Dongguan Vertreibung aus dem Paradies

Warum Zehntausende Fabriken in der Provinz Kanton ihre Werkstore dichtmachen

Vor rund 20 Jahren war Dongguan ein unbedeutendes Fischerdorf im Perlfluss-Delta, rund 70 Kilometer von Hongkong entfernt. Heute ist Dongguan eine gesichtslose Stadt mit sechs, sieben oder acht Millionen Einwohnern - so genau weiß das niemand. Keine Stadt in China verkörpert den industriellen Aufstieg des Landes so wie Dongguan - und vielleicht auch dessen Niedergang.

Der Aufstieg: In den beginnenden 80er Jahren zogen Hongkonger Unternehmer über die Grenze in die benachbarte Provinz Guangdong (Kanton). Die Produktion zu Hause war ihnen zu teuer geworden. Im sich gerade öffnenden China gab es dagegen billige Arbeitskräfte en masse. Kurze Zeit später zogen auch die Taiwaner aus ähnlichen Motiven ins verfeindete Mutterland. Erst waren es Spielwaren, Hemden, andere Kleidungsstücke und Sportschuhe, die Hongkonger und taiwanische Unternehmer für westliche Kunden dort fertigen ließen. Später kamen Elektrogeräte hinzu, und in den 90er Jahren fiel dann die Computerbranche in Guangdong ein und erkor Dongguan zu ihrem Produktionszentrum.

Alles rund um den Computer wurde in Dongguan produziert: Bildschirme, Mäuse, Tastaturen. Eine Firma zog die andere nach - und so entstand in Dongguan ein Cluster für die globale Computerbranche.

Billige Arbeitskräfte, meist junge Mädchen, standen millionenfach zur Verfügung. Sie kamen aus den ärmeren Provinzen Chinas. Sie arbeiteten sechs Tage die Woche und hausten zu sechst oder gar zu zwölft in engen Schlaf- und Wohnsälen. Als Lohn bekamen sie 60 bis 80 Euro im Monat. Selten wurde das Salär erhöht, weil es jederzeit genug Nachschub aus dem Hinterland gab.

Der Niedergang: Doch seit ein, zwei Jahren bleibt der Zustrom aus, weil es den Wanderarbeitern zu Hause im ländlichen China inzwischen besser geht. Die Folge: ein Mangel an Arbeitskräften, der die Lohnkosten nach oben treibt. Inzwischen bekommt ein Arbeiter im Schnitt 120 Euro pro Monat. Zudem führte die Provinzregierung ein soziales Sicherungssystem ein, in das die Arbeitgeber rund 20 Prozent der Lohnsumme einzahlen müssen.

Addiert man die steigenden Energiekosten, die höheren Rohstoffpreise und die Verteuerung des Exports durch die Aufwertung des Yuan gegenüber dem Dollar dazu, kommt man zu dem ernüchternden Ergebnis: "Das Exportparadies Perlfluss-Delta hat seinen Glanz verloren", sagt Jürgen Kracht, Chef der Hongkonger Unternehmensberatung Fiducia.

Viele Unternehmen flüchten deshalb aus dem einstigen Paradies. Rund 10.000 Firmen haben ihre Fabriktore nach dem chinesischen Neujahrsfest im Februar geschlossen. Weitere werden folgen. Analyst Dong Tao von Credit Suisse schätzt, dass in den nächsten drei Jahren jedes dritte Unternehmen in der Provinz Guangdong schließen wird.

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