Dienstag, 20. August 2019

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

4. Teil: "Konkurrenz zwischen Brüdern"

Und irgendwie ist auch Wolfgang, Heinrichs nur 20 Monate jüngerer Bruder, immer präsent. Ein musischer junger Mann, dann ein zum Äußersten entschlossener Gegner des Nationalsozialismus. Er fiel, als Fallschirmspringer in britischer Uniform, 1944 beim Absprung bei Tolmezzo nahe der österreichischen Grenze, 29 Jahre alt.

Heinrich Treichl empfindet den Tod des Jüngeren bis heute als Amputation; geblieben ist auch die Frage, ob man nicht selbst zu wenig gewagt hat, "ich sehe das Fragwürdige des Überlebens". Zu Ehren des Bruders hat die Familie eine Kapelle gebaut und ein Buch mit dessen Briefen und Gedichten herausgegeben, Hilde Spiel, die große alte Dame der österreichischen Literatur, nannte es ein "unsäglich erschütterndes Zeitdokument", und dennoch findet Treichl den Tod des Bruders nicht genügend gewürdigt. "Kaum ein Stein, kaum eine Tafel erinnert an die Menschen, die für die Befreiung Österreichs starben."

Michael Treichl, 1950 in Wien geboren, arbeitete nach Jurastudium und Harvard Business School als Investmentbanker bei besten Adressen, von Credit Suisse First Boston, Lazard Frères bis Merrill Lynch. 1998 gründete er mit Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel eine Beteiligungsberatung. Ende 2004 hat Treichl mit einem südafrikanischen Partner, Julian Treger, den Hedgefonds Audley Capital aufgelegt. Und beteiligt sich als Minderheitsaktionär an börsennotierten Firmen. Am deutschen Handyausrüster Balda hält Audley 10 Prozent. Trotz des Verfalls des Aktienkurses wird man vorerst nicht aussteigen. 2006 hat Audley Capital laut Treichl eine Rendite von 34 Prozent, 2007 von 17 Prozent erwirtschaftet. Anfang dieses Jahres habe man zwar 8 Prozent verloren, im Februar aber bereits wieder 17 Prozent zugelegt.

Beide Söhne sind von diesen Vorbildern geprägt. Und könnten dabei nicht unterschiedlicher sein. Michael, lange Junggeselle, sei ein Einzelgänger, Einzelkämpfer. Der Vater sagt über ihn: "Er ist Österreicher geblieben, wäre aber beruflich in Österreich kaum vorstellbar." Andreas, der zwei Jahre jüngere, war immer gruppenorientiert, Anführer im Gymnasium, im Chor und bei den Ministranten. "Ein begnadeter Motivator, der die Energien von Mitarbeitern zu bündeln und zu leiten versteht."

Wir treffen Michael Treichl ein erstes Mal in München, beim Frühstück im "Mandarin Oriental", einen auf den ersten Blick eher unauffälligen Mann, schlank, leise, zurückhaltend, mit überraschend ausdrucksvollen Augen. Er hat sein Sportprogramm bereits hinter sich, mal macht er Aerobic, mal mehr Gewichtheben, er möchte fit bleiben für Tennis, Reiten, seine halsbrecherischen Heli-Skitouren in Kanada und natürlich: für die Jagd. "Wir jagen seit Generationen", sagt er, "der Vater hat in seinem Leben sicher schon Hunderte von Gamsböcken geschossen." - Und er? - "In England alles, was fliegt; in Schottland Hirsche."

Auch sprachlich hat er Österreich abgestreift, er redet, wenn er mag, Hochdeutsch ohne jede Dialektfärbung. "Natürlich gibt es Konkurrenz zwischen Brüdern", meint er nach einer Pause. Er habe aber nie den Druck des Wettbewerbs gespürt, weil er das Land früh verlassen und seine Karriere im angelsächsischen Bereich gemacht habe. "Und da tritt dann doch recht schnell der Effekt ein", sagt er fein, "dass man Österreich und Wien als relativ überschaubar empfindet."

Das neue manager magazin

Titel
Die Jagd auf Wiedeking
Der Ex-Porsche-Chef in den Fängen der Justiz

Von seinem Bruder aber spricht er dann mit auffallender Wärme. "Andreas möchte in der Gesellschaft Einfluss haben, mitgestalten, eine Spur hinterlassen. Das ist mir weniger wichtig." Oft klingt Bewunderung durch. "Sie müssen seine künstlerische Seite beleuchten", sagt er, "das hat er von unserer Mutter. Er schreibt bis heute Gedichte." Auch setze sich Andreas, der Jazzliebhaber, ans Klavier und improvisiere jede gewünschte Melodie. Und ein begnadeter Weinkenner sei er noch dazu: "Wenn Sie ihm drei Gläser unterschiedlichen Bordeaux hinstellen, nennt er Ihnen den Jahrgang." Er zerteilt sorgfältig sein Spiegelei und fragt: "Ist das nicht bemerkenswert? Mein Bruder könnte sich auch als Barpianist durchschlagen." Er setzt die Kaffeetasse ab und grinst. "Bei mir reichte es gerade zum Jagdgehilfen."

Michael Treichl kann gelassen loben. Die 4,4 Millionen Euro, die sein Bruder als höchstbezahlter Bankmanager Österreichs im Jahr bekommt, gelten in Londoner Finanzkreisen als Peanuts. Michael hat ordentlich Geld verdient. Auch als Spezialist für feindliche Übernahmen.

© manager magazin 5/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung