Spekulanten Die Hunger-Hausse

Nahrungsmittelknappheit, Energiekrise, Währungschaos - Finanzinvestoren und Regierungen bringen die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht. Wer stoppt die Zocker?
Von Henrik Müller und Ulric Papendick

Die Schweizer Gemeinde Zug, rund 40 Kilometer von Zürich entfernt, ist ein angenehmer Ort. Die Berge ringsum sind eher grüne Hügel; die Hektik der Großstadt ist weit entfernt. Ein eigener See sorgt für Naherholungsmöglichkeiten.

Es dürfte indes weniger die unbestritten hohe Lebensqualität der nur 25.000 Einwohner zählenden Kleinstadt sein als vielmehr die extrem niedrigen Steuern und eine laxe Finanzaufsicht, die Zug in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Zentren des europäischen Rohstoffhandels gemacht haben.

Zug ist einer der Orte, an denen die astronomischen Preissteigerungen der jüngsten Zeit mitverursacht wurden.

Der Rohstoffmagnat Marc Rich und der Bergbaukonzern Xstrata haben hier ihren Sitz. Der Erdöl- und Erdgasproduzent Wintershall, eine BASF-Tochter, unterhält eine Dependance. Auch die 2005 ins Leben gerufene North European Gas Pipeline Company, deren Aktionärsausschuss der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (64) vorsitzt, machte Zug zu ihrem Domizil.

Logisch, dass Christoph Eibl (29), ein früherer Rohstoffhändler der Dresdner Bank, sein Handelshaus Tiberius in dieser illustren Nachbarschaft ansiedelte. Seit drei Jahren kaufen und verkaufen Eibl und sein 20-köpfiges Team von Zug aus Rohstoffe aller Art: Lebendrinder und Schweine, Kupfer und Nickel, Rohöl und Erdgas, Baumwolle und Kaffee.

Normalerweise beobachtet Eibl, ein Mann, der ebenso schnell spricht wie er denkt, sorgfältig alle Daten, die auf die Entwicklung der Rohstoffpreise Einfluss nehmen können: die Regenmengen in Westaustralien; die US-Lagerbestände an Rohöl; den Industrieverbrauch von Rhodium.

Seit einiger Zeit hilft ihm diese Analyse nicht mehr so recht weiter. Die Explosion des Ölpreises beispielsweise kann Eibl mit seinen Modellen nicht erklären. "Der Markt", sagt er, "wird nicht mehr durch Fundamentaldaten angetrieben, sondern fast nur noch von Investorengeldern." Große Fonds, die Rohstoffe noch vor Kurzem als exotischen Randbereich ihres Anlageuniversums betrachtet hätten, investierten plötzlich Milliardensummen in Kupfer oder Sojaöl. "Manche kaufen sogar Kaffee direkt beim Produzenten", beobachtet Eibl.

Von der üppigen Idylle Zugs aus betrachtet, wirkt die globale Rohstoffkrise seltsam abstrakt. Agrarprodukte, Öl, Metalle - alles nur Zahlen auf Monitoren. Assets wie viele andere.

Unter Investoren in aller Welt ist eine regelrechte Rohstoff-Mania ausgebrochen. Von Hedgefondsmanagern wie George Soros (77) über die Rentenkasse des Schweizer Chemiegiganten Novartis bis hin zum 250 Milliarden Dollar schweren kalifornischen Pensionsfonds Calpers haben Finanzinvestoren aus aller Welt natürliche Ressourcen als lukrative Anlageform entdeckt. Milliardensummen an spekulativem Kapital lassen die Rohstoffpreise in die Höhe schnellen.

Die Folgen sind dramatisch. Während die reichen Länder über rekordhohe Energiepreise klagen, fürchten in Afrika und Asien viele Millionen Menschen, ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln nicht mehr bezahlen zu können.

Wer stoppt die Spekulanten?

Steigen die Rohstoffpreise weiter, warnen Weltbank und Entwicklungshilfeorganisationen bereits unisono, werde es zu Hungersnöten kommen. Eine Milliarde Menschen gelten als von Nahrungsmittelmangel bedroht. Politische Unruhen, wie jüngst in Haiti und Kamerun, dürften sich dann ausbreiten. Und eine rasche Entspannung der Lage ist nicht zu erwarten.

Entsprechend panisch fallen die Reaktionen der Politik aus. In den USA müssen sich Vertreter der führenden Warenterminbörsen, an denen Finanzkontrakte auf Rohstoffe gehandelt werden, in öffentlichen Anhörungen für die "Spekulationsorgie" rechtfertigen, die die Rohstoffmärkte in ein "24-Stunden-Kasino" verwandelt hätten.

Indiens Regierung denkt öffentlich darüber nach, die Terminbörsen wegen ihrer derzeit preistreibenden Funktion gleich ganz abzuschaffen. Den Handel mit Kontrakten auf Sojaöl, Kartoffeln und Kichererbsen haben die Inder bereits ausgesetzt. Viele andere Schwellenländer, von Argentinien über Indonesien bis China, beschränken den Getreideexport. Und verschlimmern die globale Nahrungsmittelknappheit damit noch.

Topmanager wie Nestlé-Aufsichtsratschef Peter Brabeck-Letmathe (63) warnen mittlerweile vor dem massiven Einfluss, den Hedgefonds und andere Investoren auf die Warenmärkte ausübten: "Es ist alles sehr spekulativ geworden."

Konsumenten und Produzenten, Agrarstaaten und Industrienationen, Bauern und Lebensmittelkonzerne eint inzwischen die Frage: Wer stoppt die Spekulanten?

Rapide sind die gehandelten Volumina an den Warenterminbörsen in die Höhe geschnellt. In Chicago, einem der weltweit größten Handelsplätze für Rohstoffe, werden heute rund 50 Prozent mehr Kupfer auf Termin gehandelt als noch 1998. Der Preis hat sich seither mehr als verfünffacht. Im gleichen Zeitraum ist der Börsenumsatz mit Öloptionen auf das Siebenfache gestiegen, der Preis hat sich verachtfacht. Beim Grundnahrungsmittel Weizen legte der Terminhandel zeitweise um den Faktor fünf zu, während der Preis sich zeitweise mehr als verdreifachte.

Weitere Höchstpreise sind zu erwarten. Denn inzwischen mischen nicht nur kurzfristig orientierte Spekulanten, die auf die Schnelle an Preisbewegungen verdienen wollen, bei diesem Spiel mit. Auch immer mehr längerfristig orientierte Anleger drängen in den Markt.

Und die verfügen über eine gewaltige Feuerkraft: Sagenhafte 200 Billionen Dollar sind nach Branchenschätzungen an den Aktien- und Anleihemärkten investiert. Weil sich die Renditeaussichten dieser Papiere empfindlich verschlechtert haben, stürzen sich die Geldmanager auf der Suche nach neuen Geldquellen auf die Rohstoffmärkte.

In der Branche gehen viele davon aus, das künftig bis zu 5 Prozent der Anlegergelder in Nahrungsmittel, Metalle und Energieträger fließen werden. Klingt harmlos, ist es aber nicht: Das würde bedeuten, dass die dort angelegten Summen um mehr als das 20-Fache steigen - von derzeit 450 Milliarden auf 10 Billionen Dollar.

Ein Horrorszenario, das alle bisherigen Krisensymptome wie Kleinigkeiten aussehen lässt.

Treibstoff für die Rohstoffpreise

"Die Rohstoffmärkte sind inzwischen eng verbunden mit anderen Finanzmärkten", sagt Thomas Helbling, Ressourcenfachmann beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Niedrige Zinsen, der schwindende Dollar, steigende Inflationsraten, bröckelnde Unternehmensgewinne - all das treibt die Anleger dazu, ihre Portfolios umzuschichten: Weizen statt Währungen, Aluminium statt Aktien, Brent statt Bonds.

Zusätzlicher Treibstoff für die Rohstoffpreise. Aber letztlich, sagen Fachleute wie Ted Truman vom Peterson Institute for International Economics in Washington, sprängen die Finanzjongleure doch nur auf einen fundamentalen Trend auf, den andere angeschoben hätten. Sie seien die Verstärker der Krise, nicht deren Verursacher.

Was die Menschheit derzeit erlebt, ist die Endphase des längsten Booms der Weltwirtschaft seit Generationen. Nach sechs Jahren Aufschwung mit Rekordraten von um die 5 Prozent sind natürliche Grenzen des Wachstums erreicht. All die Dinge, die sich nicht beliebig in Fabriken vermehren lassen, werden knapp: Bodenschätze, Ackerfrüchte, Wasser.

So positiv sich die ökonomische Dynamik für viele hundert Millionen Menschen in den ärmeren Teilen der Erde ausgewirkt hat, die der Armut entrinnen konnten, so schwerwiegend sind inzwischen die Konsequenzen: Viele Schwellenländer sind auf einem Wachstumspfad, der extrem ressourcenintensiv ist.

Denn auch die Führer dieser Länder spekulieren: nämlich darauf, dass die Gesetze des Marktes für sie nicht gelten.

Sie haben die Märkte massiv manipuliert, haben ihre Währungen künstlich unterbewertet und die Zinsen niedrig gehalten. So haben sie Investitionen in Fabriken und Maschinen subventioniert und den Aufbau hochgradig industrielastiger Wirtschaftsstrukturen befördert. Preissignale, die rechtzeitig eine Dämpfung des überschäumenden Wachstums bewirkt hätten, wurden systematisch unterdrückt.

Das gilt insbesondere für China: Im Zeitraffer macht das Land einen industriellen Entwicklungsprozess durch, für den Europäer und Nordamerikaner das ganze 19. und das halbe 20. Jahrhundert brauchten. Und das alles im Maxi-Maßstab: Eine Milliarden-Nation ist zur Fabrik der Welt geworden. Dafür braucht sie Energie und Rohstoffe, was immer die Märkte hergeben. Und wenn möglich noch mehr.

Vollgas - bis der Kühler platzt

Binnen weniger Jahre ist China zum weltgrößten Verbraucher von Kohle, Eisenerz, Nickel, Aluminium, Blei, Zink und Kupfer geworden, wie die Internationale Energieagentur (IEA) vorrechnet. Und weil die wohlhabenderen Mittelschichten sich höherwertig ernähren, ist China längst auch die größte Verbrauchernation von Reis und Weizen.

Von der zusätzlichen Nachfrage profitieren wiederum andere Schwellen- und Entwicklungsländer: Russland, Lateinamerika, voran Brasilien, zunehmend afrikanische Länder, die Ölexporteure sowieso. Volkswirtschaften also, die jahrzehntelang unter einem Verfall der Rohstoffpreise litten, weil eine zunehmend desindustrialisierte Welt nur noch wenig von ihren Hauptexportgütern brauchte.

Jetzt profitieren sie von der weltwirtschaftlichen Regression: vom Rückfall in eine frühere Entwicklungsstufe - vom Rückfall ins industrielle Zeitalter.

"90 Prozent der momentanen Rohstoffknappheit liegen darin begründet, dass der globale Aufschwung stärker ist und länger dauert, als irgendjemand erwartet hätte", urteilt der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff, ehemals Chefvolkswirt des IWF.

Jetzt kommt die Quittung: Die Strukturen der Weltwirtschaft sind hochgradig deformiert. Die rabiate industrielle Turboentwicklung ist heiß gelaufen. Ressourcenknappheit und Hungerkrise bedrohen die Wohlstandsgewinne der vergangenen Jahre.

Steigende Rohstoffpreise schüren die Inflation, aber die Behörden in den Schwellenländern sind machtlos, solange ihre Währungen an den Dollar gebunden sind und die Notenbanken der US-Geldpolitik folgen: Große Teile Asiens und Arabiens müssen die Niedrigzinspolitik der Washingtoner Fed (die ihrerseits versucht, eine Bankenkrise abzuwehren) nachvollziehen - obwohl die Überhitzung ihrer Volkswirtschaften deutlich höhere Zinsen erfordert.

"Länder von China bis Saudi-Arabien werden in den Strudel der aggressiven US-Geldpolitik gezogen", sagt Rogoff. "Sie sind durch ihre Dollar-Bindung gelähmt." Entweder müssen sie die Zinsen stark anheben und ihre Währungen aufwerten lassen - oder sich ganz von der US-Währung lösen.

Die damit einhergehende Unsicherheit wird wiederum ein Fest für Spekulanten. Die Rohstoffkrise könnte letztlich ein großes Währungschaos nach sich ziehen. Möglich, dass der globale Boom in einer schweren Krise endet - dass die große Deformation in eine große Destabilisierung der Weltwirtschaft mündet.

In einer echten globalen Marktwirtschaft wäre es gar nicht so weit gekommen. Da hätten sich die heraufziehenden Knappheiten frühzeitig in steigenden Preisen, Zinsen, Wechselkursen niedergeschlagen und zu einer automatischen Stabilisierung geführt. So aber fährt die Weltwirtschaft ungebremst Vollgas - und überhitzt womöglich, bis der Kühler platzt.

Die Welt läuft auf Reserve

Linderung ist nicht in Sicht. Weil die Rohstoffpreise über lange Zeit sehr niedrig waren, investierten die Produzenten zu wenig. Zwei Jahrzehnte lang spekulierten auch sie - nämlich darauf, dass das Angebot schon reichen werde. Jetzt fehlen Kapazitäten.

Märkte schließen, Grenzen dicht?

Instrument Ziel Wirkung
Warenterminbörsen schließen Wenn Produkte wie Weizen oder Soja vom Handel ausgesetzt würden, sänken die Preise, hofft beispielsweise Indiens Regierung. Schadet den Agrarproduzenten, da Risikoabsicherung unmöglich. Preiseffekt unklar: Auch nicht börsengehandelte Güter werden teurer.
Virtuellen Rohstoffhandel einschränken Nur noch physischen Handel mit Rohstoffen zulassen. Alternativ: Spekulanten zwingen, höhere Sicherheiten zu hinterlegen. Kann kurzfristigen Zustrom spekulativer Gelder auf die Rohstoffmärkte begrenzen, vermindert aber Funktionsfähigkeit der Terminmärkte.
Rohstoffreserven aufstocken Strategische Nahrungsmittelreserven würden angelegt. Sie könnten auf den Markt geworfen werden, um Spekulanten abzuschrecken. Kann kurzfristige Engpässe verhindern. Seit den 70er Jahren hält der Westen Ölreserven für 90 Tage vor - die Preise schwanken dennoch.
Exporte von Nahrungsmitteln einschränken Agrarproduzenten wie Argentinien beschränken Getreideexporte, um ein Überschwappen der Krise auf die heimische Bevölkerung zu verhindern. Als kurzfristige Notmaßnahme wirksam. Längerfristig negative Folgen, weil die Bauern keinen Anreiz haben, die Produktion stark auszuweiten.
Bauern subventionieren Bauern sollen weiter Subventionen bekommen, um mehr zu produzieren. Ein Kurs, den die EU-Agrarminister und, mit Abstrichen, die USA verfolgen. Für eine dauerhafte Lösung muss die Agrarproduktion in armen Ländern steigen. Subventionen für hiesige Bauern tragen dazu nichts bei.
Nahrungsmittelhilfen für arme Länder Nothilfen aus reichen Staaten und Agrarüberschussländern sollen akute Hungerkrisen lindern. Notwendig. Wenn möglich, heißt es bei der OECD, sollte Geld fließen. Nahrungsmittelhilfen verdrängen womöglich einheimische Produzenten.

Beispiel Öl: Nachdem die Preise in den 80er Jahren nach den beiden Ölschocks wieder auf niedrige Niveaus gesunken waren, steckten die Staatsfirmen am Persischen Golf und in Russland sowie die westlichen Petromultis kaum noch Geld in die Suche nach neuen Vorkommen, in neue Förderanlagen und Raffinerien.

Nun kommt das Angebot der steigenden Nachfrage kaum noch hinterher - die Welt läuft auf Reserve. Die Lücke zwischen den weltweiten Kapazitäten und der Produktion hat sich geschlossen. Rund zehn Jahre, schätzen Ökonomen, wird es dauern, bis das globale Energieangebot auf die gestiegene Nachfrage reagiert.

Sogar die Saudis, jahrzehntelang Herren über stattliche freie Förderkapazitäten, mit denen sie den Weltmarktpreis beeinflussen konnten, pumpen aus dem Sand, was durch die Rohre passt.

Doch selbst wenn die mit Abstand größten Ölreserven der Welt am Persischen Golf rasch erschlossen würden: Bei weiter stark steigender Nachfrage wird der Abtransport immer schwieriger, weil all die Supertanker kaum noch durch die Straße von Hormus passen. Die krieg- und terrorgefährdete Meerenge zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Iran ist der kritische Pfad des globalen Ölmarktes.

Kürzlich sorgte die Entdeckung von Vorkommen in Brasilien für Erleichterung. Reichlich voreilig: Noch ist unklar, wann und wie sie erschlossen werden können. "Die Ölfelder liegen teilweise unter Salzfelsen, wo Temperaturen bis 500 Grad Celsius herrschen", sagt IWF-Fachmann Helbling. "Bislang gibt es keine Fördergerätschaften, die so hohen Temperaturen standhalten."

Beispiel Nahrungsmittel: Über Jahrzehnte konnte der größte Teil der wachsenden Weltbevölkerung ernährt werden, ohne dass die Flächen ausgeweitet wurden - dank hoher Produktivitätssteigerungen bei Ackerbau und Viehzucht.

In den USA gaben viele Farmer auf. In der EU wurden Flächen stillgelegt, Bauern erhielten Beihilfen, wenn sie ihre Produktion drosselten. Hoch subventionierte europäische Exporte überschwemmten die Weltmärkte und machten insbesondere in Afrika den Ackerbau unprofitabel. Erst voriges Jahr setzte die EU ihr Flächenstilllegungsprogramm aus.

Aus der längst vergangenen Ära der Agrarüberschüsse stammt auch die europäische Biospritpolitik. Statt Getreideberge und Milchseen zu produzieren, so das Kalkül, sollten die Bauern doch lieber Rapsöl zum Betrieb von Dieselmotoren anbauen.

Essen oder tanken

Auch dies war eine Spekulation - nämlich auf einen schier unerschöpflichen Überfluss an Nahrungsmitteln.

Die USA nahmen sich die EU-Förderung zum Vorbild - und setzen massiv auf den Ausbau der Ethanolproduktion als Benzinersatz. Für die Produktion verwenden sie vornehmlich Mais. Im Jahr 2016, so eine gemeinsame Prognose der OECD und der Welternährungsorganisation (FAO), werden die USA 13-mal so viel Mais in Ethanol verwandeln wie im Jahr 2000.

Die Biospritproduktion erhöht die Nachfrage nach Agrarprodukten substanziell. In den vergangenen Jahren sei praktisch die gesamte Steigerung der Maisproduktion zu Ethanol verarbeitet worden, kritisiert die Weltbank.

Essen oder tanken - keine vernünftige Alternative.

Knappe Nahrungsmittel zu Treibstoff zu verarbeiten sei schlicht "verrückt", schimpft der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram. "Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Auch Industriemanager wie Branislav Knezevic (43), Deutschland-Chef der Fast-Food-Kette McDonald's, gehen beim Thema "Food for Oil" an die Decke: "Das ist ein riesiges Problem", wettert der Serbe, der seit 2005 das hiesige Geschäft mit Burgern und Pommes frites lenkt. "Biokraftstoffe sind langfristig kein Ersatz für knappes Erdöl", ist Knezevic überzeugt.

Flächenausweitungen und Produktivitätssteigerungen dürften zwar in den kommenden Jahren für leichte Entspannung auf den Agrarmärkten sorgen. Aber die Preise bleiben hoch: Noch 2015, kalkulieren die Weltbank-Experten, wird Mais 55 Prozent mehr kosten als im Jahr 2004, Weizen 57 Prozent mehr, Reis, das Grundnahrungsmittel der Ärmsten, gar 92 Prozent mehr.

Doch die USA und die EU beharren auf ihren überkommenen Biospritkonzepten. Statt den Märkten freien Lauf zu lassen und die Agrorohstoffe verstärkt aus Ländern wie Brasilien zu importieren, wo die Anbaubedingungen günstiger sind, spekulieren sie darauf, dass die Krise irgendwie ohne allzu große Verwerfungen vorbeigeht.

Eine kräftig steigende Nachfrage, die auf ein blockiertes Angebot trifft, dazu politische Manipulationen allerorten - die Lage auf den Ressourcenmärkten lädt Spekulanten an den Finanzmärkten geradezu ein mitzuspielen.

Als einer der Ersten hat Jeffrey Currie die Gelegenheit erkannt. "Seit neun Jahren erzähle ich diese Geschichte", sagt der Leiter der weltweiten Rohstoffanalyse der Investmentbank Goldman Sachs. Da schwingt sowohl Stolz als auch Frust mit. Denn lange wollte kaum einer Curries Story hören.

Grenzenloser Erfindungsreichtum

Immerhin haben Currie und sein Arbeitgeber viel früher als andere Geldhäuser gehandelt. Deshalb ist Goldman Sachs heute auf den Rohstoffmärkten das, was die Bank im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen schon lange ist: Marktführer.

Etwa ein Drittel aller Gelder, die Anleger weltweit im Rohstoffsektor angelegt haben, fließt heute nach Branchenschätzungen in Wertpapiere, die sich am GSCI-Index orientieren, einem 1991 von Goldman Sachs ersonnenen Rohstoffbarometer, das die US-Bank vergangenes Jahr an die Ratingagentur Standard & Poor's weiterreichte.

Aber die Konkurrenz holt auf: Längst mischen viele internationale Banken im lukrativen Rohstoffbusiness mit. Nahezu jedes große Geldhaus unterhält Handelsabteilungen für Energie-, Metall- und Agrarrohstoffe. Die talentiertesten Rohstoffhändler, vor einigen Jahren noch bei Ölkonzernen wie BP und Shell oder bei Metallfirmen wie Heraeus angestellt, sind mittlerweile ins Bankenlager gewechselt. Dort sind ihre Verdienstmöglichkeiten ungleich besser.

Der Erfindungsreichtum der Banker, um ihren Anlegern die Warenmärkte schmackhaft zu machen, kennt kaum Grenzen. Mit Hunderten einzelner Zertifikate ermöglichen die Geldhäuser ihrer Kundschaft, auf die Wertentwicklung von Nickel, Gas, Mais oder Baumwolle zu wetten.

Das Geld wird in Kontrakte investiert, die an den großen Terminbörsen in New York, Chicago und London gehandelt werden. Kurz vor Fälligkeit werden sie regelmäßig verkauft und in neue Papiere umgetauscht - an einer physischen Lieferung von schmierigen Ölfässern oder lebenden Ochsen besteht schließlich kein Interesse.

Jahrelang standen die Warenmärkte im Schatten der großen Aktienbörsen; solange dort die Kurse Jahr für Jahr zweistellig in die Höhe kletterten, kümmerten sich die Investoren kaum um den vermeintlich exotischen Rohstoffsektor. Noch 2001 machten die Anlagen großer Investmentfonds in Rohstoffen gerade mal 15 Milliarden Dollar aus.

Lange her. Heute stecken mehr als 250 Milliarden Dollar allein in den Indexpapieren, die den Rohstoffmarkt abbilden. Weitere 200 Milliarden Dollar werden von Hedgefonds und anderen Geldmanagern gezielt in einzelne Rohstoffe investiert, schätzt Tiberius-Chef Eibl.

Die Finanzakteure, die sich heute an den Rohstoffmärkten abarbeiten, verfolgen dabei höchst unterschiedliche Strategien. Spezialisierte Hedgefonds wie Touradji Capital oder Ospraie Management entsprechen am ehesten dem Anlegertypus, den Politiker gern zum Hauptverantwortlichen der Rohstoffkrise machen wollen: Spekulanten.

Hedgefonds wetten gezielt auf einzelne Rohstoffmärkte. Ihnen ist es egal, ob die Preise steigen oder fallen. Hauptsache, sie bewegen sich - daran verdienen die Fonds. Dass sie die Preisschwankungen an den oft wenig liquiden Märkten verstärken, nehmen die Hedgefondsmanager bewusst in Kauf: Die Wirkung ist Teil ihrer Strategie.

"Die Hausse nährt die Hausse"

Paul Touradji und Dwight Anderson, die Chefs zweier Rohstoff-Hedgefonds, lieferten sich 2006 sogar einen bizarren Kampf auf dem Kupfermarkt. Touradji wettete auf einen Preisanstieg des Metalls, Anderson auf einen Abschwung. Touradji gewann; der Kupferpreis stieg allein in den ersten vier Monaten 2006 um 80 Prozent.

Umgekehrt kann der Einfluss der spekulativen Fonds auch zu kräftigen Einbrüchen führen - wie beim Weizenpreis, dessen Höhenflug in diesem Frühjahr vorerst endete. Verursacht wurde der Absturz durch Hedgefonds, die sich auf anderen Märkten verspekuliert hatten und dringend Bares brauchten.

Viele der großen Hedgefonds wie die von Starmanager Louis Moore Bacon (51) geführte Firma Moore Capital oder der Quantum Endowment Fund des wohl berühmtesten Spekulanten der Welt, George Soros, legen das Geld ihrer Investoren heute mit höchst unterschiedlichen Strategien an den Kapitalmärkten an. Rohstoffe spielen dabei allerdings eine immer wichtigere Rolle. Auf wenig liquiden, fragmentierten Märkten wie jenen für Kupfer oder Weizen sorgen die Geldakrobaten immer wieder für enorme Preissprünge.

Mehr noch als die Hedgefonds bewegen die großen Pensionskassen die Rohstoffmärkte. Riesige Kapitalsammelstellen wie der rund 250 Milliarden Dollar schwere Calpers-Fonds, der die Altersgelder der öffentlichen Angestellten Kaliforniens managt, investieren seit einigen Monaten verstärkt in Zucker, Weizen und Öl. Rund eine Milliarde Dollar haben die in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento ansässigen Rentenverwalter bereits in die Warenterminbörsen gepumpt. Bis 2010 könnten es mehr als sieben Milliarden werden, sagt Calpers-Manager Clark McKinley.

Es ist vor allem das Geld der Pensionskassen wie Calpers, Hermes in London oder ABP in Holland, das die Rohstoffnotierungen auf Höchststände treibt - und immer weitere Anleger anlockt. Rohstoffhändler Eibl fällt dazu die alte Börsianerweisheit ein: "Die Hausse nährt die Hausse."

Aber diese spezielle Hausse schürt auch den Hunger. Und der drängt die Regierungen zum Handeln. Kann man die spekulativen Gelder stoppen? Sollte man sie überhaupt stoppen?

Warenterminmärkte zu schließen, wie Indien das tut, sei keine sinnvolle Strategie, sagt Stefan Tangermann, der Agrardirektor der OECD. Der deutsche Professor vergleicht das Geschehen an den Märkten gern mit einer Blinddarmoperation: "Ab und zu geht auch mal was schief. Deshalb würde man aber doch Blinddarmoperationen nicht verbieten. Schließlich sind sie im Allgemeinen hilfreich." Die Terminmärkte, sagt Tangermann, hätten doch wichtige Funktionen. Dass sie mal übers Ziel hinausschössen, spreche noch nicht per se gegen sie.

Warenterminmärkte wurden einst eingerichtet, um Preisschwankungen für Bauern und andere Akteure auf den Rohstoffmärkten abzufedern. Sie bieten eine Versicherung, etwa gegen wetterbedingte Verwerfungen. Dass die Spekulation an den Finanzmärkten nicht allein an den derzeit überschießenden Preisen schuld ist, zeigen die Entwicklungen bei anderen Rohstoffen, die nicht an Börsen notiert sind; Eisenerz etwa hat sich ebenfalls stark verteuert.

Kaum globale Verantwortung

Auch andere, weniger strikte Regulierungen, die die Spekulation eindämmen sollen, ändern letztlich nichts an den fundamentalen Engpässen, die die Preissteigerungen verursacht haben. "Was wir im Moment sehen, ist Panik - Panik bei den privaten Marktteilnehmern, Panik bei den Regierungen", sagt Tangermann. "Und die ist alles andere als hilfreich."

Statt kurzfristig Hungernden mit Hilfsgeldern beizuspringen und mittelfristig die Engpässe mit einer nachhaltigen Politik zu beheben, setzen die Regierungen auf weitere Marktmanipulationen. Mit desaströsen Folgen. Wichtige Schwellenländer orientieren ihre Agrarpolitik am schlechten Vorbild der EU und der USA - abschotten, subventionieren, ohne Rücksicht auf Verluste.

Ob China, Indien, Pakistan oder Argentinien - sie alle belegen die Ausfuhr von Reis oder Weizen mit Exportzöllen. Als Notfallmaßnahme mag das verständlich sein in Zeiten, da die Armen in den Städten Hunger leiden und die Regierungen Aufstände fürchten. Doch die ansteigende Welle des Agroprotektionismus verschlimmert die globale Nahrungsmittelknappheit noch: Die Preise im Inland sind niedriger als die Weltmarktpreise, sodass die Bauern weniger produzieren, als sie könnten.

Perverse Signale. Eigentlich müsse es jetzt ein koordiniertes Vorgehen der Regierungen geben, drängt Pascal Lamy, der Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO). Die Mitgliedsstaaten, die im Rahmen der Doha-Runde seit fast sieben Jahren ergebnislos über eine Öffnung der Agrarmärkte debattieren, sollten sich endlich bereit erklären, schädliche Subventionen und Zölle abzuschaffen.

So könnten sie "mittelfristig dazu beitragen, Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen, die Preise zu stabilisieren, und Anreize setzen, um die Farmproduktion in vielen Entwicklungsländern zu steigern".

Lamy, der französische Sozialist, hat das Einmaleins der Marktwirtschaft gelernt: Nur bei offenen Märkten kann die Menschheit das meiste aus ihren knappen Ressourcen herausholen. Aber in Krisenzeiten geraten jahrhundertealte Erfahrungen leicht in Vergessenheit.

So verschlimmern die Regierungen die Lage weiter. Statt globale Verantwortung zu übernehmen, reagieren sie in altbekannter Manier: mit Neomerkantilismus und nationalem Egoismus.

Sie alle spekulieren - nämlich darauf, für ihr eigenes Land am meisten herauszuholen. Ein Spiel, bei dem die meisten verlieren werden.

Die Rohstoffzocker: Händler, Spekulanten, Politiker Preistreiberei: Warum Rohstoffe knapp werden

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