China Nach dem Wunder

Die Brutalo-Industrialisierung Chinas stößt an ihre Grenzen. Die Wachstumsraten schrumpfen, Kosten explodieren. Das Land steht vor einem radikalen Umbau. Das hat schwerwiegende Folgen für westliche Unternehmen - und für die Weltkonjunktur.

Einmal im Jahr findet die größte Völkerwanderung der Neuzeit statt. Ende Januar oder Anfang Februar - je nach Stand des Mondes - feiert China das Neujahrsfest. Dann strömen alle Chinesen nach Hause zu ihren Familien. Rund 200 Millionen Menschen sind per Auto, Bahn, Bus und Flieger unterwegs zum größten Fest des Jahres.

Unter den Heimreisenden sind viele Wanderarbeitnehmer, die im prosperierenden Osten und Süden des Landes auf Baustellen oder in Fabrikhallen schuften und nur einmal im Jahr ihre Familien, Frauen und Kinder besuchen können. Nach einer Woche Feiern, Essen, Trinken und Böllern geht es wieder zurück in den - meist über 1000 Kilometer entfernten - tristen Malocheralltag.

So war es jedenfalls bisher.

In diesem Jahr war es anders. Viele Wanderarbeiter kehrten nicht zurück. Sie blieben einfach zu Hause, als eine Art stiller Protest gegen die zunehmend als unwürdig empfundenen Arbeitsbedingungen.

Und viele derer, die zurückkamen, standen vor verschlossenen Fabriktoren. Vor allem in der südlichen Provinz Guangdong, aber auch im industrialisierten Küstenstreifen des Ostens, zum Beispiel in der Hafenstadt Qingdao, machten Tausende von Fabriken - häufig in undurchsichtigen Nacht- und Nebelaktionen - dicht.

Grund der Schließungen: Die Kosten in China explodieren. Löhne, Energie, Rohstoffe - alles wird kräftig teurer. Auch der Staat trägt durch höhere Steuern und peniblere Umweltauflagen seinen Teil dazu bei. Außerdem steigt der Wert der chinesischen Währung Yuan gegenüber dem Dollar kontinuierlich , was die Exporte in die USA - Chinas wichtigsten Absatzmarkt - verteuert.

All diese Faktoren führen zu der neuen Erkenntnis: "Die Tage, in denen China als Standort für Billigproduktion diente, sind gezählt", sagt Ron Haddock, Shanghaier Büro-Chef des Beratungsunternehmens Booz & Co.

Verpestete Luft, verseuchte Flüsse

Kleidung, Schuhe, Spielzeuge, mit denen China in den vergangenen Jahren den Weltmarkt überschwemmte, können nun günstiger in Vietnam oder anderswo in Asien hergestellt werden.

Chinas Boomphase geht damit langsam zu Ende. Das Wirtschaftswunder erreicht seine Grenzen. Die Geschichte vom immerwährenden Wachstum entpuppt sich als Peking-Ente. Chinas unbedingter Wille, zum wichtigsten Staat der Welt aufzusteigen, stößt sich nicht nur politisch (Tibet und die Folgen), sondern auch wirtschaftlich an den Realitäten. Und: China ist inzwischen nicht mehr die Lösung der weltweiten Konjunktursorgen, das Land könnte vielmehr zum Teil des Problems werden.

China muss seine staatsgelenkte Wirtschaft komplett umstellen - weg von dem ressourcenverschwendenden Wachstum um jeden Preis, hin zu saubereren Industrien und Dienstleistungen. Auch muss der bisher sträflich vernachlässigte private Konsum endlich eine größere Rolle spielen. Dies alles wird auch gravierende Konsequenzen für westliche Unternehmen haben, die in China investieren.

Jahrzehntelang - seit Beginn der Öffnungspolitik anno 1978 - wuchs die Wirtschaft jährlich im Schnitt um 10 Prozent. Kein Land der Welt hat sich jemals in einem solchen Tempo entwickelt. Aber auch kein Land hat während seiner Industrialisierung so rücksichtslos Raubbau an seinen Ressourcen betrieben.

Provinzfürsten genehmigten willkürlich neue Industrieprojekte. Je größer, desto besser. Hauptsache, es diente dem Wachstum ihrer Stadt oder Region und damit auch ihrem Fortkommen auf der Karriereleiter. Folglich überboten sich Gouverneure und Bürgermeister mit Wachstumsraten.

Die ökologischen Folgen dieser Brutalo-Industrialisierung sind jetzt landauf, landab zu besichtigen - und zu spüren: Sandstürme und Versteppung im Norden, verpestete Luft in den Metropolen des Ostens, allerorten verseuchte Flüsse und Seen sowie saurer Regen. China ist inzwischen unrühmlicher Weltmeister beim Ausstoß von Schwefeldioxid und bald auch bei den CO2-Emissionen.

Über 40 neue Kernkraftwerke geplant

Die wichtigste Ursache ist der Umweltverschmutzer Kohle, immer noch die mit Abstand größte Energiequelle des Landes. Sie deckt rund 70 Prozent des Bedarfs. Außerdem ist China nach den USA der größte Ölverbraucher.

Die Staatslenker bauen und planen über 40 neue Kernkraftwerke. Trotzdem hat das Land wegen seines exorbitanten Wachstums Energieprobleme. Immer wieder fällt der Strom aus.

Die Industrie produziert extrem ineffizient. Eine chinesische Fabrik verbraucht viereinhalbmal so viel Energie wie eine US-amerikanische und siebeneinhalbmal so viel wie eine japanische.

Auf Dauer lässt sich ein solches Wirtschaften nicht durchhalten, wie Kritiker aus dem Westen schon länger mahnen. Doch erst jetzt, seit die warnenden Stimmen auch im Land selbst lauter werden, fangen die Herrschenden an zuzuhören.

Einer der Ersten, die die Gefahren benannten, ist Pan Yue, kritischer Vizechef der staatlichen Umweltagentur SEPA, die soeben zum Ministerium aufgewertet wurde. Pan rechnete vor, dass Chinas ungezügeltes Wachstum jährliche Umweltkosten von über 200 Milliarden Dollar verursache. Das sind fast 10 Prozent des Sozialprodukts - also mehr oder weniger dessen jährliche Wachstumsrate. Mit anderen Worten: Chinas Umweltfrevel frisst das ganze Wachstum auf.

Nun dämmert es auch den Verantwortlichen in Chinas Politik und Wirtschaft, dass es so nicht weitergehen kann, zumal sich in der Bevölkerung die Proteste gegen Umweltsünden und Strom-Blackouts mehren.

"Chinas unausgeglichene Wirtschaft ist ein sehr ernsthaftes Problem", konzediert der Vorsitzende der China Construction Bank, Guo Shuqing, in seinem gerade erschienenen Buch mit dem Titel "Rebalance China's Economy".

Rebalancing, also ein neues Austarieren der Volkswirtschaft, heißt denn auch das Schlagwort der politischen Führung. Bereits auf dem Parteitag im Oktober 2007 konstatierte Staats- und Parteichef Hu Jintao: "Wir können nicht länger das Wirtschaftswachstum durch steigende Investitionen und den Verbrauch natürlicher Ressourcen vorantreiben." Und in Basta-Mentalität fügt er hinzu: "Der alte Weg kann nicht länger beschritten werden."

Billiger Jakob war gestern

Entsprechend den Worten des großen Vorsitzenden zeichnet sich inzwischen ein radikaler Wandel in Chinas Wirtschaftspolitik ab: mehr Konsum statt Investitionen, mehr Hightech statt Lowcost, mehr saubere Dienstleistungen statt dreckiger Industrie.

Die neue Industriepolitik, die nun sukzessive umgesetzt werden soll, benachteiligt Umweltverschmutzer und Energieverschwender, bevorzugt aber saubere und zukunftsträchtige Industrien.

Welche Branchen top oder Flop sind, ist ziemlich detailliert im neuen "Foreign Investment Catalogue" vom Dezember 2007 aufgelistet. Darin werden die Branchen drei Kategorien zugeordnet: förderungswürdig, eingeschränkt erlaubt und verboten. Klar ist, dass Hightech-Branchen - von Pharma über Biotech bis zur Luft- und Raumfahrt - höchst willkommen sind. Interessant ist, dass die Industrien, mit denen China in den vergangenen Jahren zur wirtschaftlichen Großmacht aufgestiegen ist, also die meisten Konsumgüterbranchen, fortan nicht mehr unbedingt erwünscht sind.

China will nicht mehr der billige Jakob der Weltwirtschaft sein. Die Regierung tut deshalb einiges, um den lohnintensiven Industrien das (Über-)Leben zu erschweren. So ist am 1. Januar ein neues Arbeitsrecht in Kraft getreten, das die Rechte der Arbeiter und der Gewerkschaften im Land stärkt.

Arbeiter haben danach endlich ein Anrecht auf einen schriftlichen Vertrag. Und wer zum Beispiel seit zehn Jahren in einem Unternehmen tätig ist, kann nicht mehr gefeuert werden. Diese Maßnahmen verteuern die Arbeit und damit auch viele der Konsumgüter, die exportiert werden - von Kleidung über Schuhe bis zu Elektrogeräten.

Keine Frage: Das Exportwachstum wird sich deshalb - und wegen des aufwertenden Yuan - weiter abschwächen. Das ist politisch erwünscht (vor allem, um die zunehmende ausländische Kritik an den exorbitanten Handelsüberschüssen Chinas abzumildern) und wirtschaftlich längst überfällig.

"Die Nachfrage im Inland ankurbeln"

Stephen Roach, Chef von Morgan Stanley Asia, argumentiert: "Das exportgetriebene Wachstumsmodell braucht ein Rebalancing." Er fordert eine stärkere Fokussierung auf den privaten Konsum. Denn China hat unter den großen Volkswirtschaften die mit Abstand niedrigste Konsumrate. Nur 36 Prozent des Sozialprodukts fließen in den privaten Verbrauch. Zu wenig, sagt Staatschef Hu Jintao und verlangt: "Wir müssen die Nachfrage im Inland ankurbeln, vor allem die Verbrauchernachfrage."

Diese Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik - mehr Konsum, weniger Investitionen - wird weniger Wachstum bedeuten. So ist im Fünf-Jahres-Plan bis 2010 auch nur noch ein jährliches Wachstum von 7,5 Prozent vorgesehen.

"Die Frage wird sein, wie weit der steigende Konsum die rückläufigen Investitionen kompensieren kann", sagt der renommierte China-Analyst Dong Tao von der Credit Suisse in Hongkong. Eine endgültige Antwort darauf hat der Ökonom freilich nicht. Er weiß nur, dass die chinesischen Verbraucher zunehmend spendabel werden.

"Seit dem vergangenen Jahr erleben wir einen Konsumboom", sagt Franc Kaiser von Interchina Consulting in Shanghai. Immer mehr Chinesen haben ein Jahreseinkommen zwischen 4000 und 12.000 Dollar. Wer so viel verdient, beginnt kräftig zu konsumieren. Derzeit befinden sich 100 Millionen Chinesen in dieser Einkommensklasse. Bis zum Jahr 2020 soll diese ausgabenfreudige Mittelschicht - so Kaisers Projektion - auf 500 Millionen wachsen. Eine gigantische Zahl, die freilich nur erreicht werden kann, wenn der angestrebte Umbau der Wirtschaft gelingt.

Wenn Berater Kaiser aus dem Fenster seines Büros in der 31. Etage blickt, kann er den Konsumboom sehen: Auf den beiden großen kilometerlangen Einkaufsstraßen Shanghais - der traditionellen Nanjing Lu und der modernen Huaihai Lu - fließt eine Einkaufstaschen schleppende Menschenmasse träge dahin.

Die Städte aus der dritten Reihe

Ein Bild, das inzwischen auch jenseits der Glitzermetropolen Peking und Shanghai immer häufiger zu sehen ist. In den Städten der sogenannten zweiten und dritten Reihe wächst eine kaufkräftige Mittelschicht heran. Über 100 solcher Städte mit mehr als einer Million Einwohnern wurden in dem Riesenreich gezählt.

Zum Beispiel Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan, rund zehn Millionen Einwohner. Bis spät abends wuseln dort Menschen durch die großzügige Fußgängerzone und die riesigen Einkaufsmalls, die man in dieser Stadt im tiefen Westen gar nicht vermutet.

Es sind auffallend viele junge Menschen, die durch Chengdu schlendern. Sie sind die Vertreter der Ein-Kind-Generation, die ein vollkommen anderes Konsumverhalten zeigen als ihre Eltern. Im Kindesalter verhätschelt, gewöhnten sie sich frühzeitig an die Segnungen des Konsums. Analyst Dong Tao sagt: "Diese 20- bis 29-Jährigen sind die Treiber des neuen Konsums in China."

Und auch der Staat trägt dazu bei, den privaten Verbrauch anzukurbeln. Allerorten steigen die Mindestlöhne. Neue, großzügigere Urlaubsregelungen sollen die Chinesen zudem zum Konsumieren animieren. Die Verbraucher haben offenbar verstanden. Seit Monaten steigen die Umsätze im Einzelhandel um 15 bis 20 Prozent.

Was aber bedeutet dieser Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik - mehr Konsum statt Investitionen - für die ausländischen Unternehmen?

Auch sie müssen umdenken und China neu betrachten. China als Billigstandort - das war gestern. China als Absatzmarkt - das hat Zukunft. Will man als ausländisches Unternehmen freilich die neue Mittelschicht erobern, braucht man die richtigen Produkte. Und daran hapert es allzu häufig.

Solange die Produzenten aus dem Westen - wie bisher - nur die chinesische Top-Konsumentenschar bedienten, war der Verkauf so einfach wie ertragreich. Denn die Neureichen griffen zum Beispiel zu Boss-Anzügen, ohne auf die horrenden, weit über West-Niveau liegenden Preise zu schauen. Die wachsende Mittelschicht dagegen will nicht westliche Produkte um jeden Preis.

Die Schlachten der Zukunft

Zudem ist es für West-Unternehmen viel einfacher, ihre Waren in den westlich orientierten Metropolen Shanghai oder Peking zu verkaufen als in Changsha oder Shijiazhuang, um zwei unbekannte, aber nicht unbedeutende Provinzhauptstädte zu nennen.

Doch genau dort werden die Schlachten der Zukunft ausgetragen, denn dort müssen sich die westlichen Unternehmen zunehmend mit neuen chinesischen Gegnern herumschlagen, die einige (Heim-)Vorteile haben. Jonathan Woetzel, Direktor im McKinsey-Büro in Shanghai, sagt: "Multinationale Unternehmen stoßen dort auf regionale und nationale chinesische Rivalen, die ihre Kunden besser kennen."

Wer auch immer am Ende davon profitiert - der Ausbau der Konsumgesellschaft kann angesichts massiv steigender Löhne in den nächsten Jahren durchaus gelingen. Viel schwieriger wird jedoch der langfristig erheblich bedeutendere Umbau in eine moderne Industriegesellschaft, also in Richtung zukunftsträchtiger Hightech-Branchen wie Bio-, Nano- oder Luftfahrttechnologie.

Den Chinesen fehlen hierzu zwei entscheidende Voraussetzungen: Köpfe und Ideen. Schon jetzt hat das Land einen gravierenden Mangel an Facharbeitern, Ingenieuren und Managern. "Das ist der große Engpassfaktor", sagt Bernd Reitmeier, Vizechef der Handelskammer in Shanghai.

Zwar entlassen die vielen Universitäten im Lande jedes Jahr Millionen von Absolventen auf den Arbeitsmarkt, aber deren Qualifikation liegt weit unter westlichem Niveau. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass nur rund ein Zehntel der Uni-Abgänger für westliche Firmen geeignet ist.

Die Freiheit der Andersdenkenden

An den Unis, wie schon in den Schulen, wird den Chinesen das Wissen förmlich eingetrichtert. Stures Auswendiglernen dominiert die Curricula in den Lehranstalten. Diskussionen sind nicht erwünscht, ebensowenig kritische Fragen.

Kann China unter solchen Voraussetzungen überhaupt innovativ sein? Bislang ist das Land nicht durch Erfindergeist aufgefallen. Keinen einzigen Nobelpreisträger hat das Riesenreich hervorgebracht.

Was keine Frage von Genen ist: Wenn die Chinesen frei denken und forschen dürfen, dann zeigen sie ihre Kreativität. Im amerikanischen Silicon Valley gehören sie - neben den Indern - seit Jahren zu den innovativsten und erfolgreichsten Entrepreneuren.

Warum schaffen sie es dort und nicht zu Hause? Ganz einfach: Jenseits des Pazifiks herrscht eine freie, demokratische und diskursfördernde Gesellschaft, in China dagegen ein autoritäres und meinungstötendes System.

Die Freiheit der Andersdenkenden - sie wird langfristig zur Grundbedingung für den Erfolg der chinesischen Wirtschaft. Was nicht unbedingt optimistisch stimmt.

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