Samstag, 7. Dezember 2019

China Nach dem Wunder

Die Brutalo-Industrialisierung Chinas stößt an ihre Grenzen. Die Wachstumsraten schrumpfen, Kosten explodieren. Das Land steht vor einem radikalen Umbau. Das hat schwerwiegende Folgen für westliche Unternehmen - und für die Weltkonjunktur.

Einmal im Jahr findet die größte Völkerwanderung der Neuzeit statt. Ende Januar oder Anfang Februar - je nach Stand des Mondes - feiert China das Neujahrsfest. Dann strömen alle Chinesen nach Hause zu ihren Familien. Rund 200 Millionen Menschen sind per Auto, Bahn, Bus und Flieger unterwegs zum größten Fest des Jahres.

Unter den Heimreisenden sind viele Wanderarbeitnehmer, die im prosperierenden Osten und Süden des Landes auf Baustellen oder in Fabrikhallen schuften und nur einmal im Jahr ihre Familien, Frauen und Kinder besuchen können. Nach einer Woche Feiern, Essen, Trinken und Böllern geht es wieder zurück in den - meist über 1000 Kilometer entfernten - tristen Malocheralltag.

So war es jedenfalls bisher.

In diesem Jahr war es anders. Viele Wanderarbeiter kehrten nicht zurück. Sie blieben einfach zu Hause, als eine Art stiller Protest gegen die zunehmend als unwürdig empfundenen Arbeitsbedingungen.

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Und viele derer, die zurückkamen, standen vor verschlossenen Fabriktoren. Vor allem in der südlichen Provinz Guangdong, aber auch im industrialisierten Küstenstreifen des Ostens, zum Beispiel in der Hafenstadt Qingdao, machten Tausende von Fabriken - häufig in undurchsichtigen Nacht- und Nebelaktionen - dicht.

Grund der Schließungen: Die Kosten in China explodieren. Löhne, Energie, Rohstoffe - alles wird kräftig teurer. Auch der Staat trägt durch höhere Steuern und peniblere Umweltauflagen seinen Teil dazu bei. Außerdem steigt der Wert der chinesischen Währung Yuan gegenüber dem Dollar kontinuierlich , was die Exporte in die USA - Chinas wichtigsten Absatzmarkt - verteuert.

All diese Faktoren führen zu der neuen Erkenntnis: "Die Tage, in denen China als Standort für Billigproduktion diente, sind gezählt", sagt Ron Haddock, Shanghaier Büro-Chef des Beratungsunternehmens Booz & Co.

© manager magazin 5/2008
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