Mittwoch, 18. September 2019

Architektur Triumph der Villa

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg baut die deutsche Wirtschaftselite wieder großbürgerlich. Ob klassisch oder modern - renommierte Baumeister sorgen für Stilsicherheit. manager magazin gewährt einen Blick in ausgesuchte Prachtvillen.

"Hier wohnt bestimmt euer Kaiser", bemerkt der türkische Taxifahrer spitz, als er in der stillen Sackgasse im Düsseldorfer Osten vor einem breitschultrigen weißen Prachtbau hält.

In der Tat, die siebenachsige, mit Gesimsen und Architraven gegliederte Fassade und den französischen Austritten im Obergeschoss verströmt den Glanz des Erhabenen, des Würdigen, einfach des Herrschaftlichen.

Der Hausherr, einer der bekanntesten Wirtschaftsanwälte des Landes, Spezialist für Mergers and Acquisitions, "aber bitte keine Namen", empfängt den Gast im marmorfunkelnden Entree von drei Stufen herab, nachdem die schwere Haustür sanft ins Schloss gefallen ist. Der Mann im Maßanzug zeigt sich sichtlich stolz auf sein Domizil, ebenso die Dame des Hauses, die zur Begrüßung in die Halle geeilt kommt. Und die ist ein Prunkstück für sich: Der Himmel schaut durch das Glasdach auf den Marmorzirkel des Fußbodens. Und gleichzeitig wandert der Blick durch das weite Gartenzimmer in den Park, wo unter hohen Buchen das Badehaus und ein mehrteiliger Pool platziert sind. Ein modernes Arkadien, filigran und doch gewaltig wie eine Beethoven-Symphonie.

"Wir wollten ein richtig schönes klassisches Haus haben, das unserem Stilempfinden entspricht", erklärt der Anwalt den Ansatz für den wundersamen Villenneubau in Traditionsbauweise. "Die ideale Verbindung aus Großzügigkeit und Zeitlosigkeit."

Als Architekten für sein Vorhaben fand das hochgestimmte Ehepaar nach diffiziler Suche den Berliner Tobias Nöfer, einen Schüler der Traditionalisten O. M. Ungers, und Hans Kollhoff, einen der wenigen, die heute noch das klassische Repertoire des Villenbaus beherrschen.

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Und der lieferte ihnen ein prominentes Exemplar für jenen Zug der Zeit, der dieses Jahrzehnt prägt: die Hinwendung der Wirtschaftselite zu qualitätsvollem großbürgerlichem Bauen und Wohnen, verbunden mit Namen renommierter Architekten und stilistisch ausgefeilter Baukunst. Wie nie zuvor in der Zeit nach 1945 finden Unternehmer und Manager, ihre Berater und Anwälte Freude an den Konzepten ruhmreicher Baumeister, seien sie nun der Tradition verpflichtet oder eher der Moderne zugetan.

"Die Bauaufgabe der Villa war in der Nachkriegsarchitektur auf merkwürdige Weise tabuisiert", merkte Hans Kollhof an, als er mit einem Prunkstück, dem klassizistischen Wohnhaus des Wirtschaftsanwalts Andreas Gerl im Grunewald, im Jahr 2000 die Renaissance des Villenbaus paukenschlagartig eröffnete. Wo bis dahin kleinmütig gekleckert wurde, wird seither großbürgerlich geklotzt. "Wenn der Kapitalismus vielleicht doch nicht untergeht", bespaßte sich unlängst die "Zeit", "so haben wir das ... Topmanagern mit einem Sinn für Immobilien zu verdanken."

© manager magazin 4/2008
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