Montag, 26. August 2019

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

6. Teil: "Demnächst heiliggesprochen"

Treichl holt selbst ab. Er wirkt abgespannt, graugesichtig. Für ihn ist es kein guter Tag. Ein schwarzer Freitag. "Es ist ein Blutbad", sagt er mit schiefem Lächeln. "Es ist fürchterlich." Die Flure vor seinem Büro haben den Charme einer bulgarischen Außenhandelsbank. Sein Zimmer wirkt, als sei man dort nicht beim Chef, sondern einem Abteilungsleiter gelandet. Offensichtlich hat hier Ehefrau "Desi", ehemals Mitarbeiterin bei "Männer-Vogue", heute Herausgeberin des Lifestyle-Magazins "Home", noch nicht wirken dürfen.

Er setzt sich, den Blick zum Fernseher gerichtet, und zuckt zusammen ... aah! ..., als trete ihm jemand in den Bauch. Zwar habe die "Erste" die Hände vom Subprime-Geschäft gelassen - "wir machen nur Sachen, die wir überblicken" -, aber dennoch fällt unaufhörlich der Kurs. "Entsetzlich", stöhnt Treichl auf, " ... der Vertrauensverlust ist enorm!" - Aber sind dies nicht virtuelle Verluste? - Natürlich, bald könne alles schon wieder ganz anders aussehen, antwortet er lahm und schaut zum Monitor wie ein Mann, dem man gerade die Brieftasche geklaut hat. Und da ist alles da, was Bruder Michael im Tagesgeschäft als störend empfindet. Mit einem Wort: Leidenschaft.

Erst als wir anmerken, dass Bankchefs gemeinhin in würdigeren Hallen angetroffen werden, freut er sich ein bisschen: "Dieses grauenhafte pompöse Gehabe." Er lehne das bewusst ab. Und auch seine jungen Mitarbeiter befleißigten sich größter Bescheidenheit. "Wir wollen keine schönen Büros."

"Für Treichl wächst die Gefahr, von der Öffentlichkeit demnächst heiliggesprochen zu werden", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Die auf ihn geschriebenen Hymnen häufen sich, Deutschbanker Ackermann kann von vergleichbarem Medienecho nur träumen. Treichl zeige, dass ein gern Klavier spielender, nie mit einem Glas schlechten Rotweins anzutreffender und durchaus glamouröser Banker "die soziale Dimension nicht verliert", meinte zum Beispiel Hans Rauscher, einer der kritischen Kolumnisten Wiens. Der Sparkassenchef sei eben kein kaltschnäuziger Neoliberaler, der seinen Wert daran messe, wie viele Leute er zum Wohl des Aktienkurses gefeuert habe.

Treichl gilt als Gutbanker, in Anlehnung an das Wort vom Gutmenschen. Eine Bezeichnung, gegen die er sich mit Händen und Füßen wehrt. Dankbar müsse man nicht ihm, sondern den Gründern der Stiftung der Ersten Bank sein, mit gut 30 Prozent Hauptaktionärin der Sparkasse. "Diesen Stiftungsauftrag habe ich zu erfüllen." Tatsächlich aber hat Treichl erkannt, was für ein Pfund er mit der Stiftung in der Hand hält. "Wirklich sympathische Institutionen sind Banken ja nicht."Mit der Symbiose aus Bank und Stiftung aber könne sich die Erste positiv von ihren Konkurrenten abheben. "Und erreichen, dass Kunden und Mitarbeiter wirklich gern bei unserer Bank sind."

Mit dem Geld der Stiftung wurde die "Zweite Wiener Vereins-Sparcasse" gegründet, kurz die "Zweite" genannt, die sich der Verlierer des Systems annimmt, nämlich Kunden kostenlose Girokonten anbietet, die bei anderen Banken bereits durch den Rost gefallen sind. Die Stiftung hat für dieses Projekt 5,8 Millionen Euro bereitgestellt, Pensionäre und Mitarbeiter helfen ehrenamtlich bei der Beratung.

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"Ich glaube fest daran, dass in jedem Menschen die Sehnsucht steckt, mit seiner Tätigkeit auch etwas Sinnvolles, Soziales zu verbinden", meint Treichl, der da wohl auch für sich selbst spricht, denn er sagt an anderer Stelle: "Für mich ist die Stiftung von Warren Buffett und Bill Gates eines der motivierendsten Ereignisse der letzten 50 Jahre." Ein Kassierer, der täglich Dollar-Scheine gegen Euro tausche und wisse, dass von jeder Gebühr 30 Prozent in eine Stiftung flössen, der arbeite einfach motivierter. Treichl, bestimmt: "Und das merken wir auch."

Vater Heinrich war es mit der Creditanstalt als Erstem gelungen, eine Repräsentanz im kommunistischen Ostblock, in Budapest, zu eröffnen. Jetzt hat Sohn Andreas die Expansion der Ersten in Osteuropa zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. Wie man hört, hat der Bankchef inzwischen sogar Rumänisch und Tschechisch gebüffelt und kann sich mit seinen Filialleitern verständigen. Der Markt zwischen Bodensee und Schwarzem Meer umfasst nahezu 120 Millionen Menschen. Drei Viertel des Gewinns kommen inzwischen aus dem Ostgeschäft. 20 Millionen Kunden seien das Ziel.

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