Donnerstag, 20. Juni 2019

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

5. Teil: "Sonnyboy ohne Durchsetzungsvermögen"

Ist er der Böse im Stück? Ein Investor wie Treichl denkt in anderen Kategorien. "Wenn Pirelli Conti kaufen will und Conti das nicht will, wer ist da der Gute, wer der Böse?"

Design und Lifestyle: Desirée Treichl-Stürgkh wird von der Wiener Gesellschaft umschwärmt

Michael Treichl ist der personifizierte Global Player. Die Grenzen zwischen den europäischen Unternehmen hätten sich in den vergangenen zehn Jahren völlig verwischt. "Es gibt kein deutsches Modell, wenn man die Fakten zusammenzählt - höchstens im Selbstverständnis der Medien." Und er spricht von seinen "unternehmerischen Phasen" (mit Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel) und von seinen "Engagements" - was auffällt: ohne jede Emotion. "Ich empfinde keine Leidenschaft für Unternehmen, in die ich investiere", sagt er knapp. Das gehöre zum Job, "dass man schon beim Einstieg Überlegungen anstellt: Wie komme ich da wieder raus?"

Eine Heuschrecke mag man ihn dennoch nicht nennen. Heuschrecken fressen ungebremst. Das würde ihm nicht passieren. Er sagt Sätze wie: "Jeder gewinnt gern." Aber er bleibt sachlich, faktenbestimmt. "Private Equity, so wie ich es verstehe, wird ein Unternehmen nicht ausbeinen, sondern seinen Wert steigern, um es besser zu verkaufen. Das heißt: Man muss auch langfristige Strategien verfolgen." Aber bloß kein Gefühl. "Zu passioniert im Investmentgeschäft darf man nicht werden. Steigert man sich zu sehr hinein, trifft man nicht die richtigen Entscheidungen."

Sie sind das ungekrönte Königspaar der Wiener Gesellschaft, Andreas Treichl, der Sparkassenchef, und seine Ehefrau Desirée, geborene Gräfin Stürgkh. Dazu gehört, dass sie das natürlich unter keinen Umständen sein mögen, aber sie sitzen auf diesem Thron, ob nun gewollt oder nicht. Wie besonders dieses Paar ist, merkt man erst beim Rundumblick in der Berliner Republik. Wo gäbe es Vergleichbares? Paare mit so viel Stil, Glamour, Tradition? Nein, die Wiener Treichls sind konkurrenzlos, das gilt es festzustellen, neidfrei.

Andreas Treichl, geboren 1952 in Wien. Der Volkswirt holte sich den Feinschliff bei diversen New Yorker Großbanken (Citibank, Morgan Stanley, Chase Manhattan). Ging aber nach Stippvisiten in Brüssel und Athen 1983 zurück nach Wien - zur Ersten Bank, dem Spitzeninstitut der österreichischen Sparkassen. Als er 1997 deren Leitung übernahm, hatte die Bank 3600 Mitarbeiter, rund eine Milliarde Euro Wert. Treichls Leistung ist der Expansionsfeldzug der Bank nach Osteuropa, sein gewagtester Coup im Hinblick auf Preis und die geteilte Re-aktion der Branche ("Genie oder Wahnsinn") war die Übernahme des rumänischen Marktführers Banca Comerciala Romana für 3,75 Milliarden Euro (die Deutsche Bank war mit einem Angebot von 2,2 Milliarden Euro ausgestiegen). Für das Jahr 2007 legte die Bank bei heute 52 000 Mitarbeitern erneut brillante Ergebnisse vor. Demnach stieg der Jahresüberschuss um 26 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis betrug 2,55 Milliarden Euro (plus 27,2 Prozent).

Der Andreas sei halt nicht nur ein guter Banker, sagt Graf Clary, Chef des futuristischen "Do & Co Hotels", des "Käfers" von Wien direkt am Stephansdom, sondern eben auch ein ungemein liebenswerter Zeitgenosse, sinnlich und genussfreudig. Ein kontrollierter Renaissance-Mensch sozusagen. Feinde stilisierten ihn zum Leichtfuß, "ein begnadet begabter Bursche", kommentierten sie, aber für große Aufgaben zu verspielt. "Ein Sonnyboy ohne das nötige Durchsetzungsvermögen."

Heute spielt er eine Rolle in Wien, die man nur mit der von Alfred Herrhausen in Frankfurt vergleichen kann (dem einst seine Eleganz und Parkettsicherheit ebenfalls nicht nur zum Vorteil gereichten): politisch im Hintergrund agierend, dabei eloquent und visionär.

In der Nachbarschaft des Hauptsitzes der Ersten Bank liegt die Kirche St. Peter in voller Pracht. Im nahen Trendrestaurant "Fabios" (an dem Treichl privat beteiligt ist), feiern Geschäftsleute in der Bar mit viel Champagner einen Abschluss. Wien strahlt wie in alten Zeiten - die ganze Stadt profitiert vom Aufschwung Ost.

© manager magazin 5/2008
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