Sonntag, 15. Dezember 2019

BMW Frust am Fahren

Die Konkurrenten Audi und Mercedes ziehen an BMW vorbei. Der Konzern braucht dringend eine Reform. Vorstandschef Norbert Reithofer beschleunigt den Umbau - doch viele im Management des Münchener Autoherstellers bremsen.

"Haben wir eigentlich einen Knall?" Die Frage des Vorstandsvorsitzenden verlangte keine Antwort. Gemeinsam mit Werksleiter Günter Klamer (54) schaute Norbert Reithofer (51) an diesem Morgen im Motorenwerk München über Dutzende Varianten von Außenspiegeln und Keilriemenscheiben, visierte schließlich die Klimageräte an und zählte 27 verschiedene Kühlaggregate - eines so gut wie das andere, jedes für ein anderes BMW-Modell. Reithofer ist Ingenieur, er weiß, wie abhängig das Unternehmen von seiner Technologie ist.

BMW-Zentrale: "Haben wir eigentlich einen Knall?"
DPA
BMW-Zentrale: "Haben wir eigentlich einen Knall?"

Aber in diesem Moment sah er vor allem etwas anderes: Die meisten dieser Geräte waren schlicht überflüssig. "Haben wir eigentlich einen Knall?" Die Visite im Motorenwerk sollte sich schnell herumsprechen bei BMW; genau wie die darin verpackte Erkenntnis: Hier wird verschwendet, hier hat über Jahre jeder gemacht, was er wollte.

Die Folgen sind gravierend. BMW, lange Zeit der profitabelste der großen deutschen Autobauer, ist zurückgefallen. Audi und Mercedes sind mit Gewinnmargen von mehr als 8 Prozent an den Münchenern vorbeigezogen.

Da nützen auch Rekordzahlen bei Absatz und Umsatz nichts - die Bayerischen Motoren Werke sind, von außen nahezu unbemerkt, in eine Midlife-Crisis geschlittert. Die "Freude am Fahren" ist dem "Frust am Fahren" gewichen:

  • Durch das lange Leben im Überfluss sind die Kosten nach oben geschnellt. Betriebswirtschaftliche Kennziffern wie ROCE (Return on Capital Employed) zeigen, dass der Kapitaleinsatz weniger effizient ist als in Ingolstadt oder Stuttgart.
  • Die Organisation, früher gern als schlank wie bei einem Mittelständler gepriesen, hat Fett angesetzt. Die Zahl der teuren Führungskräfte liegt deutlich über dem Branchendurchschnitt. In zentralen Bereichen wie Vertrieb und Entwicklung werkeln Hundertschaften vor sich hin, von denen kaum jemand weiß, was sie eigentlich machen. Allein im Entwicklungsressort säßen 1500 Leute in Planungsstäben, die nichts mit der eigentlichen Entwicklung zu tun hätten, sagt ein BMW-Ingenieur. "Die Hälfte davon ist überflüssig."
  • Der niedrige Dollar-Kurs trifft BMW härter als die Konkurrenz; hohe Absatzzahlen in Übersee, verbunden mit unzureichender Kursabsicherung, führen dazu, dass Amerika zu einem Abenteuer für die Premiummarke wird; es wird fast nichts mehr verdient.
  • Das Image von BMW hat durch hohe Rabatte gelitten, während Mercedes gestärkt aus der Krise hervorgegangen und Audi Trendsetter geworden ist.
  • Der Aktienkurs hat Schaden genommen. BMW Börsen-Chart zeigen war Mitte April an der Börse weniger wert als das Eigenkapital des Konzerns; Daimler Börsen-Chart zeigen und die Audi-Mutter VW Börsen-Chart zeigen sind auch hier in die Ferne gerückt.

© manager magazin 5/2008
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