Was macht eigentlich Michael Schirner?

Michael Schirners Arbeiten für IBM und Marken wie Pfanni und Creme 21 prägten den Werbestil einer ganzen Generation. Heute genießt der "Beuys der deutschen Reklame" das Leben in der Berliner Kunstszene.
Von Klaus Boldt

Bolzengerade in die Höhe sprang der Bekanntheitsgrad des Künstlers und Ästheten und Werbemannes Michael Schirner, als er 1981 die für damalige Verhältnisse erstaunliche Feststellung traf: Werbung sei Kunst. Alle hatten gedacht, Werbung sei Reklame. Insofern wunderte man sich über diesen neuen Gesichtspunkt.

Auch die Texter und Grafiker in den Agenturen staunten und stellten, von frischem Selbstbewusstsein umzüngelt, immer waghalsigere Experimente an, um Schirners These zu beweisen und um die der Reklame innewohnenden Kräfte, die dieser entfesselt hatte, zu nutzen, so wie man heute Licht zum Heizen nutzt: Sie wollten ihr Publikum von nun an besser, klüger, ja überhaupt unterhalten.

Schirners Einfluss auf die Seelen seiner Standeskollegen war so groß, weil er nicht nur theoretisiert, sondern auch praktiziert hat - eine bis dahin unbekannte schlichte Eleganz, deren größte Zierde das Weglassen war: Auf eine leere weiße Doppelseite setzte Schirner das Wort "schreIBMaschine". Minimalismen wie diese versetzten die Leute in Raserei.

Viele der Branchenbesten, Leute wie Reinhard Springer oder Konstantin Jacoby, haben in der von dem Charismatiker geführten Werbefirma GGK ihre Technik vervollkommnet. Schirner selbst wandte seine Aufmerksamkeit in späteren Jahren wieder verstärkt den Künsten zu. Jetzt ist er 66, aber viel verändert hat er sich nicht: Immer noch umweht ihn diese gewisse Leichtlebigkeit.

Er lehrt Grafik- und Kommunikationsdesign an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung und arbeitet mit seinem in Düsseldorf ansässigen Institut für Kunst und Medien für ein paar Kunden, nichts Großes. "Früher habe ich zu 80 Prozent Werbung gemacht und zu 20 Prozent Kunst. Jetzt ist es umgekehrt", sagt er auf freundliche Art und Weise und in fein geschnittenen, kleinen Sätzen.

"Beuys der deutschen Reklame"

Schirner, der sich zuletzt um die Ausstellung seiner "Corrected Pictures" (Fotokreationen aus seinem Atelier in Peking) gekümmert hat und um eine Performance mit dem Künstler Jonathan Meese, ist auch Gastprofessor an der Central Academy of Fine Arts in Peking.

Er mag China: gutes Essen, gute Landschaft, gute Chinesen. Seine Partnerin ist Kexin Zang, Fotokünstlerin, Chinesin, 29 Jahre alt.

Kennengelernt haben sie sich an der Hochschule in Karlsruhe. Auch kein Zufall so was. Mitte 2009 siedelt sich Schirner in Berlin an: um "näher an der Kunstszene" und den "Freunden und Kollegen" zu sein: "In der Auguststraße, wo die meisten Galerien sind, habe ich mir etwas gekauft." Weiterhin bemüht sich der große Reduzierer darum, das "Unsichtbare sichtbar" zu machen: was eine Frage der "richtigen ästhetischen Methode" sei.


Zur Person: Michael Schirner

Der gebürtige Chemnitzer Michael Schirner studierte Kunst und Ästhetik, führte von1974 bis 1984 die weithin legendäre Werbefirma GGK in Düsseldorf.

1981 hatte Schirner Anzeigen und Plakate in einer Düsseldorfer Galerie ausgestellt ("Werbung als Kunst", im Bild oben links mit dem Besucher Joseph Beuys) und war zum Idol der neuen deutschen Werbung geworden. Seine Arbeiten für IBM und Marken wie Pfanni und Creme 21 prägten den Werbestil einer ganzen Generation.

Der "Beuys der deutschen Reklame", später mit eigener Agentur selbstständig, hat sich einen Namen gemacht als Maler, Konzept- und Videokünstler. Schirner ist Ehrenmitglied des deutschen Art Directors Club.