Arbeitsmarkt Das Dilemma der Arbeit

Das alte Versprechen, wer mehr arbeitet, führt ein besseres Leben, gilt im globalen Rattenrennen nicht mehr. Die einen kriegen keinen Job, andere schuften sich halb tot. Ein Skandal, meinen zwei Schweizer.

Erkenntniswert: Wahlkampf in Amerika, 90er Jahre: Bill Clinton brüstet sich auf einer Veranstaltung, er habe Millionen neuer Jobs geschaffen. Da steht ein Zuhörer auf und sagt: "Sie haben recht, Mr. President. Ich habe selbst drei davon." Der Witz illustriert, was Philipp Löpfe und Werner Vontobel das "Dilemma der Arbeit um jeden Preis" nennen. Eine Zwickmühle, die sich, so die Autoren, seither noch verschärft hat: Die einen finden keine Arbeit oder strampeln sich ab mit kaum bezahlten Minijobs - während die anderen im Leistungsrausch Überstunden knüppeln, an Stress und Burn-out fast zugrunde gehen und trotzdem den sozialen Abstieg fürchten. "Warum es sich nicht lohnt, sich abzuhetzen und gegenseitig die Jobs abzujagen" (Untertitel) - das erklären die Schweizer Wirtschaftsjournalisten mit der rasant gestiegenen Produktivität: Mit immer weniger Arbeit kann immer mehr hergestellt werden. Folge: Die Arbeit ist ungerecht verteilt. Und das alte Versprechen, wer mehr arbeitet, führt ein besseres Leben, gilt im globalen Rattenrennen nicht mehr.

Stil: Über weite Strecken plastisch und temporeich - trotz einiger stark empirischer Passagen mit gut aufbereitetem Datenmaterial. Die Verve, mit der die Autoren schreiben, verleiht dem Buch einen erfrischenden Streitschrift-Charakter.

Nutzwert: Die These von der schlecht verteilten Arbeit ist so umstritten wie zeitgeistkompatibel. Die angebotenen Vorschläge - die 25-Stunden-Woche oder das auch von dm-Gründer Götz Werner propagierte Grundeinkommen - sind eher Denkanstöße als Lösungen, was dem aufrüttelnden Charakter des Buchs aber keinen Abbruch tut. Eine neue Arbeitskultur braucht eben Zeit. Die alte jedenfalls treibt mitunter bizarre Blüten: Ob es sinnvoll ist, dass etwa die US-Autoindustrie Tausende Angestellte in der "Jobs Bank" dafür bezahlt, dass sie sich jeden Tag in der Firma melden, obwohl es dort keine Beschäftigung für sie gibt - darüber könnte man ja mal nachdenken. Gleich nach der Arbeit, so gegen 23 Uhr.

rot rot statt orange seit März 2006, da neues Heftlayout

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Foto: manager-magazin.de
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