Architektur Triumph der Villa

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg baut die deutsche Wirtschaftselite wieder großbürgerlich. Ob klassisch oder modern - renommierte Baumeister sorgen für Stilsicherheit. manager magazin gewährt einen Blick in ausgesuchte Prachtvillen.

"Hier wohnt bestimmt euer Kaiser", bemerkt der türkische Taxifahrer spitz, als er in der stillen Sackgasse im Düsseldorfer Osten vor einem breitschultrigen weißen Prachtbau hält.

In der Tat, die siebenachsige, mit Gesimsen und Architraven gegliederte Fassade und den französischen Austritten im Obergeschoss verströmt den Glanz des Erhabenen, des Würdigen, einfach des Herrschaftlichen.

Der Hausherr, einer der bekanntesten Wirtschaftsanwälte des Landes, Spezialist für Mergers and Acquisitions, "aber bitte keine Namen", empfängt den Gast im marmorfunkelnden Entree von drei Stufen herab, nachdem die schwere Haustür sanft ins Schloss gefallen ist. Der Mann im Maßanzug zeigt sich sichtlich stolz auf sein Domizil, ebenso die Dame des Hauses, die zur Begrüßung in die Halle geeilt kommt. Und die ist ein Prunkstück für sich: Der Himmel schaut durch das Glasdach auf den Marmorzirkel des Fußbodens. Und gleichzeitig wandert der Blick durch das weite Gartenzimmer in den Park, wo unter hohen Buchen das Badehaus und ein mehrteiliger Pool platziert sind. Ein modernes Arkadien, filigran und doch gewaltig wie eine Beethoven-Symphonie.

"Wir wollten ein richtig schönes klassisches Haus haben, das unserem Stilempfinden entspricht", erklärt der Anwalt den Ansatz für den wundersamen Villenneubau in Traditionsbauweise. "Die ideale Verbindung aus Großzügigkeit und Zeitlosigkeit."

Als Architekten für sein Vorhaben fand das hochgestimmte Ehepaar nach diffiziler Suche den Berliner Tobias Nöfer, einen Schüler der Traditionalisten O. M. Ungers, und Hans Kollhoff, einen der wenigen, die heute noch das klassische Repertoire des Villenbaus beherrschen.

Und der lieferte ihnen ein prominentes Exemplar für jenen Zug der Zeit, der dieses Jahrzehnt prägt: die Hinwendung der Wirtschaftselite zu qualitätsvollem großbürgerlichem Bauen und Wohnen, verbunden mit Namen renommierter Architekten und stilistisch ausgefeilter Baukunst. Wie nie zuvor in der Zeit nach 1945 finden Unternehmer und Manager, ihre Berater und Anwälte Freude an den Konzepten ruhmreicher Baumeister, seien sie nun der Tradition verpflichtet oder eher der Moderne zugetan.

"Die Bauaufgabe der Villa war in der Nachkriegsarchitektur auf merkwürdige Weise tabuisiert", merkte Hans Kollhof an, als er mit einem Prunkstück, dem klassizistischen Wohnhaus des Wirtschaftsanwalts Andreas Gerl im Grunewald, im Jahr 2000 die Renaissance des Villenbaus paukenschlagartig eröffnete. Wo bis dahin kleinmütig gekleckert wurde, wird seither großbürgerlich geklotzt. "Wenn der Kapitalismus vielleicht doch nicht untergeht", bespaßte sich unlängst die "Zeit", "so haben wir das ... Topmanagern mit einem Sinn für Immobilien zu verdanken."

"Bau bloß kein Museum"

Als Beispiele zog das Blatt "die Herren Dibelius, Kleinfeld und Reitzle" heran, die "schumpetersche Unternehmerqualitäten bewiesen, galt doch dem Ökonomen das Streben nach einem großbürgerlichen Stadthaus oder Landsitz als Haupttriebfeder der kapitalistischen Produktionsmaschine".

Alle drei sind in jüngster Zeit mit repräsentativen Wohnbauten in die Medien gelangt. Die Reihe ließe sich fortsetzen: Berater Roland Berger hat kürzlich in München vornehm gebaut, Metro-Chef Eckhard Cordes ist gerade dabei. In Hamburg lässt sich ein Großreeder eine Villa vom amerikanischen Stararchitekten Richard Meier an den Alsterlauf setzen, ein anderer Kaufmann einen imposanten Kubenbaukörper vom Kollegen David Chipperfield an die Elbchaussee.

In Köln-Marienburg hat sich ein Mann der Filmbranche ein farbenfrohes Traumhaus vom Baumeister-Paar Schultes Frank (berühmt für ihr Berliner Kanzleramt) hinstellen lassen, in Kitzbühel schließlich baut ein (eher berüchtigter) Medienunternehmer mit dem Mailänder Virtuosen Matteo Thun. Und am Potsdamer Heiligen See residieren Joop und Jauch nachbarschaftlich in hochherrschaftlichen Anwesen.

"Natürlich ist die Villa nicht tot", notiert der Hamburger Planer und Berater Holger Reiners in einem Prachtband, in dem er 35 mit dem von ihm gestifteten Architekturpreis ausgezeichnete Beispiele der jüngsten Vergangenheit vorstellt. In jedem Fall rät Reiners in dem opulenten Lehrwerk für potenzielle Bauherren: "Wer eine Villa bauen will, vertraue sich nicht irgendeinem Architekten an, sondern einem Meister mit Format."

Schließlich ist so ein Bau immer auch ein Wagnis, bei dem eine Menge schiefgehen kann. Das musste bereits Alfred Krupp bitter erfahren, der mit der Villa Hügel wohl das größte je in Deutschland errichtete Fabrikantenwohnhaus bauen ließ, mit Heizung und Ventilation seiner Zeit weit voraus.

Zu weit. "Im Hause wird einer nach dem anderen krank von Zug, man kann bei Wind sich nicht retten", beklagte sich Krupp in einem Brief bei einem Ingenieur, "in der Halle oben und den übrigen Corridors genießen wir nach Tische nochmals den ganzen Duft der Küche." Ein klimatisierter Albtraum.

Den Meister von Format - der Banker Alexander Dibelius hat ihn in seinem Vetter Thomas in Hamburg gefunden. Der hatte dem Deutschland-Chef von Goldman Sachs  bereits in Wiesbaden ein angemessenes Parkrefugium geschaffen, ganz und gar der Moderne verpflichtet, mit sehr viel Glas zum Licht und zur Natur hin geöffnet, wiewohl durchaus mit dem klassischen Komfort der Villa ausgestattet. Da bot sich Alexander Dibelius die Gelegenheit, in München das Grundstück der Thomas-Mann-Villa zu erwerben, allerdings mit der Auflage, dieses Gebäude, 1913 fertiggestellt, originalgetreu neu zu errichten.

Der Banker ließ den Nachbau bis ins Detail nachahmen. Bis ihm sein Vetter in die Parade fuhr: "Pass auf, dass du dich nicht blamierst, hab' ich gesagt", erzählt Architekt Dibelius. "Bau kein Museum, du bist ein moderner Mann mit 'ner jungen Frau und fährst mit modernen Autos anstatt mit 'ner Kutsche. Du kannst die alte Hülle benutzen, aber drinnen muss alles modern sein."

"Halte nichts von Disneyland"

Und so geschah es. Der Architekt verpasste dem wiedererrichteten Dichterdomizil ein Innenleben in kühler Gegenwartsarchitektur. Und auf 1200 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche allen erdenklichen Komfort der Jetztzeit. Im Sockelgeschoss installierte er eine reine Technikebene samt Tiefgarage, darüber eine Wellnessebene samt Pool, Sauna und Dampfbad. Die drei Stockwerke darüber sind, anders als früher, komplett ausgebaute Wohnetagen. Und im Spitzboden befinden sich zwei Gästeapartments. Verbunden sind die vier Etagen mit einem Aufzug. Thomas Mann würde sich nicht mehr zurechtfinden.

Dennoch hat sich das Raumprogramm der Villa nicht groß geändert, erläutert Architekt Dibelius. Noch immer sind im Erdgeschoss, auch bei den Bauten der Moderne, die repräsentative Halle, der schmucke Treppenaufgang und ein großzügiger Wohnbereich mit fließenden Raumfolgen untergebracht. Inklusive des Privatraums mit Kamin, Bibliothek, Fernsehraum. Sowie ein Speiseraum für festliche Diners. "Das erhabene Gefühl, das Großzügige ist das Schöne - nicht Protz und Prunk", schwelgt Thomas Dibelius. "Die Villa ist Luxus an Raum."

Dies würde auch Meinhard von Gerkan unterschreiben. Der Großmeister, der den Berliner Hauptbahnhof geplant hat und mit gigantischen Projekten vom Stadion in Kapstadt bis hin zu Lingang New City bei Shanghai durchaus beschäftigt ist, lässt es sich nicht nehmen, hin und wieder einen Privatbau zu entwerfen. So etwa einen fast sakral anmutenden weitläufigen Holzbau für einen Hamburger Unternehmer und Kunstsammler im Vorort Reinbek. Und jüngst eine geräumige Villa für einen lettischen Luxuskaufmann im Kiefernwald am Strand von Jurmala, dem Badeort von Riga - Geburtsort von Gerkans.

"Ich schätze Einfachheit, Klarheit und die Sichtbarmachung der Baukörperfügung", erklärt er die Bauhaus-Proportionen der Rigaer Villa. "Dies ist nicht das Haus eines Großbankers, der seinen Reichtum zur Schau stellen will, ganz besonders gediegene antike Stücke oder wertvolle Gemälde, sondern dies ist ein Haus, in dem die beiden Bewohner in erster Linie Geschmack zeigen wollen."

Den will auch der Hamburger Kaufmann unter Beweis stellen, der an der Elbchaussee mit dem britischen Weltklasse-Architekten David Chipperfield baut. Eine Villa aus mehreren ineinander verschränkten Kuben am Elbhang. Die Fassade besteht aus braunem Klinker, der beim Abriss einer 200 Jahre alten Kaserne in Brandenburg anfiel. Auch eine Verbindung von Altem und Neuem.

"Ich halte nichts davon, à la Disneyland historisierend irgendwelche Altbauten nachzuempfinden", sagt der Bauherr, der inkognito bleiben möchte. "Deshalb haben wir uns entschieden, einen Architekten zu beauftragen, der eine klassische moderne Formensprache verwirklicht."

Der Mann darf sich doppelt freuen, denn bei Villen von derlei Architekten ist auch das Preis-Leistungs-Verhältnis Weltklasse.

"Der Aufwand, den so ein Architekt treibt", so der Chipperfield-Klient, "steht bei einem Einfamilienhaus in keinem Verhältnis zu dem Preis, den er dafür verlangen kann."

Villen: Baumeister sorgen für Stilsicherheit Baukunst von Baumeistern: Erste Adressen

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