Montag, 24. Juni 2019

Porträt Die fabelhafte Welt der Treichls

2. Teil: Ungeschriebene Dos and Don'ts

In diesem vierten Österreich galt Treichl, Generaldirektor der Creditanstalt, als mächtiger Mann. "Ich hätte es vorgezogen, man hätte die große Aufgabe und die Verantwortung gesehen. Ich bin gegen Macht in der Wirtschaft." Treichl war und ist ein Liberaler im klassischen angelsächsischen Sinn. Kein Manchester-, ein Ordoliberaler, der schon lange bevor die Krise und der Vertrauensschwund bei Banken die öffentliche Diskussion bestimmten, die Ansicht vertrat, der Staat habe Rahmenbedingungen vorzugeben und bei Auswüchsen einzuschreiten.

Heinrich Treichl, geboren 1913 in Wien. Nach dem Jurastudium Devisenhändler in der Pariser Banque des Pays de L'Europe Centrale (1936); 1937 Eintritt bei der Mercur-Bank in Wien, nach 1945 Verlagsleiter von Ullstein Wien; 1958 Eintritt in die Creditanstalt (CA), von 1970 bis 1981 deren Generaldirektor. Unter Treichl entwickelte sich die Creditanstalt zu einer international renommierten Bank, die dann nach allen Regeln politischer Ranküne von der Bank Austria (BA) geschluckt wurde. 1974 bis 1999 war Treichl Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Noch im Alter von 90 Jahren schrieb er seine Erinnerungen: "Fast ein Jahrhundert", Paul Zsolnay Verlag, Wien.

Er sagt: "Die Finanzbranche ist Moden unterworfen. Plötzlich machten alle dasselbe, das konnte ja nur in eine Katastrophe führen" - Aber war es nicht vielmehr Gier? - "Aber die Gier ist doch Teil der menschlichen Natur! Einer unserer Hauptantriebe. Ohne Gier würden wir uns nicht mal reproduzieren." Nicht die Gier solle man bekämpfen, das ginge ohnedies nicht, sondern ordentliche Rahmenbedingungen etablieren. "Ohne die kann der Kapitalismus nicht unangefochten weiterexistieren." - Und die Gambler in den Banken? - "Schrecklich! Ich vermute, die Überwachungssysteme sind nicht sehr gut."

Wir sitzen auf den alten Lederfauteuils in der kenntnisreich bestückten Bibliothek. Und das Leben seiner Mutter, Baronesse Ferstel, Enkelin des Erbauers der Votivkirche, Freiherr von Ferstel, zieht vorbei. Die Vorfahren des Vaters, Bauern vom Wolfganghof in Leogang, treten auf, einfach, bürgerlich. Natürlich führten Heinrichs Eltern einen Salon. Da kamen Ökonomen wie Schumpeter vorbei, Industrielle, Sängerinnen und Minister, Militärs, Beamte und Journalisten. Nur die Großspekulanten der Ersten Republik waren nicht "reçu". "Ein krasserer Gegensatz zwischen dieser Gesellschaft und dem heutigen Promi-Auftrieb", sagt Treichl, "lässt sich kaum denken."

Wenn er "Das weite Land" von Schnitzler auf der Bühne sieht, hat er die Sommer auf den Landsitzen der Großeltern vor Augen. Die heile Brühler Gartenwelt. Die Älteren spielten Whist oder gingen auf die Jagd, die Kinder übten Theaterszenen aus "Der Widerspenstigen Zähmung". Oder sie spielten mit Tanten und Cousinen auf dem Rasen Krocket. Endlose Sommer, in denen nichts geschah und die Zeit stehen blieb.

Aber diese Welt war nicht mehr heil, die Erwachsenen wussten das. Österreich-Ungarn, das für sie Österreich war, gab es nicht mehr. Neben den Klassikern standen in der Bibliothek viele Jahrgänge der "Fackel" von Karl Kraus in kräftigem Rot "und ließen keinen Zweifel daran, dass diese heile Welt bereits untergegangen war".

Das neue manager magazin

Titel
Die Jagd auf Wiedeking
Der Ex-Porsche-Chef in den Fängen der Justiz

In diesem Spannungsfeld zwischen der gediegenen Opulenz der mütterlichen Vorfahren und der bäuerlichen Herkunft der väterlichen Seite bewegen sich die Treichls bis heute. Michael, der Londoner Investmentbanker und Multimillionär, zelebriert wieder den Lebensstil der Aristokraten; Andreas Treichl, der Sparkassenchef, eingebunden in die enge Wiener Gesellschaft, grummelt dagegen: "Was mir so auf die Nerven geht, ist dieses ewige Gerede von den Ferstels und Thorschs ... Wir heißen Treichl! Und die Treichls waren Bauern! Und ich bin ein Treichl!" Darauf Michael, gelassen: "Unsere Familiengeschichte ist ja relativ bunt, da kann sich jeder heraussuchen, was ihm passt, den Bauern oder den Großbürger."

Aber die ungeschriebenen Dos and Don'ts dieser Gesellschaft, die haben beide noch, Andreas wie Michael, mit der Muttermilch aufgesogen. Je egalitärer die Gesellschaft, desto unerbittlicher die Abgrenzungen. "Protzen ist eine von den ärgsten Sachen, das brachte man uns frühzeitig bei", sagt Heinrich, der Vater. Auch das Benehmen gegenüber Hausangestellten - das Wort Dienstboten war verpönt - wurde streng überwacht. Man hatte besonders freundlich zu sein; nur sehr gewöhnliche Leute behandeln ihre Angestellten unfreundlich.

© manager magazin 5/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung