Biotech Kampf ums Korn

Die Saatgutmultis stehen permanent am Pranger, weil ihre genveränderten Produkte angeblich die Artenvielfalt auf unserem Planeten bedrohen. Aber wie sonst soll man die ständig wachsende Menschheit künftig satt bekommen?

Die vornehmste Aufgabe eines Umweltschützers ist das Sorgenmachen: um das Klima und die Krötenwanderung, um die Weltmeere und die Feuchtbiotope, um Berg und Tal und Flur und Feld. Denn erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Heuler gehäutet, werdet ihr merken, dass ...

Doch diesmal geht's nicht um Sattel- und Klappmützenrobben, nicht um den Wachtelkönig und auch nicht um die Kleine Hufeisennase. Diesmal geht's ums große Ganze: um den Zugriff auf den globalen Genpool, um die Verfügungsgewalt über das gesamte Erbgut, "um die Schatztruhe des Lebens", wie Ulrike Brendel von Greenpeace Deutschland blumig formuliert.

Das sehen die Vereinten Nationen ähnlich: Weil die biologische Vielfalt ("Biodiversity") - eine zentrale Ressource der Menschheit - bedroht ist, kamen im Mai 190 Mitgliedstaaten in Bonn zu einer Konferenz für Artenschutz zusammen.

Dort wurde eine Konvention auf den Weg gebracht werden, die große Ziele verfolgt: das Artensterben bremsen, die Nahrungsmittelversorgung der immer noch wachsenden Menschheit verbessern und den Klimawandel bekämpfen.

Am Pranger standen auch dort - wie so oft im Konfliktfeld zwischen Ökologie und Ökonomie - eine Handvoll internationaler Konzerne. Das Geschäftsmodell der großen Saatguthersteller wie Monsanto, Syngenta oder Bayer Crop Science vernichte Arten und Existenzen, lautet der Vorwurf. Die Gewinnmaximierer in den Chefetagen minimierten mit ihren Pflanzenmutationen die Überlebenschancen des Planeten.

"Microsoft auf dem Acker"

Doch haben sich die Artenschützer hier die richtigen Gegner ausgesucht? Gefährdet Big Agro wirklich die biologische Vielfalt auf den Äckern der Welt? Oder bietet die grüne Gentechnik der Konzerne nicht im Gegenteil die Lösung der drängendsten Probleme?

Tatsächlich schwindet die biologische Vielfalt auf dem Acker dramatisch: Nur 30 Arten Reis, Mais und Weizen liefern heute 95 Prozent der pflanzlichen Nahrungs- und Futtermittel auf dem Globus. Ein schmales genetisches Fundament für die Versorgung der Menschheit mit lebensnotwendigen Gütern - das ziemlich genau dem überschaubaren, gut vermarktbaren Sortiment der Saatgutkonzerne entspricht.

Das war nicht immer so: 3000 Sorten Weizen, 5000 Sorten Reis und 6000 Sorten Mais wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte gezüchtet.

Zudem kritisieren die Bio-Aktivisten die Strategie, die Bauern dauerhaft an ihren jeweiligen Lieferanten binden soll: Die Big-Agro-Firmen, allesamt aus Chemiekonzernen hervorgegangen, bieten am liebsten eine feste Kombination von Pestizid und Saatgut an.

Monsanto hat dieses Geschäftsmodell perfektioniert: Einerseits verkauft das Unternehmen seinen patentierten Unkrautvernichter Roundup. Andererseits kann das Mittel nur sinnvoll einsetzen, wer auch Saatgut bei Monsanto kauft, das genetisch so verändert wurde, dass es gegen Roundup immun ist; immerhin fünf Milliarden Dollar Umsatz hat das Unternehmen voriges Jahr allein mit diesen Körnern gemacht.

Monsanto sei eine Art "Microsoft auf dem Acker", sagt Christoph Then, als Berater unter anderem im Aufsichtsrat der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch tätig. Die Strategie ähnele der des Softwareriesen: Wer das Betriebssystem Windows auf seinem PC installiert, der muss auch bestimmte Anwenderprogramme von Microsoft einsetzen.

Möglichkeit zu doppeltem Verdienst

Monsanto, meint Verbraucherschützer Then, habe sich im Agro-Business eine ähnliche Monopolposition gesichert: Bei den patentierten und daher besonders lukrativen Sorten, die durch gezielte Eingriffe genetisch verändert (GV) wurden, hat die Firma heute einen Weltmarktanteil von etwa 90 Prozent.

Verständlich, dass auch Konzerne wie BASF  oder Bayer  ein Stück von diesem Business abhaben möchten. Den Chemiegiganten, die auch das Geschäftsfeld Pflanzenschutz mit Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden beackern, bieten "transgene" Nutzpflanzen die Möglichkeit zu doppeltem Verdienst.

Rund eine Milliarde Euro hat BASF daher in den vergangenen zehn Jahren für den Aufbau des Bereichs "Plant Science" ausgegeben.

Im fruchtbaren Ackerland vor den Toren des Firmensitzes Ludwigshafen sind Labors, Treibhäuser und Feldversuchsflächen entstanden. Rund 700 Genetiker, Molekularbiologen, Agrarwissenschaftler und Botaniker erforschen und entwickeln dort vor allem neue GV-Sorten.

Die Pflanzen kommen, sobald sie eine zuvor festgelegte Größe erreicht haben, in den Schredder - um hinterher analysiert zu werden: Wie haben sich die Zellen von Wurzeln, Blattwerk, Stängeln und Früchten entwickelt? Werden die Ernten das liefern, wonach die Weltmärkte verlangen? Lassen sich damit maximale Gewinne erzielen?

Die Labors gehen auch zentralen Fragen nach: Ist das artfremde Gen, das ins Erbgut der Pflanze eingebaut wurde, tatsächlich am richtigen Ort gelandet? Tut es dort genau das, was die Züchter - und später die Bauern, die Konsumenten - von ihm erwarten? Stört es nicht etwa den Zellstoffwechsel und richtet Schäden an? An der Pflanze, an der Natur, bei Mensch und Tier?

Der Anbau der transgenen Sorten boomt. Im vergangenen Jahr wuchsen die Anbauflächen weltweit auf 114 Millionen Hektar - das ist mehr, als es in der gesamten EU gibt.

Besonders beliebt sind transgene Nutzpflanzen in Schwellenländern. In Indien beispielsweise stieg der GV-Anbau zwischen 2006 und 2007 um 63 Prozent. BASF-Forschungsvorstand Stefan Marcinowski hofft denn auch auf eine weiterhin gedeihliche Entwicklung: Bis zum Jahr 2025 sieht er den Weltmarkt für Pflanzen-Biotech auf 50 Milliarden Dollar Umsatz wachsen.

"Erlaubt ist, was satt macht"

Und? Ist das ein Problem?
Ja, sagen die Öko-Aktivisten.
Nein, sagen Industrievertreter und Agrarökonomen. Sie sind sich einig: Erlaubt ist, was satt macht.

"Wir müssen alles daransetzen, die Produktivität in der Landwirtschaft zu erhöhen", sagt Stefan Tangermann, Direktor für Handel und Landwirtschaft bei der OECD. "Anders werden wir den wachsenden Bedarf an Getreide und Grundnahrungsmitteln in den nächsten Jahrzehnten nicht befriedigen können."

Die Nachfrage nach Weizen, Mais, Soja, Raps und anderen sogenannten Ackerfrüchten ist geradezu explodiert. Die Weltmarktpreise haben sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Schon kommt es zu Versorgungsengpässen und Hungeraufständen wie voriges Jahr in Mexiko während der Tortilla-Krise oder unlängst auf Haiti.

Drei Trends befeuern den Agroboom:

  • Mehr Menschen müssen ernährt werden, denn die Weltbevölkerung wächst immer noch. Bis 2050 werden auf der Erde neun bis zehn Milliarden Menschen leben, zwei- bis dreieinhalb Milliarden mehr als heute.
  • Der gestiegene Wohlstand in vielen Schwellenländern führt dazu, dass sich die Menschen dort luxuriöser ernähren. Sie essen mehr Fleisch, was die Getreidemärkte überproportional belastet: So werden für jedes Kilo Schweinefleisch drei Kilo Körnerfutter benötigt, für Rindfleisch sieben bis acht Kilo.
  • Mit Macht treiben Amerikaner, Europäer und auch Chinesen die Spritherstellung aus Ackerfrüchten voran. Ethanol aus Mais oder Weizen und Biodiesel aus Raps-, Soja- oder Palmöl werden angesichts hoher Erdölpreise regulären Treibstoffen beigemischt. Nahrung wird verfeuert.

Kampf dem Maiszünsler

Die Saatgutindustrie bietet sich als Problemlöser an. Das stärkste Argument: Die GV-Pflanzen versprechen höhere Erträge - im Durchschnitt 10 Prozent je Hektar.

Bei den nächsten Produktgenerationen könnten pro Hektar schon 30 Prozent mehr drin sein. Langfristige Prognosen sehen zum Beispiel für transgenen Mais eine Verdoppelung der Ausbeute.

"Die Ertragserhöhung ist für uns Pflanzenbiotechnologen eine wesentlich größere Herausforderung und ein lohnenderes Ziel als etwa die Herbizidresistenz", sagt Hans Kast, Geschäftsführer von BASF Plant Science. Deren neue Mais-, Soja-, Raps- und Baumwollsorten, die ab 2012 in einer Kooperation mit Monsanto auf den Markt gebracht werden sollen, werden zum Beispiel Trockenheit wesentlich besser überstehen können: Ihnen wurden artfremde Gene eingepflanzt, die helfen, mit Wasserknappheit klarzukommen.

Außerdem müssten auf den Äckern weniger Pestizide eingesetzt werden, weil etwa Monsantos GV-Mais selbst ein Gift produziert, das den gefährlichsten Schädling, den Maiszünsler, gezielt abtötet.

Die für Menschen ungefährliche Substanz wird in den Pflanzenzellen hergestellt durch ein Bakteriengen, das die Techniker ins Maiserbgut hineinmanipuliert haben. So soll zumindest die biologische Vielfalt der übrigen Käfer und Falter erhalten bleiben.

Genau diesem Argument misstrauen die Bio-Aktivisten am meisten. Immer wieder protestieren Greenpeace und Co. vor Feldern mit "Genmais", immer wieder verwüsten militante Genfood-Gegner Ackerflächen mit GV-Pflanzen. Sie fürchten Gesundheitsschäden, wenn die Feldfrüchte ins Tierfutter wandern oder direkt auf dem Teller landen.

Tatsache ist jedoch, dass bis heute, zwölf Jahre nach Zulassung der ersten GV-Nutzpflanze, kein einziger Fall von Gesundheitsschädigung aufgetreten ist, der mit dem Verzehr von transgenem Mais, Soja oder Raps in Verbindung gebracht werden könnte. Das räumen auch die schärfsten Kritiker von Genfood ein.

Artensterben in großem Stil

Die Saatgutkonzerne analysieren jede neue Sorte auch nach deren Zulassung auf alle Fette, Eiweiße und Kohlehydrate, die sich daraus gewinnen lassen. Schon aus purem Eigeninteresse: Ein toxischer Effekt, und sei es nur bei einer Feldhamsterpopulation oder in einer Hühnerbatterie, wäre der GAU für ihr Geschäftsmodell. Ein einziger Todesfall beim Menschen könnte die Milliardenbranche, wie wir sie heute kennen, in kürzester Frist auslöschen.

Weitere Sicherheit bietet die Überwachung durch staatliche Labors und unabhängige Verbraucherschützer.

Doch selbst wenn die Gentechnik höhere Risiken mit sich bringen sollte, was ist die Alternative zu einer produktiveren Landwirtschaft?

Die schlichte Ausdehnung der Flächen hätte wahrscheinlich desaströsere Folgen für die Biodiversität als der Anbau neuer Sorten: abgeholzte Regenwälder, trockengelegte Feuchtgebiete - Artensterben in großem Stil.

Mehr als die Hälfte des Regenwalds, der früher die tropischen Regionen bedeckte, ist bereits vernichtet worden, schätzt die Welternährungsorganisation FAO; jedes Jahr geht ein weiteres knappes Prozent an Regenwald verloren. Der größte Teil dieser Flächen wird umgewandelt in Äcker oder Plantagen.

Mit den Saatgutkonzernen haben sich die Bio-Aktivisten das falsche Feindbild ausgesucht. Nicht Big Agro treibt die Brandroder in den Dschungel, sondern die Gier nach neuen Flächen.

Und wer glaubt, die Körnermultis würden zu mächtig, der kann sie ja immer noch bei den Wettbewerbsbehörden anzeigen. Das Ausnutzen einer marktbeherrschenden Stellung ist nach EU-Recht verboten. Eine Regel, die nicht nur auf dem Papier steht: Microsoft hat der Verstoß dagegen unlängst 900 Millionen Euro gekostet.

Big Agro: Die Player im Gengeschäft

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