Kommentar Nach der großen Fiesta

Egal ob Spanien, Großbritannien oder Frankreich, gemessen an deutschen Standards sind Immobilien in diesen Ländern sündhaft teuer. Nun aber geht der europäische Immobilienboom zu Ende - ein neues Risiko für die deutschen Banken?

Gibt es einen besseren Beweis für die Tüchtigkeit der deutschen Wirtschaft? Die Unternehmen sind so wettbewerbsfähig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Trotz weltwirtschaftlicher Eintrübung, Ölkrise und eines auch nach der jüngsten Dollar-Aufholjagd immer noch starken Euros fährt die Bundesrepublik im Handel einen Rekordüberschuss nach dem anderen ein - ein gleißender Lichtpunkt in einer ansonsten von chronischer Düsternis umwölkten Wirtschaftsnation.

Im laufenden Jahr soll der Überschuss im Handel mit Gütern und Dienstleistungen nach OECD-Prognosen auf fast 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen - ein Wert, der Deutschland die Aura eines Schwellenlandes verleiht. Ökonomen anderswo, zumal in den kränkelnden angelsächsischen Volkswirtschaften, beobachten die deutsche Dynamik verwundert und fasziniert. Strukturell, meint beispielsweise Elga Bartsch, Ökonomin bei Morgan Stanley in London, ähnele die hiesige Wirtschaft einer "re-emerging economy".

Hurra! Hurra?

So positiv die aktuelle Wettbewerbsstärke ist, die Leistungsbilanzrekorde haben eine dunkle Kehrseite: Die Überschüsse fließen ab ins Ausland als Kapitalexporte - deutsche Ersparnisse werden dort gebildet, wo sie, so die Hoffnung, mehr Ertrag bringen als im Inland. Doch Zweifel sind erlaubt, ob die Gelder tatsächlich gut angelegt sind.

Möglich, dass enorme Forderungsausfälle auf die Finanzbranche zukommen.

Übertrieben? Ein Blick in die Statistiken der Bundesbank offenbart, wo die Überschüsse aus dem Außenhandel bleiben: Zu einem großen Teil werden sie in Form von Bankkrediten an unsere europäischen Nachbarländer verliehen; 80 Prozent der Auslandsforderungen deutscher Kreditinstitute entfallen auf Europa und lauten auf Euro. Somit unterliegen sie nur einem geringen Währungsrisiko. Immerhin.

Doch die Marktrisiken dürften beträchtlich sein. Denn deutsche Ersparnisse wurden vornehmlich in Länder gelenkt, in denen sich auf den Immobilienmärkten in den vergangenen Jahren mächtige Preisblasen aufgebaut haben - nach Großbritannien, Spanien, Frankreich, Italien oder Irland.

Starker Einbruch in Spanien

Ähnlich wie in den USA sind dort die Preise für Häuser und Gewerbeimmobilien durch die Decke gegangen. Ähnlich groß ist nun das Potenzial für herbe Rückschläge.

In all diesen Ländern sind Immobilien, gemessen an deutschen Standards, sündhaft teuer, vielerorts sogar noch teurer als in Amerika. Nach OECD-Berechnungen liegen die Preise für spanische Häuser in Relation zum Mietniveau heute um fast 100 Prozent über dem langfristigen historischen Durchschnitt, bei britischen Häusern sind es 70 Prozent, bei französischen mehr als 60 Prozent, bei italienischen und irischen immerhin knapp 30 Prozent. Zum Vergleich: In den USA sind Immobilien nach diesem Indikator 26 Prozent überbewertet, in Deutschland gar 29 Prozent unterbewertet.

Es war eine rauschende Fiesta, die sich dem Ende zuneigt. Die Preise steigen kaum noch, in einigen Ländern sinken sie sogar bereits. Die Bauherren reagieren: Immer weniger Neubauten werden geplant. Am stärksten ist der Einbruch in Spanien, wo die Zahl der Bauanträge binnen Jahresfrist um fast die Hälfte zurückging. Der bevorstehende Anstieg der Zinsen wird die Immobilienmärkte noch weiter auf Talfahrt schicken.

Für die Kreditbranche, die noch unter dem US-Subprime-Debakel leidet, könnte ein paneuropäischer Immobiliencrash zum Problem werden. Magere Renditen, steigende Ausfallrisiken und zerbröselnde Sicherheiten sind keine sonderlich beruhigenden Aussichten für die finanzierenden Banken.

Vor diesem Hintergrund relativiert sich der rituelle Jubel über die hartnäckigen Überschüsse. Nicht nur hohe Leistungsbilanzdefizite, auch überbordende Überschüsse bergen Risiken. Insofern könnten die heraufziehenden Probleme heilsam sein: Da die Boomphase an den europäischen Immobilienmärkten mit ihren verlockenden Gewinnen endet, könnte manche Investition in Deutschland wieder interessanter erscheinen.

Was hochwillkommen wäre: Die hiesige Wirtschaft leidet immer noch unter der Investitionszurückhaltung der Jahre 1995 bis 2005; ein Ausbau der Kapazitäten im Inland würde den Standort nachhaltig stärken - und den Überschuss gegenüber dem Ausland schrumpfen lassen. Gut so.

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