Mittwoch, 19. Juni 2019

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

8. Teil: Wenig ambitionierter Student

Michael Treichl hat das Anwesen samt Ländereien 2001 gekauft. Und es zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht, Ausflüge ins Londoner Domizil eingeschlossen. Eine Bilderbuchwelt, in der Jagdhunde umherwedeln und Kinder lachen und lärmen. Die Dame des Hauses, sehr schön, sehr sportlich, kommt zum Tee vorm Kamin. Sie hat sich gerade im Dampfbad erfrischt: Die Jagd am Morgen war anstrengend.

Kaderschmiede: Michael Treichl wurde erst an der Harvard Business School zum intensiv arbeitenden Investmentbanker

Gäste empfängt Treichl in der Halle, in der während des Zweiten Weltkriegs Mitglieder des 16. Infanterieregiments der U. S. Army Pläne für den D-Day ausgearbeitet haben, im Oak-Room dinierte einst Eisenhower. Den Tee serviert ein Butler, der Blick aus den Fenstern fällt auf leuchtend gelb blühende Narzissenfelder. An den Wänden hängen alte Meister des 18. und Gemälde des 19. Jahrhunderts, Geerbtes und Gesammeltes. Bequeme Polster, rustikale Stoffe, es herrscht das, was der Engländer Sir Rocco Forte "lässigen Luxus" nennt, und dies in seinen Hotels in dieser Vollendung doch nie erreicht.

Michael war, wie der Vater sagt, "vorsichtig ausgedrückt, ein wenig ambitionierter Student", aber nach der Harvard Business School ein intensiv arbeitender Investmentbanker. Mittlerweile, der Butler gießt Tee nach, ist Michael endlich sein eigener Herr. Aus dem Junggesellen ist ein Familienvater geworden. Ein bisschen scheint er selbst darüber zu staunen.

Vor dem Kamin liegt ein prachtvoller Eisbär, nur Kopf und Fell - wie der Tiger bei "Dinner for One". In einem der Gästezimmer stolpert man über das Haupt einer Löwin. Alles Treichl-Opfer; das gehört zum aristokratischen Leben, "einer meiner Großonkel hat 40 Tiger geschossen", bemerkt Michael, ihn selbst reize höchstens noch ein Grizzly: "Das Abenteuer - es ist ja nicht ganz ungefährlich." Da spürt er dann wohl Emotion.

Leben wir in einer goldenen Epoche? Einem zweiten gilded age? Vergleichbar der Gründerzeit, in der die Rockefellers, Carnegies und Vanderbilts wurden, was sie sind?

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"In den letzten 20 Jahren sind enorme Vermögensmassen geschaffen worden", antwortet Treichl. Reiche Inder, Malayen, Russen habe es immer schon gegeben, "aber was in China passiert, das ist enorm."- Und der Verfall der Sitten? Wir gehen zu einer Palme, gut fünf Meter hoch, die dank des milden Klimas auf dem Grundstück gedeiht. "In der Idealform des Kapitalismus gibt es keine Gegensätze zwischen Arbeit und Kapital", meint Treichl, "weil alle dasselbe wollen: die Wertsteigerung des Unternehmens. Damit mehr Geld für jeden Einzelnen." Mitarbeiter müssten direkt am Erfolg des Unternehmens beteiligt sein, dann funktioniere das System. "Dazu gehört, dass die Unterschiede nicht zu krass werden; und dass die Gewinner zurückgeben. In der angloamerikanischen Welt funktioniert das besser als bei uns."

Was beunruhige, sagt er mit Blick auf den Palmenwipfel, dass man immer noch nicht wisse, wie groß das schwarze Loch sei, das die Finanzmarktkrise aufgerissen habe. 900 Milliarden Dollar? Oder gar noch mehr? Jetzt sei der Gesetzgeber gefordert, die Grundsätze für Kredit-Ratings zu überprüfen. Aber geredet hat er dann nicht von den Verlierern, sondern von den Gewinnern der Krise.

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