkontrolleur und Porsche-Miteigentümer, den er bewundert wie der ihn anerkennt, besitzt allerdings ähnliche Wesenszüge.

Man kann viele dieser Elementarteilchen in Scholls Büro im 9. Stock der Gerlinger Schillerhöhe besichtigen, rings um den ovalen Marmortisch, an dem er regelmäßig die Bosch-Geschäftsführer empfängt.

Drei Bilder in impressionistischer Manier getupft, zweimal Stuttgart von der Wielandshöhe aus gesehen, einmal ein Orchester, mit einem Cellisten im Vordergrund. Alles gemalt von Tell Geck, einem süddeutschen Maler, brav, aber nicht zu brav, um nicht doch von den Nazis Berufsverbot zu bekommen, sodass er sich fortan als Cellolehrer durchschlug und schließlich in der Nachkriegszeit auch den kleinen Hermann Scholl unterrichtete.

Modellautos stehen an der Wand und Fotos, seltsame Metallteile wie der umstülpbare Würfel und auch ein Bilderrahmen, der viele der 50 Patente unter Glas versammelt, die Hermann Scholl in seinem Berufsleben angemeldet hat.

Am Tisch sitzt er, vor sich einen bald maßkrughohen Stapel Hefter, beschriftet mit "Unterlagen Interview", neben sich seine Assistentin, Frau Marschewski, jederzeit bereit, ein eventuell noch fehlendes Papier nachzureichen. Um den Hemdkragen hat Hermann Scholl heute ausnahmsweise eine Brioni gebunden anstatt der üblichen Ferragamo. Denn die Brioni, so meinte seine Frau Antje am Morgen mit Blick auf den Fototermin, forme den volleren Knoten.

Hermann Scholl, weiß sein Nachfolger als Vorsitzender der Geschäftsführung, Franz Fehrenbach, "liebt keine Überraschungen". Deshalb bereitet er sich vor. "Ich habe nie jemanden kennengelernt, der so präzise arbeitet."

Arbeiten hat Scholl früh gelernt. Als Neunjähriger Holz gehackt, Heu gemacht, damals auf dem Land im Krieg. Noch als Schüler für den Vater die Garage gebaut und das Haus verputzt in Stuttgart, ein Tonbandgerät selbst gebastelt und eine Gangschaltung fürs Fahrrad. Eigentlich, sinniert er heute, hätte er die zum Patent anmelden können, dann wäre er vielleicht früh zu Geld gekommen. Nein, geträumt habe er nie, sagt er, immer gemacht.

"Ziele sind mit viel Arbeit verbunden"

Der Vater kam vom Dorf, Sohn eines Maurers, war erst Schulmeister, hatte dann Psychologie studiert. Die Mutter entstammt einem großbürgerlichen Elternhaus, ihr Vater war Wollgroßhändler; bei Scholls ist man nicht reich und nicht arm, aber ewig strebend. Nach dem Essen streitet er sich mit seinen beiden Schwestern darum, wer zuerst Klavier üben darf. Später spielt er Cello, das hat er für sich allein. Die Salzburger Festspiele, ja, die hätten ihn schon gereizt.

Scholl erzählt detailreich, flüssig, fast genießt er es jetzt, nach berufslangem Schweigen sein Leben auszubreiten.

Es kann sich sehen lassen. Er studiert Nachrichtentechnik, promoviert, heiratet (später wird er eigens noch einmal anrufen, weil er vergessen hat zu erwähnen, dass seine Frau Apothekerin ist und seinet- und der Tochter wegen später ihren Beruf aufgegeben hat). Fängt bei Bosch an, ist weltweit der erste, der die elektronische Benzineinspritzung serienreif macht. Sorgt dafür, dass das Auto immer mehr mit elektronischer Hilfe fährt (ESP) oder bremst (ABS). Steigt alle zwei, drei Jahre auf und wird bald, mit 43 Jahren, einer der jüngsten Geschäftsführer, die Bosch je hatte.

Die Kraftfahrzeugsparte wird das Objekt seiner Arbeitswut. Er ist nachts oft bis ein Uhr im Dienst; bevor die Post nicht erledigt ist, geht er nicht ins Bett, nie. Er führt Protokoll über jedes Treffen von Bedeutung, systematisiert dies, bis ein sogenanntes Vorgangsverfolgungssystem entsteht, in dem er, nach Schlagworten geordnet, jede technische oder personelle Entwicklung über Jahre detailliert nachlesen kann. "Bei mir war das Erreichen von Zielen stets mit sehr viel Arbeit verbunden", sagt er.

Die Autosparte boomt, und Scholl mit ihr. Hans Merkle, damals der Übervater bei Bosch, macht ihn 1993 zum Vorsitzenden der Geschäftsführung. Zum Grandseigneur Merkle schaut er auf, obwohl der ihn triezt, bei allen Geschäftsführerrunden dabei ist und nie mit seiner Kritik zurückhält, schon gar nicht in der Industrietreuhand, wo die langfristige Unternehmenspolitik beschlossen wird. "Merkle hat unverblümt seine Meinung gesagt; während Scholl viel investieren wollte, hat er immer Wert auf eine hohe Liquidität gelegt", erinnert sich Hans Peter Stihl, damals Mitglied in dem Gremium.

Scholl reagiert auf seine Weise darauf: mit noch mehr Arbeit und Härte. Setzt durch, dass Bosch Milliarden in die Dieseltechnologie investiert - und er so gemeinsam mit seinem Partner bei VW, Piëch, aus dem Selbstzünder eine neue Erfolgsgeschichte macht. Stellt Zehnjahrespläne auf, globalisiert das Unternehmen, bürokratisiert es auch. Wer Vorlagen einreicht, die in Form oder Sprache Mängel aufweisen, bekommt die prompt zurück, denn "wenn etwas sprachlich nicht sauber ist, dann ist es auch sonst nicht durchdacht".

Das Leben ist nun gut geworden

Als Merkle stirbt im Jahr 2000, ist Scholls Macht fast unbegrenzt; nah an ihm ist nur sein damaliger Vize und heutiger Mitgesellschafter, sein Freund Tilman Todenhöfer. Bis heute der einzige Mensch, mit dem Scholl bei Bosch per Du ist.

Die späten Jahre als Geschäftsführer beginnen, das Unternehmen ist technologisch top, es ist internationalisiert; mit dem Heizungsbauer Buderus und dem Automatisierungsexperten Rexroth hat Scholl groß und gut zugekauft. Doch immer noch wirkt er verbissen, ja verspannt; nach außen bleibt er trotz Aufsichtsratsmandaten bei BASF und Allianz weitgehend unsichtbar.

Er spürt, dass die Bosch-Kultur nicht mehr zeitgemäß ist: zu langsam, oft sich selbst genug, häufig kundenfern. Er leitet noch die Kulturwende ein, verjüngt die Geschäftsführerrunde und sucht mit Fehrenbach den Mann als seinen Nachfolger aus, der - anders als er - in der offenen Kommunikation nach innen und außen seine Stärke hat. Und er lässt ihn, zur Überraschung vieler, das Unternehmen auch wirklich führen. Hier wirkt die Erinnerung an die Jahre unter Merkle nach, diese Erfahrung will er dem Jungen ersparen.

Das Leben ist nun gut geworden für Hermann Scholl. Er weiß Bosch auf gutem Weg. Er arbeitet jeden Werktag, aber nur noch von neun bis sieben Uhr. Kümmert sich jetzt viel um das Auto der Zukunft, denn wieder geht es - wie damals beim Diesel - um Milliardeninvestitionen in die richtige Technologie, sei es der Hybrid oder das Elektroauto.

Man hört auf ihn, nicht nur weil er weiter mächtig ist. Noch immer gilt der Altmeister bei Bosch als derjenige, der am meisten von Technik versteht. Das weiß er, und es macht ihn ein wenig stolz und auch gelassen: "Ich fühle mich wohl in meiner Aufgabe, und ich sehe, dass ich noch viel für Bosch beitragen kann."

Er habe sich entspannt seit drei, vier Jahren, erzählt einer, der ihn lange schon kennt, fast verwundert. Der schwäbische Bub, der jeden Nachmittag bastelte, hat seine Arbeit fast vollendet. Hermann Scholl ist sein bestes Werkstück geworden.

Gern verbringt Scholl nun das Wochenende auf seinem neu erworbenen Grundstück am Bodensee. Direkt am Ufer liegt es, samt einem Holzhaus. Passend dazu hat er sich ein kleines Holzboot bauen lassen. Das Schiffchen sieht recht gewöhnlich aus. Ist es aber nicht. Es fährt mit Lithium-Ionen-Antrieb.

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