Artindex Vor dem Höhepunkt

Die Preise für zeitgenössische Kunst haben binnen zwölf Monaten um sagenhafte 70 Prozent zugelegt. Wer jetzt noch kauft, sollte dies nicht ohne Expertenrat tun. Für manager magazin hat ein Gremium internationaler Sachverständiger seine Favoriten genannt - der Artindex bietet Orientierung im boomenden Markt.
Von Brigitte von Trotha

Cheyenne Westphal, beim Auktionsgiganten Sotheby's für die zeitgenössische Kunst verantwortlich, hatte keine außergewöhnlichen Erwartungen an Gerhard Richters Werk "Kerze". Weil der Deutsche immerhin über 20 fast identische Motive gemalt hat, taxierte die Expertin das altmeisterlich anmutende Gemälde auf zwei, bestenfalls drei Millionen Euro. Für einen Superstar wie Richter inzwischen ein eher bescheidener Preis.

Doch als am Abend des 27. Februar 2008 das Los mit der Nummer 8 aufgerufen wurde, konkurrierten plötzlich elf Bieter aus der ganzen Welt um die Arbeit. In 140.000-Euro-Schritten schraubten sie den Preis immer weiter nach oben, alle paar Sekunden überschritten ihre Gebote eine neue Millionengrenze. Erst bei 10,5 Millionen Euro wechselte das Werk den Besitzer. Und die Auktionsgeschichte war um einen Rekord reicher: Noch nie hatte ein Sammler so viel für einen Richter bezahlt.

Beispiellose Finanzkrise, hochnervöse Aktienmärkte, die trübsten Konjunkturaussichten seit Langem - nichts davon hat sichtbare Bremsspuren auf dem Kunstmarkt hinterlassen.

Nicht nur die Richter-Skala scheint nach oben offen zu sein: Auch im elften Jahr des künstlerischen Superzyklus steigen die Preise von Damien Hirst bis Andy Warhol schneller als die fast aller anderen Anlageklassen.

Allein 2007 verteuerte sich Gegenwartskunst im Schnitt nochmals um 70 Prozent. Inzwischen kostet die Arbeit eines bekannten zeitgenössischen Künstlers fast viermal so viel wie vor fünf Jahren. Um diesen Faktor legten im gleichen Zeitraum nicht einmal die Preise für Öl und Gold zu.

Mit jedem Jahr dieser Preisrally nehmen allerdings auch die Unwägbarkeiten für Anleger zu - gerade bei der zeitgenössischen Kunst. Denn die funktioniert nicht viel anders als ein Emerging Art Market: Der Chance auf fantastische Wachstumsaussichten steht das Risiko heftiger Kurskorrekturen gegenüber.

Ein Blick zurück auf den Kunstmarktboom vor 20 Jahren verdeutlicht die Risiken für Investoren. Nicht einmal jeder zweite zeitgenössische Künstler, der damals in den großen Auktionen gefeiert wurde, ist heute noch auf dem Markt.

Welche Maler, Bildhauer und Fotografen - so lautet jetzt die alles entscheidende Frage - eignen sich in der heutigen Hochphase eines Booms überhaupt noch zum Kauf? Am sichersten fahren Anleger mit Künstlern, die über echte Substanz verfügen. Denn nur wer künstlerische Standards setzt, wird langfristig auch den Markt überzeugen.

Wie die Jury bewertet

Die Kompetenz, aus der Masse der Künstler diejenigen herauszufiltern, die zeitlose Qualität bieten, besitzen allerdings nur wenige im Kunstgeschäft. Zu diesem kleinen Kreis der unabhängigen Kenner gehören vor allem Museumsdirektoren; schließlich ist es ihre Aufgabe, auf Ausstellungen immer nur die wirklich relevante Kunst zu zeigen.

Deshalb hat manager magazin, als es im vergangenen Jahr das mm-Artpanel gründete, vor allem Experten aus dem Museumsumfeld in die Jury berufen. Für den mm-Artindex, eine einzigartige Untersuchung zur zeitgenössischen Kunst, wählen die 15 international renommierten Juroren einmal im Jahr die ihrer Meinung nach herausragenden Künstler der vergangenen 50 Jahre aus.

Damit die Künstler besser vergleichbar sind, unterscheiden die mm-Experten zwischen

  • Künstlern, die bereits zu den Klassikern gezählt werden können;
  • Künstlern, die zurzeit die Szene am meisten beeinflussen und somit das Potenzial haben, einmal zu den Klassikern gezählt zu werden, und
  • Künstlern, die noch weitgehend unbekannt sind, aber dank ihres Talents bald den Durchbruch auf dem Kunstmarkt schaffen dürften.

Zusammen mit dem Kunstmarktspezialisten Artprice fasst manager magazin darüber hinaus die Wertentwicklung der 15 Künstler des Klassikerkanons zum mm-artindex (mmax) zusammen. Mit dieser Benchmark ist es möglich, die Preissteigerungen einzelner Künstler relativ zu den anderen Klassikern zu vergleichen.

Um konkrete Investitionsmöglichkeiten aufzuzeigen, analysiert manager magazin abschließend die Auktionsdaten der vom mm-Artpanel ausgewählten Künstler des Klassikerkanons und der aktuellen Szene nochmals im Detail.

Vom Maler Roy Lichtenstein bis zum Bildhauer Richard Serra - alle ausgewählten Künstler des Klassikerkanons stehen grundsätzlich für Solidität, weil sie über einen längeren Zeitraum eine konstante Wertentwicklung versprechen. So wie Bluechips bei Aktien.

Doch bei Kunstwerken greifen ähnliche Mechanismen wie bei Wertpapieren: Ist zu viel Geld im Markt, entwickeln sich die Kurse losgelöst von den fundamentalen Daten. Nur mit der Tatsache, dass das Kunstgeschäft inzwischen eine Spielwiese für Milliardäre ist, lässt sich erklären, dass die Preise für Lichtenstein-Werke im vergangenen Jahr um sagenhafte 535 Prozent nach oben geschnellt sind. Inzwischen kostet eine Arbeit des Pop-Art-Künstlers durchschnittlich mehr als 630.000 Euro.

Was teuer ist, wird noch teurer

Was schon teuer ist, wird noch teurer. In den mittleren und unteren Preislagen kommt es jedoch nicht zu derart extremen Preisanstiegen. Deshalb lässt sich eine der wichtigsten Investitionsregeln - "Kaufe lieber die kleinformatige Arbeit eines bekannten Künstlers als die großformatige eines unbekannten" - immer noch beherzigen, wenn auch vorwiegend auf kleineren Versteigerungen abseits der international dominierenden Kunstmetropolen New York und London. So wurden 2007 selbst von Lichtenstein ein Viertel der Auktionslose für unter 10.000 Euro verkauft.

Bei Richard Artschwager lag der Anteil sogar noch höher. Der US-Amerikaner wurde in diesem Jahr neu in den Klassikerkanon gewählt. Eine Würdigung der mm-Kunstjury dafür, dass Artschwager mit seinem Werk an den Grenzen von Malerei, Skulptur und Installation in den vergangenen 50 Jahren nicht nur eigene Maßstäbe gesetzt, sondern auch viele junge Künstler geprägt hat.

Neben kleinformatigen Werken der etablierten Klassiker bieten jüngere Künstler, die nach Meinung des mm-Artpanels vielversprechende Perspektiven haben, ebenfalls noch gute Einstiegsmöglichkeiten. Mit mehr als 30 Prozent gibt es einen nennenswerten Teil ihrer Arbeiten sogar noch für vierstellige Beträge.

Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise Thomas Ruff, der sein Handwerk genau wie Andreas Gursky bei den Fotografen-Lehrmeistern Bernd & Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie gelernt hat. Ruff, wie Gursky mittlerweile mit internationalem Ruf ausgestattet, steht mit seinen präzisen, großformatigen Porträts exemplarisch für das, was es auf dem Kunstmarkt immer weniger gibt: bezahlbare Qualität.

Viele der potenziellen Richters und Warhols von morgen sind für die Versteigerungshäuser noch nicht so leicht zu auktionieren wie die zeitgenössischen Klassiker. So fanden vergangenes Jahr bei Thomas Ruff immerhin knapp 40 Prozent der Lose keinen Abnehmer, beim Maler Luc Tuymans waren es sogar 50 Prozent.

Interessenten eröffnet dies günstige Gelegenheiten. Denn nicht nur Sotheby's und Christie's versuchen fast immer, die unverkauften Lose nach der eigentlichen Auktion noch loszuwerden, Preisabschlag oft inklusive. Um an die Arbeiten zu gelangen, muss man nicht einmal Stammkunde beim jeweiligen Auktionshaus sein - ein schriftliches Nachgebot genügt.

Kurskorrekturen sind möglich

Trotzdem kann es natürlich auch bei den 30 von der mm-Jury identifizierten besten Künstlern der aktuellen Szene jederzeit zu Kurskorrekturen kommen. Einer negativen Marktentwicklung werden auch sie sich nicht entziehen können. Wer dieses Risiko scheut, sollte sich diese Künstler deshalb weiterhin nur in Ausstellungen anschauen.

Am wenigsten Geld können Anleger mit Malern, Bildhauern und Fotografen verlieren, die erst vor Kurzem die Kunsthochschulen verlassen haben. Ihre Arbeiten gibt es oft schon für rund 1000 Euro.

Weil das Segment der jungen Talente allerdings selbst für engagierte Laien kaum zu überblicken ist - jedes Jahr versuchen weltweit Zehntausende ihr künstlerisches Glück -, hat manager magazin auch in diesem Jahr die Jurymitglieder des mm-Artpanels gebeten, die Talente zu benennen, die sie bei ihren Besuchen in Galerien, Ateliers und auf Messen auf der ganzen Welt am überzeugendsten fanden.

Diese exklusive Auswahl an Geheimtipps spiegelt zwei zentrale Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst wider.

Erstens schreitet die Globalisierung auch am Kunstmarkt voran. Sind unter den 15 Klassikern und 30 vielversprechendsten Zeitgenossen bis auf den Videokünstler Nam June Paik aus Südkorea und das chinesische Multitalent Ai Weiwei alle Auserwählten Europäer oder Nordamerikaner, befinden sich unter dem künstlerischen Nachwuchs auch zahlreiche Vertreter der aufstrebenden Kunstwelt. Etwa gebürtige Südamerikaner oder Afrikaner.

Zweitens drängen die Frauen zunehmend in die vorderen Reihen. Mit Louise Bourgeois (96), der Großen Dame der Bildhauerei, schaffte es gerade einmal eine Künstlerin in den Kanon der Klassiker. Von den jungen Talenten ist dagegen mehr als die Hälfte der Auserwählten weiblich.

Schwellenländer und Frauen an die Macht - diese Trends symbolisiert Rivane Neuenschwander (40) wie keine andere junge Künstlerin. Indem sie sich etwa Comic-Ausrissen existierender Motive bemächtigt und diese verfremdet, folgt die Brasilianerin der Tradition Andy Warhols, dem nach wie vor meistgefeierten zeitgenössischen Künstler.

Ob Neuenschwander und ihre jungen Kollegen einmal annähernd eine künstlerische Bedeutung warholschen Ausmaßes erlangen, ist heute noch unklar. Gewiss ist aber, dass Sammler bei diesen Künstlern für ihr Geld noch einen entsprechenden Gegenwert bekommen.

Die Strategie, auf bisher weitgehend unentdeckte, dafür aber größtenteils noch günstige Kunst zu setzen, hat inzwischen auch Gerhard Richter gutgeheißen - zumindest indirekt. Auf die Frage, ob er seine eigenen Arbeiten kaufen würde, reichten dem umsatzstärksten lebenden Künstler drei Wörter: "Nein. Zu teuer."

Mitarbeit: Sven Böll

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