Sonntag, 22. September 2019

Hermann Scholl Das Werkstück

3. Teil: "Ziele sind mit viel Arbeit verbunden"

Der Vater kam vom Dorf, Sohn eines Maurers, war erst Schulmeister, hatte dann Psychologie studiert. Die Mutter entstammt einem großbürgerlichen Elternhaus, ihr Vater war Wollgroßhändler; bei Scholls ist man nicht reich und nicht arm, aber ewig strebend. Nach dem Essen streitet er sich mit seinen beiden Schwestern darum, wer zuerst Klavier üben darf. Später spielt er Cello, das hat er für sich allein. Die Salzburger Festspiele, ja, die hätten ihn schon gereizt.

Scholl erzählt detailreich, flüssig, fast genießt er es jetzt, nach berufslangem Schweigen sein Leben auszubreiten.

Es kann sich sehen lassen. Er studiert Nachrichtentechnik, promoviert, heiratet (später wird er eigens noch einmal anrufen, weil er vergessen hat zu erwähnen, dass seine Frau Apothekerin ist und seinet- und der Tochter wegen später ihren Beruf aufgegeben hat). Fängt bei Bosch an, ist weltweit der erste, der die elektronische Benzineinspritzung serienreif macht. Sorgt dafür, dass das Auto immer mehr mit elektronischer Hilfe fährt (ESP) oder bremst (ABS). Steigt alle zwei, drei Jahre auf und wird bald, mit 43 Jahren, einer der jüngsten Geschäftsführer, die Bosch je hatte.

Die Kraftfahrzeugsparte wird das Objekt seiner Arbeitswut. Er ist nachts oft bis ein Uhr im Dienst; bevor die Post nicht erledigt ist, geht er nicht ins Bett, nie. Er führt Protokoll über jedes Treffen von Bedeutung, systematisiert dies, bis ein sogenanntes Vorgangsverfolgungssystem entsteht, in dem er, nach Schlagworten geordnet, jede technische oder personelle Entwicklung über Jahre detailliert nachlesen kann. "Bei mir war das Erreichen von Zielen stets mit sehr viel Arbeit verbunden", sagt er.

"Wenn etwas sprachlich nicht sauber ist, dann ist es auch sonst nicht durchdacht."

Hermann Scholl

Die Autosparte boomt, und Scholl mit ihr. Hans Merkle, damals der Übervater bei Bosch, macht ihn 1993 zum Vorsitzenden der Geschäftsführung. Zum Grandseigneur Merkle schaut er auf, obwohl der ihn triezt, bei allen Geschäftsführerrunden dabei ist und nie mit seiner Kritik zurückhält, schon gar nicht in der Industrietreuhand, wo die langfristige Unternehmenspolitik beschlossen wird. "Merkle hat unverblümt seine Meinung gesagt; während Scholl viel investieren wollte, hat er immer Wert auf eine hohe Liquidität gelegt", erinnert sich Hans Peter Stihl, damals Mitglied in dem Gremium.

Scholl reagiert auf seine Weise darauf: mit noch mehr Arbeit und Härte. Setzt durch, dass Bosch Milliarden in die Dieseltechnologie investiert - und er so gemeinsam mit seinem Partner bei VW, Piëch, aus dem Selbstzünder eine neue Erfolgsgeschichte macht. Stellt Zehnjahrespläne auf, globalisiert das Unternehmen, bürokratisiert es auch. Wer Vorlagen einreicht, die in Form oder Sprache Mängel aufweisen, bekommt die prompt zurück, denn "wenn etwas sprachlich nicht sauber ist, dann ist es auch sonst nicht durchdacht".

© manager magazin 7/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung