Was macht eigentlich Reiner Hagemann?

Den 2005 eingeleiteten Umbau des Deutschland-Geschäfts der Allianz mochte Reiner Hagemann nicht mittragen und verließ das Unternehmen. Auch heute noch beobachtet der frühere Vorstand den Versicherungsriesen genau.
Von Ulric Papendick

"Ja", sagt Reiner Hagemann (60), und sein harter, bisweilen stechender Blick wird einen Moment lang trüb, als würden 30 Jahre Berufsleben in einer Sekunde an ihm vorbeiziehen, "ja, ich war Mister Allianz."

Dann hat er sich wieder gefangen, schaut angriffslustig drein und meint, dass es ein gutes Gefühl sei, "nicht mehr diesen Druck zu spüren, ständig den Karren ziehen zu müssen".

Der Karren, das war die Allianz Sachversicherung, das Herz des größten deutschen Assekuranzkonzerns mit 15.000 Mitarbeitern, für die Hagemann als zuständiger Vorstand jahrelang so etwas wie ein Übervater war. Bis er sich mit Vorstandschef Michael Diekmann (53) zerstritt und die Allianz  Anfang September 2005, fast über Nacht, verließ.

Reiner Hagemann ist ein groß gewachsener Mann, eine imposante Erscheinung, er strahlt immer noch einen Teil der Macht aus, die er einmal hatte. Man merkt ihm an, dass er keine Lust hat auf ein Dasein als Frührentner. Also hat er sich strikte Disziplin auferlegt - längere Urlaube sind tabu - und die üblichen Ämter angehäuft, mit denen ehemalige Topmanager den Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern suchen.

Hagemann sitzt im Aufsichtsrat des Finanzdienstleisters Wüstenrot & Württembergische, der VHV Allgemeine Versicherung, der Bayer Schering Pharma AG. Als "Non Executive Director" wacht er über den belgisch-niederländischen Finanzkonzern Fortis und den britischen Versicherungsspezialisten Helphire.

Er ist Beirat der DZ Bank und des Energiekonzerns Evonik Steag. Für den US-Hedgefonds Cerberus, der in Deutschland unter anderem den Versicherer Gerling erwerben wollte, zog er bis Ende vergangenen Jahres als Chefberater die Strippen. Selbst der Deutschen Wildtier Stiftung, die sich derzeit vor allem der Rettung des heimischen Spatzen widmet, steht Hagemann als Kuratoriumsvorsitzender zur Seite.

Kontakte zum Ex-Arbeitgeber gekappt

Alles sicher ehrenvolle, wichtige Aufgaben. Die Lücke, die der abrupte Abschied von der Allianz hinterließ, können sie nicht füllen.

Auch heute noch beobachtet der frühere Vorstand den Versicherungsriesen genau, macht kaum ein Hehl aus seiner Abneigung gegen Konzernchef Diekmann, dem er mangelnde Nähe zum operativen Geschäft vorhält.

Hagemann war ein Mann der Praxis, einer, der ständig von einer großen Allianz-Niederlassung zur nächsten eilte. So habe er viele Konflikte direkt vor Ort lösen können, meint er. Heute hingegen habe sich der Vorstand zu weit von der Basis entfernt.

Hagemanns Hilfe ist in der Münchener Konzernzentrale indes nicht mehr erwünscht. Seit er Diekmanns Kurs Ende 2006 in einem Interview öffentlich kritisierte, sind die Kontakte zum Ex-Arbeitgeber weitgehend gekappt.


Reiner Hagemann stand nahezu sein gesamtes Berufsleben in Diensten der Allianz. Nach dem Studium und einem einjährigen Intermezzo bei McKinsey ging der promovierte Volkswirt 1977 zur größten deutschen Versicherung.

Ab 1995 war Hagemann im Konzernvorstand der Allianz für die Sachsparte zuständig. Der volksnahe Manager wurde von der Belegschaft als "Papa Hagemann" verehrt.

Den von Allianz-Chef Michael Diekmann 2005 eingeleiteten Umbau des Deutschland-Geschäfts mochte Hagemann nicht mittragen. Er verweigerte die Gefolgschaft und schied im September desselben Jahres aus dem Konzern aus.

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