Freitag, 23. August 2019

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

3. Teil: Verhandlungen mit Ullstein und Bucerius

Im Alter von 90 Jahren hat Heinrich Treichl noch seine Erinnerungen aufgezeichnet, und entstanden ist ein scharfsinniges, analytisches, dabei wunderbar farbiges Buch. Der Bub erlebt, wie die Eltern, um eine Insolvenz der Biedermann Bank abzuwenden - der Vater war dort Geschäftsführender Verwaltungsrat -, ihr Privatvermögen opferten: "der Vater ganz, die Mutter fast ganz". Der Vater habe einige Tage lang selbst an einem der Schalter der Bank gesessen, um Einleger auszuzahlen. Und der alte Heinrich meint heute: "Ohne ein vergleichbares verantwortungsbewusstes Verhalten ist eine kapitalistische Gesellschaft gar nicht akzeptabel."

für mm 05/2008 Seite 194

Als junger Mann muss er Marie von Ferstel, die Großmutter, zu einer Untersuchung in das Anthropologische Institut der Universität Wien begleiten. Um den "Längenbreitenindex des Schädels" zu vermessen. Der Dozent war höflich routiniert, so als gelte es, die Alterssichtigkeit zu bestimmen. Es waren aber die Ungeheuerlichkeiten der Nürnberger Gesetze, die die alte Frau zu dieser Erhebung zwangen. Treichl erinnert: "Ein Hutmacher hätte auch nicht viel anders Maß genommen. Aber die Alternative hieß hier - Auschwitz." Die Treichls wurden für "deutschblütig" erklärt, durften jedoch nicht in die Partei. Wir haben das, sagt Heinrich, gern hingenommen.

Nach dem Krieg holte ihn der Schwiegervater als Geschäftsführenden Gesellschafter in den Ullstein Verlag Wien. Helga Treichl war eine Ullstein-Enkelin. Und Heinrich wäre beinahe Verleger geworden - in Deutschland. Zwischen Rudolf Ullstein, Treichl und dem Verleger Gerd Bucerius war es zu freundschaftlichen Beziehungen gekommen. Und man kam überein, dass Bucerius seine Verlagsobjekte, die defizitäre "Zeit" und seine Anteile am "Stern", gegen einen entsprechenden Aktienanteil in den Berliner Ullstein Verlag einbringen sollte; daneben liefen Verhandlungen mit der britischen Besatzungsmacht über die Weitergabe von Zeitungen.

Ein Jahr wurde diskutiert, begutachtet, bewertet, dann schien klar: Ullstein würde mit einem Schlag das führende deutsche Pressehaus: Mit "Die Welt", "Welt am Sonntag", "Stern" und "Zeit". Statt der in Wien mit Spannung erwarteten Vollzugsmeldung aber kam ein Fernschreiben von Karl Ullstein aus Hamburg: "Konnte mich nicht entschließen. Habe soeben Herrn Springer gratuliert."

Springer habe aus dem Verlag weit mehr gemacht, als es den Ullsteins jemals gelungen wäre, meint Treichl heute, der diese Episode gern erzählt, weil sie seiner Meinung nach in der Geschichtsschreibung des Hauses Springer nicht richtig wiedergegeben werde. "Springer war ja ein hoch talentierter Mann." Er lächelt: "Das ließ seine aufgesetzten, in Wahrheit sehr deutschen Allüren des Weltmanns verzeihen."

Nichts Schöneres, als in der Salmgasse am Mittagstisch zu sitzen. Wenn die Haushälterin Tafelspitz reicht und der alte Treichl Anekdoten serviert. Vom alten Linksliberalen Kreisky, der am Ende am liebsten mit den Rothschilds oder Frau von Karajan (damals noch Anita, geborene Gütermann) speiste. Oder vom jungen, ehrgeizigen Hannes Androsch. Und dessen spürbarem Bestreben, weltmännisch zu wirken, als Ersatz für das nicht Angeborene oder Anerzogene - fast meint man, Treichl erzählte über Ex-Kanzler Gerhard Schröders erste Gehversuche in rahmengenähtem Schuhwerk. Heute trifft sich Treichl mit Androsch - "der hat inzwischen ein riesiges Vermögen gemacht" - regelmäßig zum Mittagessen. Verstehe einer Wien.

Am Tisch beim alten Treichl ist gedanklich immer auch Helga dabei, seine verstorbene Frau. Sie war der Mittelpunkt seines Lebens. Die talentierte Fechterin und Dressurreiterin arbeitete als Übersetzerin, keine dilettierende Dame der Oberschicht, sondern respektierte Sprachschöpferin. Und sie war bis zuletzt karitativ engagiert, hat MS-Kranke gepflegt, gewaschen, den Haushalt besorgt. Zu Helgas Tod schrieb Andreas ein anrührendes Gedicht. Und Michael sagte irgendwann: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke."

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